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Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

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NR.2 2 




PANIENTEIL ^ 

( ÜNEVOR DER WAHL 
bHERNOBYL UND DIE 

U ** ‘ 0 ^ A 
























Editorial einmal anders - 

Als unser eigentliches Editorial betrachten 
wir unseren Artikel »Tschernobyl und die 
Asylanten«, deshalb ist hier Platz für eine all¬ 
gemeine Anmerkung. Der SF wird häufig als 
Theoriezeitung bezeichnet; wir sehen ihn 
selbst mehr als Diskussionszeitschrift, die an¬ 
archistische Infos, Theorie, Geschichte, Kul¬ 
tur, aktuelle Politik und in jüngster Zeit auch 
Literatur (z.B. Marut) und Kunst (z.B. Ge¬ 
org Janthur) enthält. Doch gehen wir darauf 
ein, der SF sei eine Theoriezeitschrift, dann 
wollen wir zumindest andeutungsweise defi¬ 
nieren, wie wir Theorie verstanden wissen 
j wollen. 

Theorie wird zu häufig mit verächtlichem 
Grinsen abgetan; wer so handelt, entspricht 
(meist unbewußt) einem Herrschaftsinteres¬ 
se, das Theorie in die Universitäten abschie¬ 
ben will, um sie vom Alltag und vom konkre¬ 
ten Handlungsspielraum der Menschen mög¬ 
lichst weit weg zu wissen. 

Andererseits: Keine Theorie allein kann 
die richtige sein, jede bringt nur die Erkennt¬ 
nisse heraus, auf die hin die Theorie konstru¬ 
iert wurde. Theorie sollte nicht dazu mi߬ 
braucht werden, »Wahrheiten« festzustel¬ 
len, sondern sich solchen annähern um dar¬ 
aus Verhaltenskonsequenzen zu ziehen. Wer 
eine theoretische Weitsicht verabsolutiert, 
handelt genauso alltagsweltlich-borniert wie 
der Berufspolitiker, der den gesellschaftli¬ 
chen Status Quo für die beste und unverän¬ 
derbarste Realität ansieht. 

Und insofern stellen wir ausdrücklich fest, 
daß es ein Mensch (Mann und Frau!) ist, der 
Texte interpretiert, dessen Bewußtsein, des¬ 
sen Horizont, dessen Fähigkeiten sich tat¬ 
sächlich verändern könnten beim Verarbei¬ 
ten einer Theorie, von Thesen und Texten. 
Ist das aber so, wird er/sie nun vor Entschei¬ 
dungen stehen: mache ich so weiter wie bis¬ 


her oder ziehe ich ganz konkrete Konsequen¬ 
zen für mein Handeln? Sie/er will und muß in 
ethisch-politischer Erfahrungsweise seine/ih¬ 
re Umwelt, sich selbst und die nun möglichen 
Interpretationen einschätzen, ihre Realisie¬ 
rung vorbereiten und vor allem: vertreten; 
d.h. nicht sosehr erklären als vielmehr gegen 
andere verteidigen, legitimieren. Der theore¬ 
tische Text selbst enthält natürlich keine 
»Handlungsanweisung zum besseren Leben«; 
aber das durch Informationen und Texte ver¬ 
änderte Bewußtsein (samt Unbewußtem!) 
muß nun neue Handlungsplänc entwerfen, 
wenn - ja, wenn das Ich seine Identität nicht 
verleugnen will. 

Das kann zu Aktivität, zu »Leben« füh¬ 
ren, auch verhelfen, aber es ist noch kein Le¬ 
ben. Theoretisch, ästhetisch und ethisch-poli¬ 
tisch machen wir Ausflüge vom täglichen Le¬ 
ben, mal Sekunden-, mal jahrelang. Was wir 
mitbringen von solchen Exkursionen, muß 
sich nun der Routine, den Nützlichkeitsan- 
forderungen und den rollengebundcnen 
Handlungsinteressen unseres Alltags stellen. 
Sinnvoll bleibt Theorie dann und eigentlich 
nur dann, wenn der Mensch auch im Alltag 
noch ihre/seine Erfahrungsfortschritte Umset¬ 



zen kann, wenn sie/er diese Erkenntnisse in 
seine/ihre Umgebung hinträgt. Leicht wird s 
niemand gemacht, und auch Fluchtangebotc 
locken verführerisch: Muster der Verdrän¬ 
gung oder der konventionalisierenden Uin- 
deutung und nicht zuletzt auch die Schlupflö¬ 
cher für Kreativität, die die Alltagswelt be¬ 
reitwillig zuläßt: von der Trivialliteratur bis 
zu verschiedenen Formen museal isoliertet 
Vcrchrungskunst. 

Hier mit reflektierendem und sensibilisier¬ 
tem Bewußtsein die Folgen der Erfahrung 
mit Texten, Bildern etc. praktisch werden zu 
lassen, verlangt Engagement und Mut zum 
Handeln. . . 

★ ★★★★ 


★ Der SF ist in (len meisten größeren Städten in Un¬ 
ken Buchläden , durch Wiederverkäufer etc. zu be¬ 
kommen. Wir suchen jedoch noch Wiederverkäufe r 
innen in Regionen wie dem Saarland, Ostfricslan . 
Saucrland, Schwarzwald, oder in mittelgroßen Sta 
ten wie z.B. Passau, Würzburg, Kaiserslautern, P ir 
masens. Singen, Friedrichshafen, Kassel, Gießen. 
Wetzlar, Wuppertal, Herne, Recklinghausen, L s 
sen, Soest, Salzgittcr, Lübeck etc. Immer gesucht 
sind Leute, die den SF auch einmalig zu politischen 
Veranstaltungen, Demos, besetzten »Freien Repn 
blikcrn oder auch zu Konzerten mitnehmen wollen. 
Wir freuen uns, wenn cs einige von euch versuchen. 

★Für unser Archiv suchen wir alte Nummern dir 
DFG, wer alte anarchistische Zeitungen verkaufen 
will, sollte ebenfalls zunächst uns um ein An ge ho 
fragen, bevor cr/sic alles an ein übliches Antiquar** 1 
verkauft.Etwas cingeschlafen ist die praktische Un 
terstützung der Versandarbeit: ihr könntet z.B. ( 3llS 
Buchläden etc.) gebrauchte Versandtaschen in allen 
Größen an uns schicken; es fällt uns oft schwer 3 
das notwendige Verpackungsmaterial zu kaufe* 1 - 
Wer ein größeres Paket schickt, bekommt als Ge 
gcnlcistung einen der Umschläge zurück, gefüllt rrn 
»VERPACKT«, ein Lese- und Bilderbuch zur Wa 
rcngcscllschaft BRDec, Trotzdem-Verlag 19 
Mcrci! SF-Rcd. 


Titelphoto: Manfred Kampschulte 







3 


Impressum 

HERAUSGEBER: Forum für libertäre Informatio¬ 
nen (ELI) 

V.i.S.d.P.: Horst Blume, Schleusenweg IO, 4700 
Hamm; namentlich gezeichnete Beiträge stehen unter 
der Verantwortlichkeit der Verfasser und geben nicht 
die Meinung der Herausgeber oder gar des presse¬ 
rechtlich Verantwortlichen wieder. Eingesandte Arti¬ 
kel sind erwünscht, vorherige telefonische Absprache 
ist sinnvoll; über einen Abdruck entscheiden Mitglie¬ 
der der Redaktion; einAnspruch auf Veröffentli¬ 
chung besteht nicht; Honorare bleiben auch unsere 
Wunsch Vorstellung. 

Nachdrucke gegen Quellenangabe sind ausdrücklich 
erwünscht! 

KNASTFREIEXEMPLARE bleiben solange das 
Eigentum des Verlags, bis sie den Gefangenen ausge¬ 
händigt sind. Eine " Zur-Habe-Nahme ” ist keine 
Aushändigung! 

Auflage: 2200 Exemplare; Redaktion und Lay Out: 
Fri, Herby, Horst, Uli und Wolfgang; Satz und Ver¬ 
trieb: Trotzdem-Verlag, Grafenau; Druck: Druck- 
cooperative Karlsruhe; Weiterverarbeitung: Libel- 
lus-Verlag, Stuttgart zusammen mit Kollektivistas 
aus der Druckcooperative, der Redaktion und frei¬ 
willigen Helfern aus der Leserschaft. 
Erscheinungsweise: vierteljährlich; Photos: unge¬ 
zeichnete Photos aus dem SF-Archiv. 
Abonncmentsgebühren: 15.-DM für 4 Nummern 
(Bezahlung im voraus; automatische Verlängerung 
nach Ablauf des ABO-Zcitraums, d.h. bitte gebt 
uns schriftlich Bescheid, wenn ihr den SF nicht 
mehr beziehen könnt oder wollt.) Anzeigenpreise: 1 
Spalte 100.-DM + MWST; 1/2-Scitc: 20Q.-DM; 1 
Seite: 500.-DM. 

Anarchistische und alternative Klcinvcrlagc erhal¬ 
ten 20% Rabatt; Dauerkunden 50%! 
Redaktionsanschrift: SCHWARZER FADEN, 
Postfach, 7031 Grafcnau-1; Tel.: 07033 - 44273; 
ISSN: 0722 - 8988. 

Einzelnummer: 5.-DM 
4 Nummern: 15.- DM 

Außerhalb des deutschen Postbczirks: 16.- DM 
8 Nummern: 30.- DM 
Probenummer: ältere Ausgaben, 
nur gegen Rückporto! 

Sondernummer ARBEIT: 5.- DM 
Sondernummer NOSTALGIE (Artikel aus den 
N rn.0-12): 10.- DM 

SF-Konto: F. Kamann, Ktonr.: 574 63 - 703, 
Postscheckamt Stuttgart 

Redaktionsschluß Nr. 23: 1.11.86 
Anzeigenschluß Nr. 23: 10.11.86 


INHALT: 

Aktueller Teil: 

Haug/Kamann: Tschernobyl und die Asylan¬ 
ten 

Pohrt: Deutsche und Ausländer 
Blume: Grünes Umbauprogramm 
Berichte: 

A-Szene 

FLI 

Appelscha-Treffen 

Spanien-Teil: 

Souchy: Kollektivierung in Aragon 
Pi y Arsuaga: Der Rabe 
Edo: CNT nach Franco 
Sachs: Garcia Lorca 

Kulturpolitischer Teil: 

Janthur: Mexikanische Bilder 
Recknagel: Ret Marut/Traven 
Marut: Trümpfe in der Hand 
Haug: Exil-Literatur 
anonym: Erich Mühsam in der DDR 
Bücher 

Antipädagogischer Teil: 

Klemm: Anarchismus und Antipädagogik 
Kern: Bildungstag des SB 
Wagner/Taubert: Aufruf btr. Freie Schulen 

Götteslästerungsprozeß 

Kleinanzeigen 

Kurzmeldungen/Termine 

Diskussionsteil: 

Kritik an den Libertarians 

Franz Jung-Nachtrag 
Bookchins Kommunalismus 


Spendenliste 

Liebe Freunde, nachdem wir beim letzten 
Mal an euch appelliert haben unseren Verlust 
aus dem Konkurs bei Regenbogen durch 
Spenden auszugleichen, können wir uns dies¬ 
mal recht herzlich bei euch bedanken. Die 
vermutlichen Verluste des SF von ca. 700.- 
DM und des Trotzdem-Verlags von ca. 2500.- 
DM wurden, wie ihr unten ersehen könnt 
schon zu einem guten Teil ausgeglichen. 
Noch nie war die Liste so lang! Eine Erfah¬ 
rung, die uns gelassen macht, was die Zu¬ 
kunft des SF anbetrifft! Von Regenbogen 
selbst haben wir noch immer nichts konkretes 
gehört. 

Beim letzten FLI-Treffen wurde die Mitglied¬ 
schaft im ID-Archiv beschlossen und für mo¬ 
natlich 10.-DM inzwischen verwirklicht. 
Konkret geplant wäre ein Zeitungsausschnitt¬ 
dienst zum Thema Anarchismus, der uns ei¬ 
nen Überblick darüber geben könnte, was, 
wo über die Anarchobewegung geschrieben 
wird - allein es ist bislang zu teuer, zumal wir 
dabei sind, die gewährten Leserkredite für 
die Sondernummer ARBEIT abzustottern. 

Spenden: T.P., Morbach 120.-; S.K. + A.S., 
Morbach 100.-; G.K., Morbach 50.-; (Mor¬ 
bach und kein Ende!!): Lid-Fest-Besucher, 
Morbach 250.-; R.T., Heidelberg 5.-; W.D., 
Büdingen 5.-; H.N., Dortmund 5.-; V.L., 
Mayen 10.-; H.A., Stuttgart 5.-; O.V., Trit¬ 
tau 20.-DM; (spezieller Dank an die zwei re¬ 
gelmäßigen Spender:) N.H.,Nürnberg 100.-; 
Nato, Köln 50.-; J.A., Berlin 10.-; T.M., 
Göttingen 5.-; H.E., Wolfenbüttel 5.-; R.R., 
Gütersloh 10.-; H.M., Heidenheim 5.-; G.B., 
Erlangen 20.-; H.F., Weil 40.-; I.W., Bam¬ 
berg 20.-; W.A., Göttingen 5.-; M.V., Berlin 
10.-; M.G., Hasselt-Belgien 10.-; F.W., Eh¬ 
weiler 5.-; U.K., Rillerbeck 5.-; E.T., Esche¬ 
de 5.-; N.H., Moers 10.-; J.P., Bochum 10.-; 
C.G., Rüthen 10.-; H.G., Hamburg 15.-; 
A.R., Büren 20.-; H.R., Köln 17.-; E.E., 
Hannover 50.-; H.S., Zürich-Schweiz 17.-; 
T.B., Neuwied 5.-; P.J., Berlin 10.-; R.S., 
Gersthofen 10.-!! Merci! 








Beides hat mehr miteinander zu tun, als daß 
das eine ein bloßes Ablenkungsmanöver kon¬ 
servativer Kreise vom anderen ist; es geht 
nicht nur um ein rassistisches Wahlkampfthe¬ 
ma, das dem apokalyptischen Szenario der 
GRÜNEN bzw. dem Harmoniesehnsüchte 
stillenden SPD-Wahlkampf entgegengestellt 
werden könnte. 

Erinnern wir uns: die Situation nach 
Tschernobyl zeichnete sich durch eine große 
Betroffenheit der gesamten Bevölkerung aus. 
Die sonst so wirkungsvolle Katastrophenbe¬ 
richterstattung der Medien, die Bombenan¬ 
schläge, Vulkanausbrüche, Flugzeugabstür¬ 
ze, Busunglücke aus aller Welt zum Tagesau¬ 
sklang in deutsche Wohnzimmer transportie¬ 
ren und damit zur Entfremdung der Zuschau¬ 
er von ihrem eigenen Alltag beitragen, - 
schlug einmal in ihr Gegenteil aus. Diesmal 


war es tatsächlich unsere Katastrophe und ob¬ 
wohl es in unserer individualiserten (und indi¬ 
vidualisierenden) Gesellschaft in der Regel 
auch bei dringenden Problemen kaum zu ei¬ 
ner breiten Protestwirkung kommt, war vie¬ 
len doch zumindest instinktiv klar, daß man 
sich dieses Mal nicht individuell schützen 
kann, daß man vielmehr nur durch gemeinsa¬ 
me politische Aktion eine Änderung dieser 
bedrohlichen (Energie-)Politik erreichen 
kann. 

Neue BI’s entstanden und die Akzeptanz 
für verschiedenste Widerstandsformen 
wuchs. Alarmierender für die Regierenden, 
die der Militanz ja durch verstärkte Aufrü¬ 
stung der Polizei in ihrem (verheerenden) 
Sinne recht produktiv zu begegnen wissen, 
war jedoch, daß die Zustimmung zur Atom¬ 
energiepolitik schlagartig auf ca. 20% in der 
Bevölkerung sank und dort konstant bis heu¬ 


te blieb. 

In dieser Situation gab es für den Staat 
zwei Möglichkeiten: 

einmal opportunistisches Nachgeben gegen¬ 
über der vorherrschenden Stimmung (was 
aber auch ein Eingeständnis von Schwäche 
gewesen wäre und in den »Demokratien« 
westlicher Prägung immer ganz zuletzt in Er¬ 
wägung gezogen wird), bei gleichzeitiger Su¬ 
che, wie man die herrschenden Produktions- 
bedingungen der kapitalistischen Industricge- 
sellschaft auch ohne Atomenergie in die Zu¬ 
kunft verlängern kann. Dies ist die Aufgabe 
der Opposition; und diese kann ihr am ehe¬ 
sten entsprechen, wenn sie über eine so lange 
Opportunitätserfahrung verfügt wie die deut¬ 
sche Sozialdemokratie. Deren erhofftes Nah¬ 
ziel ist es natürlich, mit dieser gesellschafth' 
chen Stimmung an die Macht zurückgespüh 
zu werden und — um das Konzept des »längs« 1 ' 













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men Ausstiegs« auch verwirklichen zu kön¬ 
nen - für möglichst lange: also bis 1990 oder 
2000 wenigstens! Brandt und Co. - sie verste¬ 
hen es wie niemand sonst, wirkliche Betrof¬ 
fenheit der Bevölkerung in politische Macht 
der Partei umzumünzen. 

Schlechte Karten für die CDU/CSU? - 
Nicht sehr lange. Ihre Aufgabe (und das ist 
die zweite Reaktionsmöglichkeit) als konser¬ 
vative Macht- und Industriepartei genauso 
wie als derzeitige Regierungspartei ist es 
selbstverständlich, die Logik dieses Industrie¬ 
staates - seines angeblichen »Fortschritts« zu 
verteidigen und fortzuschreiben. Zugegeben, 
ihr erster Versuch, »Deutsche Technik, ist si¬ 
cherer, besser, sauberer, eben fortschrittli¬ 
cher als sowjetische«, war allzu platt um auf 
breiter Front zu greifen. Zwar reichte diese 
Kampagne für die konservative Stammwäh¬ 
lerschaft selbstverständlich schon aus, zumal 
Deutschland ja auch (fast!) das WM-Fußball- 
Endspiel gewann,aber mit einer Stammwäh¬ 
ler-Klientel allein ist noch kein Staat zu ma¬ 
chen. 


schlüge«). Das stimmt zwar mit der tatsächli¬ 
chen Situation wieder lächerlich wenig über¬ 
ein, denn keiner wird hierzulande täglich be¬ 
schossen oder lebt in zerbombten Ruinen, 
aber es hilft, den Zugriffs- und Kontroll-An- 
spruch des BKA bis Portugal anzumelden 
(Rebmann, Stuttgarter Nachrichten 19.8.86) 
und einmal mehr das Vermummungsverbot 
zu fordern, mit dessen Hilfe der Widerstand 
(auch zukünftiger) endgültig gespalten und 
kalkulierbar gemacht werden soll. 

Zwischenbilanz: Die CDU-Stammwähler 
im Griff, die Polizei aufgerüstet, die radikal¬ 
sten Systemgegner gespalten, isoliert und kri¬ 
minalisiert. 

Aber das reicht zweifellos noch immer 
nicht hin. Die Akzeptanz für dieses Gesell¬ 
schaftssystem, für diese unsere Industriege¬ 
sellschaft und diesen unseren »Fortschrittsfe¬ 
tischismus« muß wieder her, sonst droht Wi¬ 
derstand aus zu vielen Quellen, sonst gewinnt 
die SPD im Fahrwasser einer ökologischen 
Mißtrauensstimmung und man rückt selbst 



Photo: HEINRICH ZILLE (1858 - 1929) 


Es mußte also noch etwas anderes her; am 
besten man startet mehrere Versuchsballons 
und setzt auf den, der am besten steigt. Wir¬ 
ken werden sie alle - irgendwie. Zunächst 
wird also die Nahrung untersucht, werden 
Grenzwerte bestimmt, der Bevölkerung Bec¬ 
querels um die Ohren geschlagen und sugge¬ 
riert, man/frau könne sich doch noch indivi¬ 
duell schützen. Dann versucht man krampf¬ 
haft Militante und Friedliche bei Demos wie¬ 
der auseinanderzudividicren um den »Bösen« 
mit Gummigeschossen beizukommen. Trotz¬ 
dem bleibt alles hilfslos (wenngleich nicht oh¬ 
ne Folgen, wie die taz-Lescrbriefseiten be¬ 
wiesen), weil durchschaubar, weil bloß re¬ 
pressiv. Das reicht natürlich aus um die 
WAA durchzukämpfen, selbst dann noch, 
wenn die Kosten vor Baubeginn schon so 
hoch werden, wie ursprünglich die für die Ge¬ 
samtanlage veranschlagten. Dafür könnten cs 
sich solche ärgerlichen Ausgaben auf ande¬ 
rem Gebiet bezahlt machen: Aus den An¬ 
schlägen auf Hochspannungsleitungen, Zu- 
licferfirmcn etc. beschwört man statistisch 
schnell noch ein Bürgcrkriegsszenario (»die 
BRD hat nach dem Libanon die meisten An¬ 


ins zweite Glied der Macht zurück; muß wie¬ 
der warten, bis sich die »Harmonie« ver¬ 
schlissen hat - und das kostet Zeit, Geld und 
Karrieren. 

Nun sind die Psychologen gefragt; ihre 
Aufgabe: wie stellen wir die Akzeptanz für 
dieses Fortschrittsdenken wieder her , ohne 
Atomenergie uind Umweltzerstörungen über¬ 
haupt noch zu erwähnen? Nebeneffekt: wie 
bleibt die CDU/CSU Regierungspartei? 

Einzuräumen wäre, das Vertrauen in diese 
Art von »Fortschritt« wurde vom System 
selbst zerstört, der Preis für diesen Lebes- 
standard wird zu hoch. Ein »Fortschritt«, der 
für alle das Krebsrisiko beinhaltet , der jährli¬ 
che Vorsorgeuntersuchungen zur Regel wer¬ 
den läßt und der Kindern keine rechte Zu¬ 
kunftschance läßt, ist natürlich kaum noch als 
Fortschritt zu verkaufen. Oberstes Ziel aller 
Macht-Psychologie muß es deshalb sein, die 
Verursacherrolle vom System selbst wegzu- 
bekommen und auf einen äußeren Feind um¬ 
zulenken. Und das genau gelang mit dem 
Versuchsballon »Asylanten« und deshalb 
wird das Thema so hochgekocht bzw. schön 
dialektisch: weil es psychologisch wirkt. 


konnte es so geschickt hochgekocht werden. 

Die »Asylantenflut, -schwemme etc.« und 
nicht unser systeminterner WAAnsinn ist es, 
die unseren Lebensstandard bedroht. Von 
außen, ironischerweise auch noch passend 
über denOsten, kommen sie, um an »unse¬ 
rem, hart erarbeiteten« Fortschritt teilzuha¬ 
ben und ihn durch ihre Massen zu zerstören. 
Von ihnen also, so die Psychologie, droht der 
so satten und arroganten Wohlstands-Behä¬ 
bigkeit die größte Gefahr. Und diese Men¬ 
schen bieten einen Vorteil: man kann sie se¬ 
hen, hören, riechen - kurz man kann sich ge¬ 
gen sie wehren, kann sie rausschmeißen, 
überfallen, abfackeln ... Es ist alles einfa¬ 
cher als mit diesem Atom und man verteidigt 
das, was man schon immer verteidigt hatte. 
Man atmet wieder befreit durch, denn beim 
letzten Mal, da wußte man doch instinktiv, 
daß das was man verteidigen wollte zugleich 
die Ursache der Gefahr war. 



KARLSRUHER STADTZEITUNG 
Nr. 39 Sommer 1986 


® neue Klassenkämpfe in Eng¬ 
land 

• Kämpfe gegen die Zwangs¬ 
arbeit in Witten « Initiative 
gegen die Zwangsarbeit Köln 
Teil II 

• Sozialstaat, Gewerkschaften 
und Reformismus 

0 nochmals zur Autonomen-Dis¬ 
kussion; und ® zur "Autono¬ 
mie" 


« AKW's gegen die Klasse 



REPRifST 


der wichtigsten Artikel aus den 
Nr. 26-30 und 32-34. Der hat 
168 Seiten und kostet 5 Mark. 



DIE WOBBUES 


TheKla 5 und Wobbly 1 sind 
leider vergriffen, lieferbar sind 


noch TheKla 6 und 7, sowie 
Wobbly 2 und 3 


Da» Einzelhaft kostet 3£o DM, das Abo 10 Mark 
für vier Nummern; Förderabos ab 20,- . Die Bü¬ 
cher kosten einzeln Je 7,-. ab 3 Büchern je 6. 
ab 10 Büchern je 5.- {alle Preise einschließlich 
Porto und Verpackung). Bestellung durch Über¬ 
welsen auf Kto.Nr. 1257 03-755 Postgfro Klrh. 
Die Bestellung kann Innerhalb einer Woche 
ichrlfdldi widerrufen weiden. 


Postfach 3644 7500 Karlsruhe 

Tel.: 0721 785 6461 













von Wolfgang Pohrt 


Thesen 

I. 

Die historische Funktion des Kapitalverhält¬ 
nisses besteht darin, die Produktivkräfte zu 
entwickeln, also menschliche Arbeitskraft 
durch Maschinerie zu ersetzen. Insofern das 
Kapitalverhältnis den Menschen nur als Be¬ 
sitzern von Arbeitskraft eine Existenzberech¬ 
tigung zuspricht, tendiert es dazu, die Men¬ 
schen selber überflüssig zu machen. Während 
sie vorher nützliche Objekte der Ausbeutung 
gewesen waren, verwandeln sie sich nun welt¬ 
weit in nutzlose Esser, in ausgehaltene Unter¬ 
stützungsempfänger, die in den reicheren 
Ländern Arbeitslosengeld' oder Sozialhilfe 
•und in den armen Ländern vielleicht eine Le¬ 
bensmittelspende bekomen. In der neuen 
Debatte um nationale Identität, kulturelle 
Identität, eigene Kultur, fremde Kultur etc. 
spiegelt sich nichts als der profane und banale 
Verdrängungswettbewerb, in welchen die 
Menschen durchs Kapitalverhältnis getrieben 
werden. 


Ganz abgesehen davon, daß bei Einheimi¬ 
schen und Ausländern das gemeinsame Inter¬ 
esse an Fußball, Video und Auto bedeutend 
größer ist als die kleine Differenz auf dem 
Speisezettel: Fremde Kultur als Folklore hat 
man im Unterschied zu den häufig verfolgten 
Fremden selbst in Deutschland immer ge¬ 
mocht, von der russischen Seele bis zum un¬ 
garischen Temperament. Würden die Italie¬ 
ner in der BRD immer nur Tarantella und die 
Spanier immer nur Flamenco tanzen, würden 
sie sich also wie Operettenausländer beneh¬ 
men, so wären sie eine willkommene Ergän¬ 
zung. Zum Ärgernis werden sie also nicht 
durch die Fremdheit ihrer besonderen Kul¬ 
tur, sondern dadruch, daß sie wie die Einhei¬ 
mischen Arbeitsplätze und Wohnungen brau¬ 
chen, daß sie sich einen Mercedes kaufen, in 
die Disco gehen und die Kaufhäuser bevöl¬ 
kern. Geahßt an den Ausländern wird nicht 
ihre Andersartigkeit, sondern ihre Ähnlich¬ 
keit mit den Einheimischen, die sich unver¬ 
meidlicherweise aus der Tatsache ergibt, daß 
sie am selben Ort und unter den selben Be¬ 
dingungen wie die Einheimischen leben. Ver¬ 
geblich sind deshalb alle Versuche, durch 
multinationale folkloristische Beschnuppc- 
rungsfeste bei den Einheimischen Sympathie 
für die Ausländer zu wecken, denn Sympat¬ 
hie für deren Folklore warohnehin schon vor- 


Erst die blinde Entschlossenheit, sich in die¬ 
sem Verdrängungswettbewerb zu sichern, hat 
dazu geführt, daß in der BRD auch die Lin¬ 
ken bei den Ausländern eine fremde Kultur 
und deren problematisches Verhältnis zur 
Kultur der Einheimischen entdecken. Es sind 
bezeichnenderweise dieselben Linken, die 
vor rund zehn Jahren noch nicht müde wur¬ 
den, den Bildungsnotstand ausrufen und die 
Benachteiligung von Arbeiterkindern in 
Schule und Universität zu beklagen. Mit 
Grund warf man den überall herrschenden 
Ausbeutungsverhältnissen damals vor, daß 
sie die Masse der Bevölkerung entmündigen 
und verdummen und die Menschen im Zu¬ 
stand der Unwissenheit, der Rohheit und der 


Unterwürfigkeit halten. Mit Grund warf man 
damals dem Kapitalverhältnis vor, daß es die 
Produzenten des Reichtums von dessen Ge¬ 
nuß ausschließt. Was die Masse der Bevölke¬ 
rung aller Ländern nach wie vor eint, ist die 
Tatsache, daß die Leute nirgends teilhaben 
an den Glanzleistungen der Nation, der sie 
angehören - ganz gleich, ob cs sich dabei um 
Kunst oder Kochkunst handelt. 


Foto: Henning Christof 

handen. Vergeblich sind deshalb auch alle 
Versuche, um Verständnis bei den einheimi¬ 
schen für die fremde Kultur zu werben, denn 
gerade weil die Auländer keine unbegreifli¬ 
chen exotischen Menschenfresser sind,, die 
auf Jahrmärkten hergezeigt werden, kann 
man sic nicht leiden. Gerade weil sie so wenig 
fremd sind, weil sie mit den bundesrepublika¬ 
nischen Verhältnissen so wenig Probleme ha- 


















■7 


ben, daß sie im Konkurrenzkampf um Ar¬ 
beitsplätze und Wohnungen mithalten kön¬ 
nen, werden sie gehaßt. Das Gerede von den 
verschiedenen Kulturen, welches unterstellt, 
ein Italiener und ein Deutscher hätten mitein¬ 
ander Schwierigkeiten, weil der eine Goethe 
und Beethoven im Kopf hat und der andere 
Verdi und Pavese, dient dazu, der Feind¬ 
schaft gegen Ausländer edle Motive nachzu¬ 
sagen, während es in Wahrheit dafür nur ei¬ 
nen niederen Beweggrund gibt, nämlich den 
blanken Futterncid. 

IV. 

Die Feindschaft gegen Ausländer ist insofern 
nur eine Spielart der allgemeinen Menschenf¬ 
eindschaft, für die es freilich gute objektive 
Gründe gibt. Das Fortbestehen der gegen¬ 
wärtigen Herrschafts- und Produktionsver¬ 
hältnisse vorausgesetzt, ist in der Tat eine 
kräftige Verknappung von Arbeitskraft er¬ 
forderlich, wenn die den Schrumpfungspro¬ 
zeß überlebenden restlichen Anbieter dieser 
Ware auf dem Markt wieder Absatzchancen 
haben wollen. Während in der guten alten 
Zeit der Krieg das beste Mittel zur Abschöp¬ 
fung überflüssiger Arbeitskraft gewesen war, 
verbietet sich im Atomzcitaltcr diese Mög¬ 
lichkeit. Es häufen sich also die Klagen we¬ 
gen Überbevölkerung, und weltweit ohnehin, 
aber auch berufsspezifisch und regional be¬ 
grenzt träumt man vermutlich schon von ei¬ 
ner Seuche, die entweder die ganze Mensch¬ 
heit dezimiert oder nur bestimmte Berufs¬ 
gruppen befällt, um etwa durch Ausdünnung 
der Professorenschaft blockierte Planstellen 
für die Nachrücker frei zu machen. Die Angst 
vor Gift und Seuche oder vor dem Tod ganz 
allgemein dürfte ungefähr so groß sein wie 
der Wunsch, der andere möge ihn finden. 

Die Tatsache, daß die Menschen das Kapi¬ 
talverhältnis abschaffen müssen, wenn sie 
nicht selber vom Kapitalverhältnis abge¬ 
schafft werden wollen, war den Linken in 
besseren Zeiten bekannt. Unter der Voraus¬ 
setzung nun, daß die revolutionäre Umwäl¬ 
zung des Kapitalverhältnisscs ohnehin als 
wünschenswert galt, hatten speziell die Lin¬ 
ken keinen Grund, sich vor zusätzlichen un¬ 
nützen Essern zu fürchten. Vielmehr galt je¬ 


der von der Überproduktionskrise in einen 
unnützen Esser verwandelte Arbeiter als zu¬ 
sätzlicher Beweis für die Annahme, daß der 
Widersinn eines Produktionsverhältnisses, 
welches ungeheuren Reichtum produziert 
und ihn gleichzeitig den Menschen vorent¬ 
hält, bald zu dessen Ende führen werde. 

Mit dieser revolutionären Perspektive sind 
auch alle Vernunftgründe gegen eine speziel¬ 
le Ausländerpolitik der Regierung ver¬ 
schwunden. Seitdem wehren sich die Linken 
nicht mehr gegen jede Ausländerpolitik, son¬ 
dern sie machen selber welche, und sie ver¬ 
stehen darunter wie die Regierung die Huma- 
lisierung des Elends. 

V. 

Die Chancen für solche Rückzugsgefechte im 
Geist der Menschlichkeit und der Nächsten¬ 
liebe sind in der BRD nicht nur deshalb be¬ 
sonders schlecht, weil hier die allgemeine- 
Menschenfeindschaft besonders ausgeprägt 
ist - die Deutschen können einander so wenig 
wie die Ausländer leiden sondern die 
Feindschaft gegen Ausländer wird verschärft 
durch gewisse nationale Besonderheiten der 
Deutschen. Wenn das Wort von der kulturel¬ 
len Identität der Deutschen einen Sinn haben 
soll, kann es nur den Mangel an Verbunden¬ 
heit mit jedweder Kultur bezeichnen. Eben 


deshalb, weil die Eingeborenen hier in ihren 
Bedürfnissen und Lebensäußerungen im All¬ 
tag extrem reduziert sind, haben etwa Bauern 
aus Anatolien in Kreuzberg kaum wirkliche 
Anpassungsschwierigkeiten. Aus dem glei¬ 
chen Grund freilich haben sie keine Chance, 
sich zu integrieren oder sich anzupassen. In 
einem Land, wo die Eingeborenen haupt¬ 
sächlich die BILD-Zeitung lesen, hat der An¬ 
alphabet zwar einerseits keine Nachteile zu 
erwarten. Andererseits aber kann er die 
Sprache natürlich nicht von Leuten lernen, 
die sie auch nicht beherrschen und die des¬ 
halb stets froh sind, wenn ihnen ein Auslän¬ 
der den Vorwand liefert, endlich so reden zu 
dürfen, wie ihnen der Schnabel gewachsen 
ist, d.h. ohne Rücksicht auf die Grammatik 
nach Herzenslust radezubrechen. In den 
Ausländern und speziell in den Türken, de¬ 
ren Nation eine ähnliche Geschichte wie die 
deutsche hatte, müssen die Eingeborenen al¬ 
so ihr eigenes Spiegelbild sehen, welches ih¬ 
nen nur verhaßt sein kann. Wenn ein Kreuz¬ 
berger sich über einen stammelnden Türken 
mit der Bemerkung mokiert* »deutsche Spra¬ 
che schwere Sprache«, hat er nur eingestan¬ 
den, was ihn selbst seit seiner Schulzeit be¬ 
drückt. Umso mehr wird er dafür den Türken 
hassen, zumal in einer Zeit, wo das Gerede 
von der Kultur und der kulturellen Identität 
gewaltige Prüfungsängste aufkommen lassen 
muß bei allen, die auch kein Goethegedicht 
auswendig können und noch nie in der Kritik 
der reinen Vernunft geblättert haben, also bei 
allen. 

Diese Thesen Wolfgang Pohrts wurden mit freundli¬ 
cher Genehmigung des Tiamat Verlags Berlin ei¬ 
nem soeben erschienenen und schön aufgemachten 
Band Zeitgeist Geisterzeit —Kommentare und Es¬ 
says von Wolfgang Pohrt entnommen (174 S.; 24.- 
DM). Weitere Beiträge behandeln Themen wie 
Heimat, No Future, Exilliteratur, Antisemitismus in 
den Massenmedien , 65 Jahre deutscher Film, Kohl- 
Rede und Becker-Prosa, das Sonnenblümchen (Grü¬ 
ne!) wird entblättert, Vorschlag für eine Amnestie- 
Kampagne, Feindschaft durch Ähnlichkeit: RAF- 
Ideologie und öffentliches Bewußtsein u.v.a. Einige 
der Beiträge sind bereits in der taz oder Konkret er¬ 
schienen, andere wurden als Vorträge konzipiert. 
Die hier vorliegenden Thesen werden außer im 
Buch erstmals veröffentlicht. Bezug: Edition TIA¬ 
MAT, Grimmstr.26, 1000 Berlin-61. 



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Da hat der Wahnsinn Methode und Allein¬ 
vertretungsrecht fürs Machbare und Gute. 

Nicht daß wir etwas gegen Irrenhäuser hät¬ 
ten, nein, aber es sitzen die falschen Leute 
drin. 

Und da soll es ja wieder vermehrt Men¬ 
schen geben, die in den Bundestag gehen, um 
ihm die Maske vom Gesicht zu reißen oder 
gar um dort eine andere Politik zu machen. 
Nun, daß ist so ähnlich wie Fußballspielen oh¬ 
ne vor den Ball treten zu wollen. 

Kurz und klein, die Kacke ist am Dampfen 
dran und wir haben keine Biogasanlage zur 
Hand, was tun also? 

Sollte es jemand wissen, möge er/sie dieses 
sofort dem nächsten Menschen mitteilen, den 
er/sie trifft, auf daß es wie ein Lauffeuer 
durch die Lande gehe und sich der Gang die¬ 
ser Welt zum Besten wende. 

Bis dahin ein aufmunternder Spruch (da¬ 
von haben wir immer welche auf Lager): 

Es gilt, nicht weiter auf den Splitter in der 
anderen Augen schauen, sondern den eige¬ 
nen Kopf hinter dem Brett abzuschlagcn, 
nicht zu sagen »ich weiß«, sondern »ich weiß 
noch nicht«. 


Ein UngüLtiGes Positiorispapier 


Nicht mehr als einen Wahlvorschlag ankreuzen! 
Kennzeichnung mehrerer Wahlvorschläge macht 

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Der Stimmzettel 
ist in dieser Spal¬ 
te anzukreuzen 




Viele dachten es seinerzeit, doch keiner konn¬ 
te es beweisen, die Liste UngüLtiG ist eine 
unbedingte historische Notwendigkeit. 

Was lange Zeit Vermutung, wurde bei den 
Wahlen in Schleswig-Holstein eindrucksvoll 
untermauert. Unsere Nichtwähler bildeten 
mit ca. 34% die stärkste Gruppierung. So 
weit, so gut. Mensch könnte nun herkommen 
und kühn behaupten, daß diese Nichtwähler 
aus unterschiedlichsten Gründen nicht ge¬ 
wählt haben und demzufolge nicht als einheit¬ 
liche Gruppierung zu bezeichnen seien. 

Das Parteienangebot, mag jeder Mensch 
weiterhin behaupten, sei so vielfältig, daß für 
jeden etwas dabei sein müßte. 

Daß dem jedoch trotzden nicht so sei, läge 
zum einen daran, daß dieser politisch so rele¬ 
vanten Gruppe gemeinsame Inhalte, zum an¬ 
deren Einigkeit und Orientierung fehlen. 

Das ist unbestreitbar und das ist genau Un¬ 
güLtiG '! Denn wir wollen nicht mit Antwor¬ 
ten auf mangelhaft überdachte Fragen auf¬ 
warten, Einigkeit herstellen, wo es keine Ei¬ 
nigkeit geben kann, Perspektiven in einer per¬ 
spektivlosen Zeit vorgaukeln . . . 

Kurz und gut, wir blicken nach vorn, weil 
an unserem Rücken eine Wand lehnt. 


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Cnnstme Ureier 
Doris Fisch 
Günter Becker 


Union nicht genug überdachten Lächelns 
trotz innerer; Genialität 

s Schauen wir jedoch nach unten, müssen wir 
s feststellen, daß uns ein schmieriges, sehr 
- durchsichtiges Etwas den Körper raufsab- 
| bert.' 

t Dieses Etwas, eine Mixtur aus institutiona- 
t lisiertem Massenmord, engstirnigen Ideolo- 
[ gien, »ich weiß wie’s geht«-Syndrom, neue- 
" sten Trends, wissenschaftlichen Erkenntnis- 
‘ sen und maximaler Profitsteigerung bildet die 
l h Grundlage der sogenannten Realpolitik. 

Gabriele Schuir | 

Eckhard Mensel 



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Kurz, die Herrschaft einer chaotischen 
Ordnung durch ordentliches Chaos zu erset¬ 
zen! 

Nun wird sich der/die geneigte Leser/lcsc- 
rin fragen, was hat das mit UngüLtiG zu tun? 
dw (aus: Klüngelkerl, Dortmunder Stadtzei¬ 
tung) 


PS: Um zur Bundestagswahl 1987 zugelassen 
zu werden, braucht die Liste UngüLtiG 2000 
Unterschriften! Alle Leute, die bei UngüLtiG 
unterschreiben wollen oder vielleicht sogar 
bereit sind, Unterschriften zu sammeln und 
keinem der schon in der Gegend herumirren¬ 
den Unterschriftensammler über den Weg ge¬ 
laufen sind, werden gebten, sich unter der Te¬ 
lefonnummer 0231/16 22 99 (Dortmund) zu 
melden. Das gilt insbesondere auch für Leute 
oder Gruppen aus anderen Städten. 


UngüLtiG 











von Horst Blume 



Als Ausdruck einer grundlegend veränderten 
politischen Lage wollen die GRÜNEN ihr 
Um bau programm verstanden wissen. Es 
wurde nach der Wahlniederlage im Saarland 
auf der Bundesversammlung in Hagen im Ju¬ 
ni 1985 beschlossen und liegt seit März 1986 
vor. Auf einem »Umbaukongreß« im April 
wurde über das 98-Seitcn-Werk diskutiert. 
Die Bundeskonferenz in Hannover hatte im 
Mai mit der Verabschiedung des Bundestags¬ 
wahlprogramms und der Atomdebatte genug 
zu tun, so daß erst Ende September das Um¬ 
bauprogramm verabschiedet werden kann. 
Monatelang wurde unter erheblichem Auf¬ 
wand von der Bundestagsfraktion und ihren 
Expertenkommissionen an dem Programm 
gearbeitet. 

Die außerordentliche Notwendigkeit er¬ 
gibt sich nach den Aussagen der Initiatoren 
des Umbauprogramms aus der Tatsache, daß 
vor allem die SPD auf ökologischem und so¬ 
zialpolitischem Gebiet erheblich an Glaub¬ 
würdigkeit gewonnen hat. Von daher »müs¬ 
sen konkrete grüne Konzepte auf den Tisch 
kommen, die die Vorschläge der Altpartcien 
als unzulänglich und demagogisch entlarven« 
und »die Ernslhaftigkict grüner Politik da¬ 
durch unterstreichen, daß die grundsätzliche 
Umsetzbarkit unserer Forderungen nachgc- 
wiesen wird« (Manfred Busch, in: Grünes In¬ 
fo Nr.4/86). Für die politische Einordnung 
und Bewertung des auf mindestens 4 bis 5 


Jahre angelegten »Programms zur Überwin¬ 
dung von Erwerbslosigkeit, Armut und Um¬ 
weltzerstörung« (so der Untertitel) werden 
ein realpolitisches Mehrheitsvotum und ein 
ökosozialistisches Minderheitsvotum in der 
Präambel angeboten. In dem Mehrheitsvo¬ 
tum wird allen Ernstes die Auffassung vertre¬ 
ten: »Wir lehnen den Markt als wichtiges In¬ 
strument der Regulierung des Wirtschafts¬ 
prozesses nicht ab, wir vergöttern ihn aber 
auch nicht« (S. 7). Eine Konkretisierung die¬ 
ser schwammigen Aussage findet sich in dem 
Mehrheitsvotum nirgendwo. Selbst das Go¬ 
desberger Programm der SPD von 1959 defi¬ 
niert noch treffender: »Es ist also nicht die 
Fragej ob in der Wirtschaft Dispositionen 
und Planung zweckmäßig sind, sondern wer 
diese Disposition trifft und zu wessen Gun¬ 
sten sie wirkt« (S. 13). Während im Minder¬ 
heitsvotum wenigstens die Notwendigkeit ei¬ 
nes »starken Drucks« (S. 12) seitens der Be¬ 
völkerung eingesehen wird, um politische 
Ziele durchzusetzen, bleibt das Mehrheitsvo¬ 
tum bei abstrakten Zielvorgaben stehen, oh¬ 
ne daß auf die Wechselwirkungen von sozia¬ 
len Auseinandersetzungen und Durchset¬ 
zungschancen von grünen Vorschlägen einge¬ 
gangen wird. Dieser Mißstand erklärt sich aus 
der Tatsache, daß in den letzten Jahren ein 
Großteil der Mitglieder Parlamentarier ge¬ 
worden sind und nur noch wenig mit den Ba- 
sisinitativen in Kontakt kommen. Trotzdem 


müssen die grünen Parlamentarier die Initia¬ 
tiven bei Laune halten, um die nächsten 
Wahlen durchstehen zu können. Immer nur 
die Empörung der Bewegung auf Parlament¬ 
sebene folgenlos zu referieren, reicht auf die 
Dauer als Legitimation für das eigene Tun 
nicht mehr aus. Selbst die grüne Bundestags¬ 
fraktion kann keine Wunder vollbringen und 
verliert den Glanz als Hoffnungsträger. Die 
GRÜNEN haben erkannt, daß sie sich etwas 
einfalllen lassen müssen, um verlorengegan- 
genes Terrain zurückzugewinnen. Die Folge 
sind jedoch keine neuen Vorschläge und An¬ 
regungen an die Adresse der Basisinitiativen, 
wie sie in den laufenden Auseinandersetzun¬ 
gen etwas besser machen könnten, sondern 
sie tun etwas ganz anderes:Dem innerpartei¬ 
lichen Umbau von ehemaligen Basisaktivi¬ 
sten in Parlamentarier lassen sie einen Um¬ 
bau ihrer Wähler-Zielgruppe nachfolgen. 
Jetzt ist es der reformwillige, ökologischen 
Fragen aufgeschlossene Mittelstand, der um¬ 
worben wird. Und den kann man nicht mit 
angeblich »abstrakten Bekenntnissen« über¬ 
zeugen, sondern mit im Umbauprogramm 
vorgestellten machbaren Reformschritten, 
die außerdem auch noch in ihren Einnahmen 
und Ausgaben für den Staatshaushalt bis ins 
letzte Detail durchkalkuliert werden, weil ja 
schließlich alles seine Ordnung haben muß! 
»Die Programmarbeit ist für mich ein Bei¬ 
spiel dafür, daß wir in dem Maße, wie wir die 








Ideologie raushalten, auch zu Ergebnissen 
kommen, mit denen eine Fraktion, aber auch 
eine Partei sehr gut leben kann«, stellt Jo 
Müller in seinem Interview in DIE ZEIT 
(25.4.86) zufrieden fest. So ist es gewiß kein 
Zufall, daß das Umbauprogramm ein Jahr 
vor den Bundestagswahlen vorgelegt wird, 
lim medienwirksam die Reformpolitikfähig : 
keit der GRÜNEN zu unterstreichen. Das 
Umbauprogramm entspricht in erster Linie 
den Bedürfnissen des oberen Drittels der Par¬ 
lamentarier- und Zuarbeiterhierarchie, die 
einen möglichst effektvollen und problemlo¬ 
sen Einstieg in den Bundestagswahlkampf 
wollen. Das Grundsatzprogramm und das 
Sindelfingcr Programm sollen zwar weiter 
gültig bleiben, aber die reale Politik der 
GRÜNEN wird sich in Zukunft am Umbau¬ 
programm orientieren. 

Die Gunst der Stunde nutzen jetzt die 
Realos aus, um biedere sozialdemokratische 
Reformpolitik intellektuell aufgepäppelt als 
»reformpraktischen Diskurs« zu verkaufen 
und zu lobpreisen: »Es ist das stärkste Stück, 
das die GRÜNEN bisher an Reformpro¬ 
grammatik vorgelegt haben: eine ziemlich 
komplette Zusammenstellung detaillierter 
Maßnahmen zur »Ökologisierung« der Ge¬ 
sellschaft. (. . .) Aus allen Vorschlägen 
spricht das Interesse an der Realisierung des 


Machbaren, ohne auf ein fundamental ande¬ 
res System zu warten.« (Helmut Wiesenthal 
in KommunZ 5/86). Allein der Gebrauch der 
Sprache ist eine einzige Zumutung. Während 
den Kritikern des Umbauprogramms die pas¬ 
sive Haltung auf ein anderes politisches Sy¬ 
stem angedichtet wird, stellen sich die Realos 
als erfolgreiche Reformpraktiker und eifrige 
Umbaucr dar. Hier wird von den Realos un¬ 
terstellt, daß nur wer (realpolitisch gefärbte) 
Reformen will, auch praktisch sein kann. In 
Wirklichkeit haben sich die mehrheitlich real- 
politischen Parlamentarier im auswegslosen 
Institutionengestrüpp verheddert und bewe¬ 
gen dort fast nichts mehr, während die Prakti¬ 
ker an der Basis Aktionen durchführen, die 
etwas erreichen und auf die sich dann wieder¬ 
um die grünen Parlamentarier berufen. Die 
zahlreichen im Umbauprogramm vorgesehe¬ 
nen reformerischen Maßnahmen stehen zwar 
im logischen Bezug zu anderen im Programm 
vorgesehenen Teilschritten, sie klammern 
aber Strategien zu ihrer Duchsetzung aus. 
Die Trennung dieser reformatorischen An- 






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Der größte Teil der im Umbauprogramm 
vorgesehenen Maßnahmen besteht aus Um¬ 
schichtungen im Staatshaushalt. »Hinter ih¬ 
rer vermeintlichen staatsfeindlichen Haltung 
entpuppen sich die GRÜNEN mit ihrem Um¬ 
bauprogramm nicht nur als staatstragend, 
sondern als auf geradezu beängstigende Wci- 
sestaatsergreifend und Staatseingriffc 
ausheckend, schreibt Joseph Huber in DIE 
ZEIT (2.5.86). Zur Sicherung der natürli- 
chenLcbensgrundlagen sollen die Verbrau¬ 
cher insgesamt um rund 15 Milliarden DM 
belastet werden. Den erhöhten Benzinprei¬ 
sen sowie den erhöhten Müll- und Abwasscr- 
entsorgungskosten stehen Entlastungen 
durch verbilligten Wohnraum und sinkende 



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sätze von radikalen nichtparlamentarisch aus¬ 
gerichteten Bestrebungen hat zur Folge, daß 
diese Reformen jedes antikapitalistische Po¬ 
tential verlieren und stattdessen zu Instru¬ 
menten eines Integrationsprozesses in das 
herrschende System werden. 


Tarife im öffentlichen Personenverkehr g c 
genüber. Diese Maßnahmen unterscheide! 
sich von einer sozialdemokratischen Strategie 
nur durch ein bißchen mehr Ökologie. 
GRÜNEN »erobern« die Staatsmacht un< 
machen dann in den Bereichen, wo der Stna 
zuständig ist, eine neue Politik. 

In dem Umbauprogramm wird die gefähr 
liehe Illusion verbreitet, Veränderungen Ü c 
ßen sich Schritt für Schritt nach einem fester 
Plan durchführen. Diese Vorstellung komm 1 
zwar dem naiven Wunschdenken eines Teib 
der Wähler entgegen, Reformen ließen siel 

durchsetzen, wenn eine parlamentarisch* 



Mehrheit dafür vorhanden sei - aber dem ist 
nicht so. Ein Dutzend Linksregierungen in 
Europa sind am Widerstand der Unterneh¬ 
mer gescheitert, weil sie von einem allzu me¬ 
chanistischen Verständnis gesellschaftlicher 
Veränderungen ausgegangen sind und eine 
Massenmobilisierung für ihre Reformen nicht 
gewagt haben. 

Und da auch die GRÜNEN die Möglich¬ 
keit direkt Druck auszuüben immer weniger 
für sich selbst in Betracht ziehen, müssen sie 
cs bei den Unternehmern mit finanzeillen 


sehen kapitalistischer Produktionsweise und 
ökologischer Krise hergestellt werden müs¬ 
sen, um klar zu sagen, welche Auseinander¬ 
setzungen zu erwarten sind, wenn die Che¬ 
mieindustrie gegen ihren Willen gründlich 
umgebaut würde. 


Anreizen versuchen. »Aus Mitteln der 
Grundchemikalienabgabe wird ein »Konver¬ 
sionsfonds sanfte Chemie« eingerichtet (in 
den nächsten Jahren durchschnittlich 900 
Millionen DM jährlich), aus dem die chemi¬ 
sche Industrie Mittel für Forschung und Ent¬ 
wicklung neuer umweltvcrträglicher Verfah¬ 
ren beantragen kann« (S. 57) Der gutverdie¬ 
nenden Chemieindustrie sollen also noch die 
Millionen nachgeschmisscn werden, obwohl 
sie mit ihren Mitteln problemlos in die sanfte 
Chemie einsteigen könnte, wenn sie nur woll¬ 
te* Die GRÜNEN versuchen auf dem Um¬ 
weg der Subventionierung den Konzernen 
Umweltschutz etwas schmackhafter zu ma¬ 
chen. Gerade in diesem hochgefährlichen Be¬ 
reich ist es eine wirkliche Lösung des Pro¬ 
blems nur durch den Entzug der Verfügungs¬ 
gewalt der Unternehmer auf die Produktions- 
niittel zu erwarten. Selbst in einem reformi¬ 
stisch orientierten Umbauprogramm hätte 
zumindest ein direkter Zusammenhang zwi- 


In dem Kapitel »Die Rechte der Beschäf¬ 
tigten erweitern« wird die ursprüngliche Idee 
der Selbstverwaltung als autonome Organisa¬ 
tion- und Kampfform fallengelassen! 

»Die Montanmitbestimmung und die Mitbe¬ 
stimmung in den Großunternehmen muß in 
Richtung auf volle Parität erweitert werden«, 
wobei »zu erwägen ist, ob an Stelle des neu¬ 
tralen Mitglieds im Aufsichtsrat ein unabhän¬ 
giger Vertreter der Umweltinteressen ge¬ 
wählt wird.«(S. 70). Die GRÜNEN geben im 
Umbauprogramm keine Antwort auf die Fra¬ 
ge, wie der sowieso schon zu starke Einfluß 
der Unternehmer effektiv zurückgedrängt 
werden kann. Im Gegenteil, sie institutionali¬ 
sieren ihn auch noch! In den vorgesehenen 
regionalen Wirtschafts- und Sozialräten »sit¬ 
zen zu je einem Drittel Vertreter der Wirt¬ 
schaftsverbände, der Gewerkschaften sowie 
der Verbraucher-, Natur- und Umweltschutz¬ 
verbände« (S. 71). Die alternative Kleinöko¬ 
nomie wird natürlich nach allen Regeln der 
Kunst verhätschelt. Doch seltsam, die vielge¬ 
priesene Selbstverwaltung expandiert nach 
grüner Vorstellung nur da, »wo Arbeitneh¬ 
mer durch Konkurs bedroht sind oder die 
Verantwortung für lebensfeindliche Produkte 
nicht mehr tragen wollen« (S. 74). Also gibt 


es Selbstverwaltung nur dort, wo der Kapita¬ 
lismus schlapp gemacht hat oder einige öko¬ 
logisch besonders gefährliche Produkte her¬ 
gestellt werden und der Rest der Arbeiter 
darf schön paritätisch mit den Unternehmern 
an einem Tisch sitzen. 

Ein wahrer Dschungel von geplanten Ver¬ 
ordnungen, Sonderabgaben und neu zu 
schaffenden Kommissionen haben innerpar¬ 
teilich zu Verunsicherung und Kritik geführt. 
Mit diesem administrativen Ansatz ist eine 
Bürokratisierung und Reglementierung vie¬ 
ler gesellschaftlicher Bereiche bis hin zur Ein¬ 
richtung einer Umweltpolizei verbunden. 
Sieht so die Utopie der GRÜNEN aus? Es ist 
nicht so lange her, da war es innerparteilich 
noch die große Mode, dem rechten Herbert 
Gruhl vorzuwerfen, er wolle einen mit allen 
Machtmitteln ausgestatteten autoritären Ök¬ 
ostaat. 

Die GRÜNEN wollten mit dem Umbau¬ 
programm aufzeigen, wie Teile ihres Pro¬ 
gramms schon jetzt umsetzbar gemacht wer¬ 
den können und haben doch nur gezeigt, daß 
sie es waren, die sich haben umbauen lassen. 
Die Mühe, das Programm auszuarbeiten war 
allemal vergebens, weil bei den gegebenen 
Kräfteverhältnissen auch nach der nächsten 
Bundestagswahl die GRÜNEN nicht die Ge¬ 
legenheit erhalten werden, an einer Regie¬ 
rung mitzuarbeiten. Durch eine Verzettelung 
in jetzt völlig unerhebliche technokratische 
Detailfragen wurde eine Menge Energie ver¬ 
schwende die auf subversive Weise genutzt, 
sicherlich mehr bewirkt hätte. 








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Ihr erklärt in Eurem »offenen Brief«, Ihr 
hieltet es »für ein Zeichen von Schwäche und 
Unentschiedenheit«, daß das Koordinie¬ 
rungstreffen der Anti-Atom-Bewegung in 
Frankfurt am 28./29.Juni »eine eindeutige 
Absage an Gewalt bei Demonstrationen 
nicht für nötig gehalten« hat. Jene, die das 
»Prinzip der Gewaltfreiheit« nicht vertreten 
sollen aus »unserer Solidarität« ausgegrenzt 
werden. Gegen »Wasserwerfer, CS-Gas« und 
»Staatsterror« sei »die eigene Gewaltfreiheit« 
die »einzig wirkungsvolle Antwort«. Jene, 
die eine andere Antwort haben und mit 
»Stahlkugeln, Schleudern und Brandflaschen 
ankommen«, dürfen nicht »unser Verbünde¬ 
ter im gewaltfreien Kampf gegen Atom- und 
Polizeistaat sein«. Wir sollen »gewaltfrei« da¬ 
für sorgen, daß »Gewalttäter keine Chance 
mehr haben« und selbst ein »Bekenntnis zum 
gewaltfreien Protest und eine unmißvertsänd- 
liche Absage an Gewalt« ablegen. 

Wir sind entsetzt und wütend über Zustan¬ 
dekommen und Inhalt des »Offenen Brie¬ 
fes«. 

Kaum einer der Unterzeichner/innen 
kannte die in Frankfurt gefaßten Beschlüße- 


wir sind erstaunt, wie vorschnell »Prominen¬ 
te« ihren Namen für so etwas hergeben. 

Mit Euren Forderungen, die auf eine Spal¬ 
tung der Anti-Atom-Bewegung hinauslaufen 
provoziert Ihr eine Antwort, die den Spieß 
umdreht und die Bewegung vor Euch und 
Euren Positionen warnt. Dies lehnen wir je¬ 
doch ab, weil wir es ernst meinen und jede 
Art von Spaltung der Anti-Atom-Bewegung 
ablehnen. Im Anti-AKW-Widersttand hatten 
gewaltfreie Positionen immer ihren Platz, 
dochhat dies gemeinsame Aktionen ohne 
Ausgrenzungen möglich gemacht. Wir wol¬ 
len, daß dies weiterhin möglich bleibt und 
hoffen, daß Ihr Euren Standpunkt über- 
denkt. 

Wir werden uns auch in Zukunft unsere 
Protest- und Widerstandsformen nicht von 
den Herrschenden diktieren lassen und un¬ 
terstützen die in Frankfurt gefaßte Resolu¬ 
tion, die in Anlehnung an die Erklärung der 
Hamburger »Eingeschlossenen vom Hcili- 
gengeistfeld bekräftigt;. »Wir lassen uns we¬ 
der von unseren Protest- und Widerstandsak¬ 
tionen gegen die Atomanalegen abschrecken, 
noch unser Recht auf Demonstration und Wi¬ 


derstand einkesseln, lassen uns nicht in guic 
und schlechte, friedfertige und militante, le¬ 
gale und illegale Demonstranten sortieren. 
Einmütig stellen wir fest: kriminell sind nicht 
diejenigen, die - in welcher Form auch immer 

- Widerstand gegen die lebensbedrohenden 
Atomanlagen leisten, kriminell sind vielmehr 
die Betreiber dieses mörderischen Atompro¬ 
gramms und ein Staat, der es uns mit allen 
Mitteln aufzwingen will.« Wir werden dem 
Atom- und Polizeistaat den Gefallen nicht 
tun, unsererseits Teile der Bewegung auszu- 
grenzen. Die in Frankfurt beschlossenen Ak¬ 
tionen 

- bundesweite Aktionen in Städten und an 
Standorten bei Inbetriebnahme des AK^ 
Brokdorf 

- Aktionen gegen den Schrottreaktor Stade 
und die Wackersdorf-Blockade (13.-15.10.) 

- Anti-WAA-Demo in München am 4. Okto¬ 
ber 

- bundesweite Demonstration in Hanau am 
8. November 

sollen die alten und neuen Atomgegner/innen 
zu Massenprotesten vereinen. Vordringliches 
Ziel ist dabei für uns, daß neue und alte Anti' 













13 


Atom-Bewegung Zusammenkommen, ge¬ 
meinsam aktionsfähig werden und einen un¬ 
berechenbaren und nicht integrierbaren Wi¬ 
derstand entwickeln. 

Beispielhaft für einen solchen Widerstand, 
der Atomgegncr/innen mit unterschiedlich¬ 
sten politischen Positionen und Erfahrungen 
zu einer konsequenten und radikalen Wider¬ 
standsaktion vereinte, waren die Wcndland- 
blockade vom Frühjahr 1984 und die Beset¬ 
zung des WAA-Bauplatzes in Wackersdorf. 
Es gab seinerzeit »prominente Atomgegner/ 
innen« wie Marianne Fritzen und Hubert 
Weinzierl (BUND), die vor der Wcndland- 
blockadc und der Bauplatzbesctzung gewarnt 
haben. Nicht bestreiten läßt sich jedoch, daß 
diese Aktionen richtig waren, weil sic den po¬ 
litischen Preis für Staat und Atommafia hoch- 
getrieben haben und viele neue Atomgegner/ 
innen dazu kamen. 

Aus dem Schicksal der Anti-Rakcten-Bc- 
wegung von 1983 ist gut nachzuvollzichcn, 
daß Absprachen mit Staat und Polizei und 
das vordringliche Bemühen um Befriedung, 
Wehrlosigkeit und »Selbstbeherrschung« in 
den eigenen Reihen eine Bewegung zwar 
breiter, aber auch zahn- und perspektivlos 
und letztlich völlig kalkulierbar und unge¬ 
fährlich für den Staat machen. 

Gerade weil Tschernobyl passiert ist, ist 
dem Staat nichts wichtiger als die Zerschla¬ 
gung des radikalen und unabhängigen Gei¬ 
stes und die Reintegration des übrigen Prote¬ 
stes. 

»Eine Bürgerinitiative, die sagt, wir lassen 
den Widerstand nicht spalten, betreibt die 
Vorbereitung von Gewalt und da darf kein 
anständiger Mensch mehr mitmachen. Den 
Widerstand spalten, das muß unsserc Aufga¬ 
be sein« (Zitat G. Beckstein, Landesvorsit¬ 
zender der CSU-AK-Polizci und Vorsitzen¬ 
der des Sichcrhcitsausschußes des bayrischen 
Landtages (taz, 9.7.86) 

Diesen Spaltungsbcmühungcn verschafft 
Ihr mit Eurem Brief BodcnBund Ihr erfüllt 
die Hoffnung des Staates, die Hamburgs 
oberster Verfassungsschützer Lochte so auf 
den Punkt brachte: »Insgesamt bin ich zuver¬ 
sichtlich, daß sich die GRÜNEN bundesweit 
von den Krawallmachern distanzieren.« Es 
ist schon schlimm, aber leider auch nicht neu; 
sich selbst zu distanzieren. Viel schlimmer ist 
jedoch, die Anti-Atom-Bcwcgung aufzufor¬ 
dern, sich untereinander zu distanzieren und 

auszugrenzen. 

Angehörige der grünen Bundestagsfrak¬ 
tion müssen sich die Frage gefallen lassen, 
was sie damit meinen, wenn sie schreiben 
»Gewalttäter in unseren Reihen müssen wis¬ 
sen, daß sic nicht mit unserer Solidarität rech¬ 
nen können, solange sic das von uns vertrete¬ 
ne Prinzip der Gewaltfreiheit nicht respektie¬ 
ren wollen« - denn wo blieb Euer Aufschrei, 
als hessische Wasserwerfer Günter Sare tot- 
fuhren, wo bleibt Euer Protest dagegen, daß 
hessische Wasserwerfer Demonstranten ge¬ 
gen die WAA mit CS-Gas einnebeln und Eu¬ 
er Widerstand dagegen, daß von einer rot/ 
grünen Koalition neue »Polizeisondcreinhei- 
ten« aufgcstcllt werden, die die Aufgabe ha¬ 
ben, den »allsonntäglichcn Auseinanderset¬ 
zungen« an der Startbahn West »ein Ende zu 
bereiten« und mehr »Gewalttäter« fcstzunch- 
nien (FAZ, 7.7.86). Von Euch kommt hier 
nicht nur kein Protest, sondern Ihr segnet 
dies stillschweigend mit ab. Otto Schily lor- 
dert von uns im gleichen Atemzug die Aner¬ 
kennung des staatlichen Gcwaltmonopols - 


das Gewalt monopol »des Atom- und Poli¬ 
zeistaates«, das zur Durchsetzung der WAA 
Wackersdorf gerade mit Gummigeschossen 
ausgerüstet wird! 

Mitschwimmen statt auflehnen? 
Angesichts der nach dem Frankfurter Koor¬ 
dinierungstreffen beispiellosen Medienhetze 
gegen die Anti-AKW-Bewegung wäre es 
richtig und notwendig gewesen, gemeinsam 
dagegen vorzugehen und sich gegen den 
Strom der Diffamierungen zu stellen. Gerade 
»Prominente« sollten sich überlegen, für wel¬ 
che Seite sie ihren Namen in die Waagschale 
legen, denn gerade sie sind diejenigen, die 
sich mit Gewicht gegen den herrschenden 
Kurs stellen könnten - anstatt bei Zimmer¬ 
mann und Co. mitzuschwimmen. 

Es gibt viele Möglichkeiten, »wirkungsvol¬ 
le Aktionsformen des gewalfreien Kampfes« 
oder Vorschläge für »massenhaften, zivilen 
Ungehorsam« einzubringen, die Debatte um 
die jetzt richtigen Aktions- und Widerstands¬ 
formen zu führen - möglich wäre dies auf 
dem Frankfurter Treffen gewesen, wo wir 
niemanden von Euch gesehen haben. Ein 
denkbar schlechtes Vorgehen dafür ist je¬ 
doch, »Offene Briefe« in der Frankfurter 
Rundschau zu veröffentlichen, ohne die Aus¬ 
einandersetzung mit den Anti-Atom-Bewe- 
gung auf Konferenzen oder in den Publika¬ 
tionsorganen wie Atom oder radi-aktiv zu su¬ 
chen. Wir fordern Euch auf, die weitere De¬ 
batte hierzu führen. 


Mit konsequent radikal gewaltig freien Grü¬ 
ßen 

die Redaktion Atom Lüneburg und die Re¬ 
daktion radi-aktiv 

sowie die Teilnehmer/innen der Atommüll¬ 
konferenz v. 19./20.7.86 

□□□□□□□□□□□□□□□□□□□ 

Kontakt: Sabine Roisch, Sültenweg 53, 2120 
Lüneburg, Tel: 04131148360 

□□□□□□ÜDÜDDDDDDDDDÜ 


DIE FREIE 
GESELLSCHAFT 

VIERTELJAHRESSCHRIFT FÜR GESELLSCHAFTSKRITIK 
UND FREIHEITLICHER SOZIALISMUS 


Nr. 15/86 u.a* mit folgenden Themen: 

> Verteidigung der Demokratie - auch 
militärisch? > Zur Geschichte des 
17. Juni > Gandhis industrie-zivili¬ 
satorische Kritik heute > Arbeit mit 
jüdischen und arabischen Jugendli¬ 
chen > Uber Helene Stöcker > Buch- 
besprechunqen > 64 Seiten, DM 4,40 

DIE FREIE GESELLSCHAFT 
Verlagsbuchhandlung M. Watermann 
Göhrdestraße 8 • 3000 Hannover 1 
Postgiroamt Hannover, 3539 67-307 


»Werdet Ihr 
von Moskau 
finanziert?« 

schreibt ein empörter Buchhänd¬ 
ler & verdoppelt seine Bestellung, j 

»Oder wie bringt ! 
ihr es bloß fertig, 
für 5 Märker eine j 
so interessante ! 
Zeitschrift zu ma- i 
eben?« Z. B. so: 

Auto aus? Glanz und Schatten der 
Autokultur (Gerhard Armanski, 
Syliva Hamberger, Michael Kon- 
rad, Siegfried Reinecke)- Spanien 
1936: Hoffnung und Trauer (Gün¬ 
ther Schmigalle, Rainer Tosstorff) 1 
• Mythos heute: Verdunklung oder | 
Erfassung unserer Welt? (Fritz \ 
Güde und Christoph Zwicker) • i j 
Mehmet Güter. Erinnerungsarbeit ! 
in Bildern zwischen Deutschland j 
und der Türkei (Michael Nunges- 
ser) - Essen im Knast: Unser täg- j - 
lieh Fraß (Ilse Schwipper u.a.) | 

Eine linke Kultur-j 
Zeitschrift. Mit ei-! 
ner merkwürdigen ' 
Mischung aus Lite- j 
ratur, Kunst und i j 
Naturwissenschaft, j i 

»Mit seiner Mischung aus Kunst, j j 
Literatur und Wissenschaft trägt j i 
der UMBRUCH einem erweiterten j 
Kulturverständnis Rechnung und ‘ 
steht damit quer zu einer momen- ! 
tan gepflegten Theorieabstinenz, ! 
Vom Anspruch her ähnlich ange- | 
legt wie die verblichene Linkskur¬ 
ve, aber längst nicht so dogma- . 
tisch und vom Konzept her umfas- : 
sender, sind dem UMBRUCH mehr 
Leser zu wünschen« ( Stadtblatt, \ 

steü: Kein Problem: 

Heft 3/86 jetzt im Handel oder(bit- ; 
te 5 DM als Scheck, Schein oder 
Briefmarke mitschicken) vom 

UMBRUCH 

Postfach 111162, 6000 Frankfurt 1 
















Vom 18. bis 20.7.86 fand in Aschaffenburg 
das 2. Treffen der Anarchistischen Födera¬ 
tion Nordbayern statt. Auftakt war am Frei¬ 
tag eine Veranstaltung im Libertären Zen¬ 
trum mit Film und Referaten zur spanischen 
Revolution. Am Wochenende wurden die 
Themen »Verfall der Arbeit« und »Parla¬ 
mentarismuskritik« diskutiert: Am Komplex 
»Verfall der Arbeit« zeigte sich, daß dieses 
Thema zu umfangreich ist, um an einem Tag 
behandelt werden zu können, besonders 
wenn es nicht vorher von den Teilnehmern/ 
innen in ihren Gruppen vorbereitet und 
strukturiert wird. Bei der Kritik des Parla¬ 
mentarismus standen sich zwei Positionen ge¬ 
genüber. 1. Soll ein Wahlboykott als Mittel 
der Entlarvung der bestehenden Pseudodc- 
mokratic benutzt werden? oder ist 2. ein 
Wahlboykott gegenwärtig eine Verschwen¬ 
dung unserer noch schwachen Kräfte? Beide 
Themen spitzten sich auf die Frage zu, wie 
von der Analyse (egal wie sie ausfällt) zu kon¬ 
kreten praktischen Schritten in der anarchi¬ 
stischen Arbeit übergegangen werden kann. 

Das nächste Treffen der Föderation ist ge¬ 
plant für den 12.-14.12.86 in Regensburg mit 
folgenden Schwerpunkten: 

1) Was bedeutet der Anarchismus heute in 
einer Zeit, in der eine Revolution nicht 
auf der Tagesordnung steht und keine So¬ 
zialrevolutionäre Massenbewegung ab¬ 
sehbar ist. Welche konkreten Perspekti¬ 
ven haben wir, was können wir hier und 
heute erreichen, in der konkreten Situa¬ 
tion, in der wir uns befinden. 

2) Ergebnisse der Bundeskonferenz der An- 
ti-AKW-Bcwcgung, die kurz vorher in 
Regensburg stattfindet. 

3) Verstärkte staatliche Repression - wie ge¬ 
hen wir damit um? 

Kontaktadressen für interessierte Gruppen 
und Einzelpersonen: Libertäres Forum Re¬ 
gensburg, Postlagerkarte 086644 A, 8400 Re- 
gensburg-L 

Libertäres Forum Aschaffenburg , Postlager¬ 
karte 095532 A, 8750 Aschaffenburg 


Vom 7.-12.2.86 fand auf der Domäne Lutter 
ein Treffen anarchistischer Studentengrup¬ 
pen statt. Anwesend waren Gruppen aus 
Göttingen, Osnabrück, Münster, Bonn, 
Bamberg, München und Berlin, die sich alle 
als Teil der libertären Bewegung verstehen, 
aber zusätzlich speziell zu Univcrsitäts- und 
Schulthemen arbeiten und sich vernetzen 
wollen. 

Diskutiert wurde zu Punkten wie »Unterta¬ 
nenfabrik, Leistungs- und Konkurrenzdruck, 
profitorientierte Lehrpläne, Herrschaftsspra¬ 
che, mangelnde Berufsperspektiven, selbst- 
bestimmtes Lernen, anarchistische Inhalte in 
Lehrveranstaltungen, eigene Veranstaltun¬ 
gen organisieren, Beteiligung an oder Ableh¬ 
nung von ASTA-Wahlen etc. 

Kontakt. LUST-Plenum, c!b Silke Bemmann 
Nässestr. 11, 5300 Bon n. 




Aufruf zum 4.Kongreß der »Internationale 
der Anarchistischen Föderationen« (IFA) 
Die IFA wurde 1968 in Carrara gegründet; 
der 2. Kongreß fand 1971 in Paris, der 3. 1978 
in Carrara statt. Geplant wird für den No¬ 
vember 86 in Frankreich u.a. zu den Themen: 
Zustand der libertären Bewegung 
Imperialismus/Blöcke 
Syndikalismus 
Perspektivendisküssion 
Kontakt: CR1FA, clo Giorgio Sacchetti, Via 
Andrea Doria 12, 1-52100 Arrezzo. Diese 
Kontaktstelle sucht und sammelt permanent 
Nachrichten aus der libertären Bewegung; al¬ 
so ab und zu Rundbriefe, Flugblätter etc. hin- 

*"“★★★★★★★ 

Libertäre Tage Ostern 87?? 

Die Leute um das Libertäre Zentrum Frank¬ 
furt, Kriegkstr.38, 6000 Frankfurt planen ein 
Treffen der Mitglieder der libertären Bewe¬ 
gung unterschiedlichster Richtungen zur Dis¬ 
kussion von z.B. Soziale Bewegungen, Öko¬ 
nomie, Frauen, Internationalismus. 














5 




Das »FLI« als Herausgeberkreis des SF will 
Anarchisten/Anarchistinncn und libertär 
denkende Menschen aus unterschiedlichen 
Bereichen mit verschiedener Herangehens- 
vvcisc an soziale und politische Probleme zu¬ 
sammenbringen. Sic sollen - ohne Prinzipic- 
nerklärungen und Statuten - durch freiheitli¬ 
che Diskussion und Information die Theorie 
und Praxis der libertären Bewegung fördern 
und verbreiten. Das FLI orientiert sich an 
den Prinzipien der Gegenseitigen Hilfe, der 
Freien Vereinbarung, des Föderalismus, der 
Basisdemokratic, des Minderheitenschutzes, 
des Feminismus und der Selbstverwaltung als 
gesellschaftliches Organisationsprinzip von 
unten. Es will zur Belebung eines libertären 
Gcgcnmilicus beitragen (Libertäre Zentren, 
Libertäre Foren, sclbslvcrwaltcte Kultur- 
und Kommunikationszentren, halbjährliche 
FLI-Treffen, anarchistische Veranstaltungen 
und Feste). 


Derzeitige (und nur zum Teil voll verwirk¬ 
lichte) Arbeitsgruppen: Anti-Pädagogik, 
Gentechnologie, Antimilitarismus, Anarcha- 
feminismus - Patriarchat, Sozialtechnologie, 
Sowjetunion, Anarchismus und Alternativbe¬ 
wegung, Anarchismus und Grüne - Kommu¬ 
nalismus, Kulturkritik (Ansätze von Carl 
Einstein bis Neil Postman), Internationalis¬ 
mus. 

Zwischenbericht: Nachdem das FLI nun be¬ 
reits drei Jahre arbeitet und sich neben vielen 
Themen sehr ausgiebig mit dem Thema»Ver¬ 
fall der Arbeit« beschäftigt hatte (die Thesen 
wurden auf dem Kongreß in Venedig vorge¬ 
tragen und geendet hat dies vorläufig - aber 
etwas abrupt - in der SF-Sondernummer AR¬ 
BEIT), gab es auf den Treffen in Frankfurt 
(trotz Bookehins Anwesenheit) und Lutter 
Ermüdungserscheinungen und vor allem Per- 
spektiv(losigkeits)diskussionen. Die Berliner 
Gruppe LAVA löste sich auf und auch die 
einzelnen Mitglieder aus Berlin blieben weg. 
(?) Dennoch mischten sich gerade in dieser 
Phase Mitglieder des FLI beim Bildungstag 
des SB in Offenbach und beim Anti-NATO- 
Kongreß in Köln in die politische Diskussion 
anderer Gruppen ein. Das letzte Treffen auf 
der Waldeck brachte den erhofften Neuan¬ 
satz, athmosphärisch und inhaltlich u.a. mit 
dem Thema Gentechnologie. 



Nicht in Vergessenheit geraten sollte der Fall 
Omori, der von der anarchistischen Presse 
der ganzen Welt seit geraumer Zeit ins Be¬ 
wußtsein gebracht wird. Der 11.8.1986 war 
der internationale Aktionstag für Omori; in 
deutschen Landen wohl wenig begangen und 
wenig bekannt?! Unsere Photos einer FREE 
OMORI DEMO in Tokyo (6.4.86) stammen 
aus Black Flag , London. Kontakt: Omori 
Support Committee , No 35 Chitose PO Box, 
Setagaya-Ku, Tokyo, Japan . 


Auch auf dem 

Anarchistentreffen im holländischen Appel- 
scha gab es zwei FLI-Vorträge (Feminismus 
und Antipädagogik). Trotzdem läuft zwi¬ 
schen den Treffen noch immer zu wenig an 
Austausch und Vorbereitung; wir laden des¬ 
halb alle an stärkerem Austausch und Koope¬ 
ration Interessierte ein, die Möglichkeiten 
kontinuierlicher Diskussion mit Genossen 
und Genossinnen wahrzunehmen, neue The¬ 
men einzubringen und unserem Ziel, den An¬ 
archismus zu aktualisieren, um gesellschaft¬ 
lich eingreifen zu können, gemeinsam näher¬ 
zukommen; allein um die oben genannten 
Arbeitsgruppen wirklich sinnvoll weiterzu¬ 
führen bzw. neu zu beleben, bedarf es eures 
Engagements. Da bei den Treffen zumeist 
zwischen 30 und 50 Personen teilnahmen, das 
FLI aber über 120 Mitgliedsadressen, darun¬ 
ter Gruppen hat, sollten sich gerade die »pas¬ 
siven« Mitglieder an der Diskussion im Rund¬ 
brief stärker beteiligen. Um eure Zeitpla¬ 
nung in Bezug auf die Treffen etwas zu ver¬ 
einfachen haben wir beschlossen, eines der 
FLI-Treffen pro Jahr »zu institutionalisie¬ 
ren«. Es findet nun jedes Jahr im Tagungs¬ 
haus der Burg Waldeck statt und jedes Jahr 
von Himmelfahrt (immer ein Donnerstag und 
damit ein verlängertes Wochenende, sonst 
hat’s damit keine Bewandtnis!) bis zum dar¬ 
auffolgenden Sonntag. Das zweite Treffen, 
im Herbst, diesmal aller Voraussicht nach 
Ende Oktober/Anfang November in Bad 
Sachsa (Harz), (genaueres bei der Rundbrie¬ 
fredaktion nachfragen) soll nach doch schon 
alter FLI-Tradition an wechselnden Orten 
stattfinden, um Leute, die weite Anfahrtswe¬ 
ge haben, zu entlasten. 

Lokale Kontakte: (die Liste ist offen!) 

2000 Hamburg 50: Wolfgang Neven, Strese- 
mannstr. 71 

3400 Göttingen: Wolfgang Aschauer, Fried¬ 
länder Weg 13a 

4700 Hamm: Horst Blume, Schleusenweg 10 
5090 Leverkusen: Herby Sachs, Moosweg 
165 

5552 Morbach-Merscheid: Lebensgemein¬ 
schaft, Dörrwiese 4 

(Hier kann gegen 20.-DM pro Jahr der FLI- 
interne Rundbrief, der die halbjährlichen 
Treffen vorbereiten und nachbereiten soll, 
bestellt werden! Tel 0653313534; neue Ktonr. 
100 145 023, das Konto wird unter der Be¬ 
zeichnung »ggh/FLI« geführt; 

BLZ: 570 698 06 Raiffeisenbank Morbach). 
6000 Frankfurt: Uli, clo Pfalz , Rotlindstr.8 
7031 Grafenau: Friederike Kamann, PF 
7500 Karlsruhe: Veronika Mager , Gartenstr. 
40 

8500 Nürnberg: Eddi Taubert, Adam-Krafts- 
tr. 26 

A-1160 Wien: Martin Thoma , Herbststr. 24! 
18 
















Nach Melbourne nun Appelscha, nicht mit 
dem Jet, sondern mit Kleinkindern und Cam- 
ping-Wohn-Anhänger ging unsere Fahrt nach 
Norden. Fast versteckt liegt der Camping- 
und Zeltplatz »Tot Vrijeidsbezinning« am 
Rande eines lichten Mischwaldes: »Schon seit 
1933 haben jedes Jahr - mit einer Unterbre¬ 
chung in den Jahren 40-45 - in Appelscha die 
»Pinkster Landdaggen« stattgefunden auf dem 
Campingplatz »Tot Vrijheidsbezinning.« 

Ja, die Tradition reicht sogar noch weiter zu¬ 
rück: schon 1924 gab es die erste Pfingstmobi- 
lisierung in Amersfoort: es war ein Treffen 
anarchistischer Jugendlicher der Vrije Jeugd 
(Freie Jugend). Etliche Sprecher waren da. 
Eines der Hauptthemen war der Antimilita¬ 
rismus. Von 1925 bis 30 gab es dann jedes 
Jahr Pfingstmobilisierungen, erst in Soest, 
später in Assen und Emmen. 1931 wurde das 
Ereignis umgetauft in »Pfingster Landdagen« 
und fand von da ab in Appelscha statt. Wäh¬ 
rend 1931 und ’32 noch wild gezeltet wurde, 
wurde 1933 von der Stiftung »Tot Vrijheids¬ 
bezinning« das heutige Gelände angekauft.« 
Neu war in diesem Jahr (1986), daß es ein in¬ 
ternationales Treffen sein sollte und die Or¬ 
ganisation von der jungen Anarcho/Anarcha- 
generation durchgeführt wurde. Die alten 
Kämpen waren zwar auf »ihrem« Camping¬ 
platz präsent, hielten sich jedoch zurück und 
ermöglichten so ein im besten Sinne libertä¬ 
res Treffen. Das Spannungsfeld vom ergrau¬ 
ten Arbeiteranarcho bis hinzu schillernden 
Punks und Kraakern, vom sprituell beseelten 
fahrenden Volk und Provodichtern, vom ab¬ 
soluten Vegetarier und Alkoholverächter 
(»Ein Arbeiter der trinkt, denkt nicht...«) bis 
zu Hasch- und Alkoholliebhabern, erzeugte 
eine Lebensqualität, die das Leben wieder 
leidenschaftlich werden ließ. 

Natürlich war die antimilitaristische Potenz 
von »Tot Vrijheidsbezinning« eine der be¬ 
stimmenden Göttinnen der Veranstaltung, 
was sich u.a. darin äußerte, daß spontane 
Diskussionen zum Thema immer wieder lie¬ 
fen und auch eine starke Beteiligung an einer 
Demo in Assen für einen Totalverweigerer 
ermöglichte. 


Wie in der Vergangenheit (so 
das Programmheft) war auch in diesem Jahr 
der wunde Punkt der Anarchisten das Thema 
»Organisation«. 

»Immer wieder gab es Initiativen eine bessere 
Cooperation zu erreichen . 1969 z.B. wurde 
die Federation Freier Sozialisten (FVS) ge¬ 
gründet, welche, wie sich herausstellte, nicht 
sonderlich gut funktionierte und deshalb 1978 
wieder aufhörte. Im Dezember 1978 wurde ein 
Kongreß über Anarchie und Organisation ab¬ 
gehalten. Als Ergebnis entstand ein Kohtakt- 
komitee. Nach internen Schwierigkeiten gab 
auch dieses wieder auf. Die »Anarchistische 
Federation« (AF) wurde gegründet, kam aber 
auch nicht weiter als die FVS und das Kontakt¬ 
komitee: das waren private Treffen und Aus¬ 
tausch von Erfahrungen. Die AF existiert jetzt 
nur noch dem Namen nach, doch gehen seit 
1982 die Sektionen der AF unter eignener Re¬ 
gie weiter, die RAAF (Randstad Afdeling An¬ 
archistischer Federatie = westliche Abteilung 
der AF), die Nördliche Abteilung der Freien 
Sozialisten, NVGS und die südliche Abteilung 
(inzwischen aufgelöst).« 

Die auf Holland beschränkte Frage »warum 
anarchistische Organisationen und Coopera- 
tiven so schlecht funktionieren« läßt sich ganz 
generell ausdehnen, abgesehen von Ausnah¬ 
men. Auch der Organisationsspezialist aus 
Deutschland (FAU Köln) konnte den anwe¬ 
senden Punks und Kraakern, trotz Seiten¬ 
hiebs auf den SCHWARZEN FADEN (Ne¬ 
beneffekt: anschließend gab es gesteigertes 
Interesse an diesem Produkt) [wir können 
uns die Aversionsursache nicht erklären, SF- 
Red.] nicht deutlich machen, warum die Ar¬ 
beiterorganisationen (Gewerkschaft) das All¬ 
heilmittel für die Krankheit »Unwilligkeit/ 
Unfähigkeit zur Organisation« sei. Über¬ 
haupt lebte er durch den unbegründeten Tief- 
schlag gegen seine Genossen vom SF die Un¬ 
fähigkeit geradezu vor. Fazit (von mir): Den 
Anarchisten täte gut, das Problem mal sozio- 
psychologisch anzugehen und die Institu¬ 
tionslogik in den Mittelpunkt der Betrachtun¬ 
gen zu stellen. 


Beim Referat zum Feminismus machte Wal¬ 
traud Kern (FLI) eine Reise in die finstere 
Vergangenheit von gelebtem Matriarchat 
und versuchte zusammen mit Astrid Kraft 
(FLI) den in der Psyche des Mannes begrün¬ 
deten Besitz und Unterdrückungsmechanis¬ 
mus als Struktur bzw. Sozialisationsprinzip 
unserer Gesellschaft herauszuarbeiten. 
Astrid stellte insbesondere Bezüge zur aktu¬ 
ellen Situation in Holland her. - Wie so oft bei 
diesem Thema, u.a. durch rührende Hilfsan¬ 
gebote einiger Mannen bedingt, war schlie߬ 
lich ein Teil der Frauen nicht mehr bereit mit 
»Typen« zu diskutieren. So wurde nach dem 
Besuch des Frauen-Films »All our Livcs«, 
welcher die Situation der Veteraninnen des 
Spanien von 1936 darstellte, die Diskussion 
auf dem angemieteten Sportplatz unter ei¬ 
nem Teil der Frauen weitergeführt, mit dem 
Ergebnis, daß zumindest in Holland ein wei¬ 
terer Austausch unter Anarcha-Feministin- 
nen erfolgen soll."(...) Green Anarchist Alan 
Albon mußte sich bei seinem Vortrag fragen 
lassen, was denn seine Ausführungen mit An¬ 
archismus zu tun haben und Claire Whitmore 
schilderte die Notwendigkeit mit Festivals 
und »reisenden Schulen« eine menschlichere 
Zukunft vorzubereiten. 

Es ergäbe ein falsches Bild von diesem wirk¬ 
lich spannenden internationalen Treffen, er¬ 
wähnte ich nicht das große Angebot von Fil¬ 
men, die z.T. als hervorragend bezeichnet 
wurden, die Musik, von sanftem Folk bis fet¬ 
zigem Rock, oder die ständigen Kinderaktio¬ 
nen in den verschiedenen Veranstaltungszel¬ 
ten. Eine an Perfektion grenzende Küchenor¬ 
ganisation (ein Beweis der vorhandenen Fä¬ 
higkeit zur Organisation) versorgte schlie߬ 
lich ca. 1000 Menschen zur Dinnertime. Al¬ 
lerdings vegetarisch versteht sich. 

Schlußendlich noch ein Gerücht: Im näch¬ 
sten Jahr soll das FLI vollzählig an diesem 
holländischen Ereignis teilnehmen!?? 

Gerhard Kern 

★★★★★★★★★★ 

Dies ist keine Sleilemaflzeige, 
aber sowas ähnliches: 

Gesucht wird für ein größeres 
anarchistisches Projekt ein(e) 

Fotosetzer(in) 



Voraussetzungen: 

Gute Schreibmaschinen¬ 


kenntnisse 

H Gefühl für grafische Gestaltung 
W Ernsthaftes Interesse an 
kollektiver Projektarbeit 
Merke: Wir haben keinen Job- zu 
vergeben - wir suchen jemanden, 
der (die) voll mit uns in eine 
Perspektive einsteigen will, die 
Arbeit, Leben und Politik umfaßt 
Interesse? Meldet Euch 
bis zum 10. August ’86 bei 



LetraSatz 

Türmstraße 2 
6330 Wetzlar 











i Augustin Soudiy: Nacht über Spanien; das 
Buch beschreibt den spanischen Bürgerkrieg 
aus der Sicht der CNT/AIT; 280 S.. 16.- 
ir Augustin Souchy: Die Bauern von Aragon; 
dieses Buch schildert detailliert die Revolu¬ 
tion in einer spanischen Provinz. Deutsche 
Erstübersetzung; 


LITERATUR 


ZUM SPANISCHEN 


BÜRGERKRIEG 36-39 



* Medienwerkstatt Freiburg (Hg.): Die 
lange Hoffnung; auf Initiative der Freiburger 
entstand 1983 eine lebendige Geschichtsaus¬ 
einandersetzung mit Clara Thalmann und 
Augustin Souchy in Spanien an den Stätten 
ihrer Erlebnisse 36-39; 220 S., 19,80. 
fir Clara und Paul Thalmann: Revolution für 
die Freiheit; persönlicher Erlebnisbericht der 
beiden Schweizer. 400 S., 20.-. 


Oskar Kanehl - Straße Frei! 

mit Zeichnungen von George Grosz 

und einem Vorwort von Wotfgang Haug und Friederike Kamann 

2 .Auflage (insges.: 3. Auflage); 7. -DM . 

Oskar Kanehl gehörte der rätekommunistischen AAUE (Allgemeine Arebiter 
Union Einheitsfront) und vor allem dem Kreis um die Zeitschrift „AKTION“ an; er 
war ein Freund und fester Mitarbeiter Franz Pfemferts. Oskar Kanehl bekam für den 
vorliegenden Gedichtband einen Prozeß, weil er angeblich den öffentlichen Frieden 
gefährdet und zu Gewalttätigkeiten aufgereizt habe. 



«n rtlwUwlM 


>n 2t. «pril »23 


★ ★★ 


Es lebt noch eine Flamme - Rheinische Anardio-Syndikalisten in der Weimarer | 
Republik und im Faschismus, 
von Ulrich Klan und Dieter Nelles, 350 S.; 32.-DM 

Diese Arbeit umfaßt Herkunftsgeschichte der Freien Arbeiterunion, ihre politi¬ 
sche Betätigung in der Märzrevolution 1920, bei Erwerbslosenunruhen genauso wie 
die Kontroversen um Strategie und Taktik. Einen (bis heute bestehenden , vgl. etwa 
CNT, FAU) Auseinandersetzungsgrund bildete die Diskussion um das Betriebsräte¬ 
gesetz und die Orientierung auf gewerkschaftliche Tageskämpfe bzw. die politische 
Agitation und der Kampf gegen den Faschismus als Propagandaorganisation. Die 
Arbeit geht auf die FAUD als Fluchthilfeorganisation und auf den Widerstand in 
Wuppertal ein. 

Der zweite Teil widmet sich den „Oppositionsgruppen“ (besser Gruppen mit Son¬ 
derinteressen): Der Syndikalistischen Jugend (Jugendautonomie, Jugendbewegung, 
Nacktkultur, Freidenkertum, Freie Schule und Organisierung ab 1925); den Siedlern 
(Siedlung Freie Erde Düsseldorf); den Frauenbünden (Frauen in der Männerbewe¬ 
gung, Freie Liebe, Frauenbund-Diskussion) und den literarischen und musikalischen 
Initiativgruppen (Anarchistische Kunst, ,Die Schöpfung*-Tageszeitung, Die Freie 
Sängerschaft etc.). 

Neben ausführlichem Quellenmaterial gelang es den beiden Autoren zahlreiche 
Überlebende aus der anarcho-syndikalistischen Jugend nach ihren Erinnerungen zu 
befragen und so den bloßen Akten (etwa der Gestapo) authentische Berichte (nicht 
selten korrigiernd) beiseite zu stellen. 

Theorie und Praxis anarchistischer Erziehung 
von Hans-Ulrich Gründer, 140 S., 20.-DM 

In drei Kapiteln stellt der Autor anarchistische Schulversuche vor. Er behandelt 
das Waisenhaus in Cempuis von Paul Robin, die Schule La Ruche von Sebastian 
Faurc und die Ecolc Ferrer von Jean Wintscb. Parallel werden das Leben der Perso¬ 
nen, ihre Vision einer libertären Erziehung, die Schulorte, die pädagogischen Ziele 
und der schulische Alltag behandelt. Eine vergleichende Analyse zu Theorie und 
Praxis dieser Modelle sowie Anmerkungen und Literaturhinweise finden sich im 
Schlußteil. . 


|Trotzdem Verlag «^Postfach ^ 7031 Grafenau»! 







i 1 


Auch Vertreter der anarchistischen Studen¬ 
tengruppen waren in Appelscha, aus ihrem 
Rundbrief PULVERFASS einige ergänzen¬ 
de Eindrücke: 

... Nach dem ersten Eindruck waren wir zu¬ 
nächst ein wenig gefrustet: da hatten wir 20 
Gulden Eintritt zahlen müssen, um nun 
nichts zu verstehen. Lediglich die Bücherti¬ 
sche und Info-Stände versöhnten uns ein we¬ 
nig. Das Bier um uns zu trösten, mußten wir 
dann auch noch eigens aus einem Supermarkt 
ankarren, da der Campingplatz traditionell 
»alkoholfrei« war... 

(...) Weiterführende Strategien [nach der 
Diskussion mit den Green Anarchists, SF- 
Anm.] zur ökologischen Perspektive entwik- 
kelte dann Harald Zellerer (Autor von Eco- 
logie en Anarchisme). Er sieht einen effizien¬ 
ten Kampf auf drei Ebenen: 1. Aktivitäten 
von pressure groups; 2. Die Arbeit von Grup- | 
pen auf aktionistisch-kämpferischer Ebene; j 
3. Sehr wichtig findet er den Aufbau von Öko- i j 
anarchistischen Altemativprojekten. I 

(...) Nach der Pause wurde es nochmal sehr 1 j j 
interessant, zumal der Diskussionsbeitrag I Ij 
von Gerhard Kern (SF/FLI AG Antipädago- ! 
gik) zur Antipädagogik in Deutsch gehalten ! 
und für uns vollständig zu verstehen war. In¬ 
teressant war es, weil Gerhard nicht nur die 
allgemeinen und vielfach nachzulesenden 
Thesen der Antipädagogik verzapft hat, son- j 
dern auch auf die Art, wie er sie in seinem 
privaten Umfeld (Lebensgemeinschaft im j 
Drohntal) zu leben versucht, eingegangen ist, [ 
etwas, das bei den meisten Referenten Zu ver- j 

missen war. 

(...) Reizthema “Anarchismus und Organi¬ 
sation”: Jose Estevao aus Portugal hob die c 
Bedeutung von Organisation hervor, um Fö¬ 
deralismus, gegenseitige Hilfe und Freiheit I 
für alle zu erreichen. Er lehnt es strikt ab, als j < 
Anarchist in bestehende Bewegungen und j 
Organisationen einzutreten, viel wichtiger ist j 
es für ihn, eigene Organisationsformen zu fin- | 1 
den und offensiv anarchistische Positionen zu | . 
vertreten. (...) Richtig lebhaft wurde es erst j i 
beim Vortrag Cajo Brendels über »Organisa- 
tion und Kooperation«. Brendel vertrat einen t j 
»Steinzeitanarchismus«, der sich einzig und | j 
allein an die Arbeiter wendet. Seinen Aussa- ! j 
gen zufolge gibt es keinen Anarcha-Feminis- j ; 
mus, keine anarchistisch-ökologische Strö- . 
mung, keine anarchistische Pädagogik usw., 
sondern nur eine Hinwendung zum Industrie- 1 j 
Proletariat. Die Arbeiterschaft warte nur dar- j i 
auf, sich zu erheben, wenn doch nurdie Anar- ] 
chist/inn/en erkennen würden, daß die Zeit j ( 
zum Sturm reif ist. Der Vortrag drohte in ei- I 
nem Eklat zu enden, als laute Zwischenrufe ! 
dem Sprecher klar machten, daß er mit seiner I 
Meinung ziemlich alleine stand. Da endlich j 
brachte er den Knüller, daß er gar kein Anar- j 
chist sei, sondern Rätekommunist... 

[Wollten wir die ganze Zeit schon sagen, aber 
uns hört ja keiner: Cajo Brendel: »Kronstadt 1 
- Proletarischer Ausläufer der russischen Re- : 
volution« (Redebeitrag beim 1.Berliner , 
Kronstadt-Kongreß 1971); oder »Einfüh- • 
rung« in »Die revolutionäre Partei« von Hen¬ 
riette Roland-Holst, Kollektiv Verlag 1972; : 
oder »Autonome Klassenkämpfe in England . 
1945-72«, Karin Kramer Verlag 1974; SF- 
Red.] 







Die Kollektivierung in Aragon 


von Augustin Souchy übersetzt von Bernhard Arracher 


Der Jahrestag der spanischen Revolution 
wird in der BRD durchaus begangen, medien- 
gerecht versteht sich und vor allein »repräsen¬ 
tativ demokratisch«. Kein Schlagwort findet 
sich so häufig wie das »von der Gewalt beider 
Spanien« oder das vom »linken und rechten 
j Extremismus«. Zumindest letzteres ist ty¬ 
pisch deutsch und stülpt den Ereignissen von 
| 1936/37 die Interpretationsweise deutscher 

j Verfassungsschützer über. Eine ausführliche 

Analyse bundesdeutscher Medienberichte 
über Spanien 36 bereiten wir für die nächste 
Nummer des SF vor. Diesmal wollen wir es 
dabei bewenden lassen, wirklich »Repräsen¬ 
tatives« - nämlich Kultur und in Leben umge¬ 
setzte Politik - vorzustellen. Wir beginnen 
mit einem in deutscher Sprache bislang noch 
nicht veröffentlichten Bericht Augustin Sou- 
chys über die Kollektivierung in Aragon, stel¬ 
len eine kleine Geschichte vor, wie sie von an¬ 
archistischen Bauern zu Dutzenden geschrie¬ 
ben worden sind, versuchen uns dem spani¬ 
schen Dichter Garcia Lorca zu nähern und 
| lassen Luis A. Edo über die aktuelle Situation 
j der CNT und die der anarcho-syndikalisti- 
schen Bewegung berichten. 

SF 

Sofort nach dem 19. Juli 1936 brachen überall 
in den Städten und Dörfern Aragons Kämpfe 
zwischen Bauern und Faschisten aus. Aus vie¬ 
len Dörfern flohen die Bauern um den Verfo- 
gungen der Faschisten zu entgehen, später als 
die antifaschistischen Kolonnen von Katalo¬ 
nien und der Levante aus, nach Aragon vor¬ 
rückten, wurden die Städte und Dörfer von 


Faschisten und Zivilgardisten befreit. Die 
Bauern kehrten in ihre Heimat zurück. Im 
Anschluß daran fand eine soziale Umgestal¬ 
tung statt, die ihresgleichen suchte was Inten¬ 
sität und Organisation betraf. 

Anders als in Katalonien rief die Vertei¬ 
lung des Landes in Aragon nicht die großen 
Extreme zwischen Armut und Reichtum her¬ 
vor. Die Mehrheit der Bevölkerung waren 
Kleinbauern und Pächter. Die Pächter und 
auch die landlosen Tagelöhner arbeiteten für 
die wenigen großen Landbesitzer. (Diese bei¬ 
den Gruppen mußten sich für viele Monate 
'des Jahres in den Städten Arbeit suchen, weil 
die Erde sie nicht ernähren konnte.) Der 
Krieg führte dazu, daß diese Extreme ziem¬ 
lich schnell beseitigt wurden, denn als die 
Volksmiliz vorrückte, flohen die großen 
Landbesitzer und Faschisten aus der Region. 
Sehr wenige blieben um mit den Bauern zu ar¬ 
beiten. 

Die Bewohner der Dörfer hielten Ver¬ 
sammlungen auf öffentlichen Plätzen ab und 
kamen überein, die Ländereien der faschisti¬ 
schen Landbesitzer zu enteignen. Auch ande¬ 
res Land wurde kollektiviert oder dem Dorf 
übergeben. In fast allen befreiten Gemeinden 
beschlossen Menschen in Kollektiven zusam¬ 
menzuarbeiten. Fünfhundert Städte und Dör¬ 
fer mit einer Bevölkerung von ungefähr einer 
halben Million Menschen führten den Kollek¬ 
tivismus ein; - eine Wirtschaftsweise und ein 
soziales System das bis dahin in Europa unbe¬ 
kannt war. Die Umformung von Privatbesitz 
in Kollektivbesitz wurde in relativ kurzer Zeit 
und zu einem überraschenden Grad durchge¬ 


führt. 

Die Kollektivierung in Aragon stellte eine 
Endphase in der Umgestaltung des ländlichen 
Lebens dar, für die seit dem Beginn der Repu¬ 
blik 1931 gekämpft worden war. Die Agrarre¬ 
form der Republik war keine Hilfe für das 
Landproletariat gewesen. Sehr wenige große 
Landbesitzer waren unter dem Banner der 
Reform enteignent worden. Nur die Lände¬ 
reien, die der Kirche oder religiösen Orden 
gehörten wurden übergeben. Diese wurden 
untereine relativ kleine Anzahl von Bauernfa- 
milien verteilt, aber die ländlichen Massen 
lebten weiterhin in Not. 

Nachdem die Macht der Reaktion nach 
dem 19. Juli 1936 zerstört war, verwirklichten 
die Bauern ihr Ideal der Kollektivierung- 
Kommunen übernahmen auch die Kontrolle 
in allen Städten und Dörfern des loyalen Spa¬ 
nien. Aber der Prozeß der Kollektivierung ge¬ 
dieh nirgends sonst in Spanien so weit wie in 
Aragon. 

Die Kollektivierung wurde nicht vom Staat 
angeordnet oder durch Gewalt aufgezwungen 
wie in Rußland. Das Ziel der Bauern war es 
gemeinsam zu produzieren und das Produkt 
ihrer Arbeit gerecht zu verteilen. Niemand er¬ 
ließ eine Anordnung zu einer bestimmten Art 
von Kollektivierung. Es gab keine Dekrete, 
keine Regierungskommissionen, keine otfi" 
ziehen Anweisungen um die Bauern zu lem 
ken. Sie handelten aus ihrem Gefühl heraus. 
Eine aktive Minderheit ging voran. Das Ideal 
des freiheitlichen Kommunismus war unter 
den Bauern stark verwurzelt. Es war erre¬ 
gend zu sehen wie die Bauern den Nagel auf 











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den Kopf trafen mit ihrem klaren, menschli¬ 
chen Denken, obwohl sie vielleicht keine 
Theorie oder tieferes Wissen besaßen. Mit 
dem Einfühlungsvermögen das Menschen in 
Ausnahmezeiten entwickeln, ging die Land¬ 
bevölkerung daran ein neues Leben aufzu¬ 
bauen. 

Nachrichten über die Kollektivierung und 
den freiheitlichen Kommunismus in Aragon 
verbreiteten sich über das ganze Land. Aber 
man wußte nichts - weder in Spanien noch im 
Ausland - über den tatsächlichen Inhalt des 
kolletiven Lebens in Aragon. 

Was in Aragon geschah ist jedoch von 
größter Wichtigkeit für die sozialistische Welt¬ 
bewegung. Mehr als eine halbe Million Bau¬ 
ern nahmen, getrieben von der Notwendig¬ 
keit und von ihren Idealen, ihr Schicksal in ih¬ 
re eigenen Hände. Gleichheit, Freiheit, Brü¬ 
derlichkeit die großen Träume der Französi¬ 
schen Revolution waren noch nirgends auf 
der Welt verwirklicht worden. Sie wurden in 
Aragon in die Tat umgesetzt. Der Bauer war 
frei von politischer Unterdrückung und der 
Ausbeutung der großen Landbesitzer. 

Die Struktur der Kollektive in Aragon 


Fleisch und andere Lebensmittel unbegrenzt 
und ohne Bezahlung ausgegeben. Alles was 
außerhalb der Kommune beschafft werden 
mußte, durch Tausch oder Kauf von anderen 
Kommunen oder aus Städten, oder Dinge, 
die knapp waren, wurden rationiert. Jeder, ob 
er fähig war zu arbeiten oder nicht, erhielt al¬ 
les Lebensnotwendige sofern das Kollektiv es 
bereitstellen konnte. Die zugrunde liegende 
Idee war nicht mehr »gerechten Lohn für gute 
Arbeit« sondern »jeder nach seinen Fähigkei¬ 
ten, jedem nach seinen Bedürfnissen«. 

Darin lag ein Unterschied zwischen den 
Bauernkollektiven in Aragon und den Indu- 
striekollektiven in Katalonien und anderen 
Teilen Spaniens. In der Industrie wurde nur 
die Arbeit oder die Produktion kollektiviert. 
Der Konsum war individuell. In den Bauern¬ 
kollektiven waren Verbrauch und Produktion 
kollektiviert. Das neue System war einfach in 
seinen grundlegenden Merkmalen, mannig¬ 
fach in seiner Anwendung. Der übliche Aus¬ 
gleich bestand darin, daß Dinge die knapp 
waren rationiert wurden, Dinge die im Über¬ 
fluß vorhanden waren, unbegrenzt verteilt 
wurden. Das sind die ökonomischen Formen 
des freiheitlichen Kommunismus. 


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Die kleinste Einheit der Kollektiven in Ara¬ 
gon war die Arbeitsgruppe, die gewöhnlich 5 
bis 10 Mitglieder zählte, manchmal auch 
mehr. Die Gruppe konnte aus Freunden be¬ 
stehen oder den Nachbarn einer bestimmten 
Straße oder aus Kleinbauern, Pächtern oder 
Tagelöhnern. Wenn eine Gruppe ihre Arbeit 
beendet hatte, half sie einer anderen Gruppe. 
Jedermann war verpflichtet zu arbeiten. Je¬ 
des Gruppenmitglied bekam eine Arbeitskar¬ 
te. Die Gruppe ging, angeführt von ihrem 
Delegierten, zur Arbeit; er schrieb die Ar¬ 
beitszeit der Mitglieder auf. Das Kollektiv 
wies den Gruppen Land zu. Die Werkzeuge, 
Maschinen und Tiere, die für die Arbeit ge¬ 
braucht wurden, waren das Eigentum des 
Kollektivs. Für die Bebauung des Landes, 
das ihr zugewiesen wurde, war die Gruppe 
verantwortlich. 

Das Kollektiv war die freie Arbeitsgemein¬ 
schaft der Dorfbewohner. Es wurde unter 
dem Einfluß anarchistischer Ideen geschaf¬ 
fen. Die CNT und die FAI hielten allgemeine 
Versammlungen in den Dörfern ab, an denen 
Bauern, Kleinbauern und Pächter teilnah- 
men. Diese nahmen das Land, die Werkzeuge 
und die Maschinen der enteigneten Landbe¬ 
sitzer in Besitz. Die Kleinbauern und Pächter, 
die sich dem Kollektiv anschlossen, brachten 
ihre Werkzeuge und ihre Ausrüstung mit. Ei¬ 
ne Aufstellung über denganzen Besitz und 
die Gerätschaften wurde angefertigt. Wer im¬ 
mer sich dem Kollektiv nicht anschließen 
wollte, bekam soviel Land, wie er ohne frem¬ 
de Arbeitskraft bebauen konnte. Jedes Kol¬ 
lektiv entwickelte sich nach folgendem Mu¬ 
ster: um die Verteilung von Land, Arbeit, 
Werkzeug und der Frucht der Arbeit kümmer¬ 
te man sich zuerst. Für das Kollektiv mußte 
das materielle Überleben seiner Mitglieder 
an erster Stelle kommen. Die Landwirt¬ 
schaftsprodukte wurden in ein gemeinschaftli¬ 
ches Lagerhaus gebracht; die wichtigsten Le¬ 
bensmittel wurden unter allen gleich verteilt. 
Überschüsse wurden für den Handel mit an¬ 
deren Kommunen oder mit den Kollektiven 
in den Städten benützt. Die Produkte wurden 
innerhalb der Dorfgemeinschaft ohne Bezah¬ 
lung an die Mitglieder verteilt. Es kam auf 
den Wohlstand der Kommune an, ob es auch 
Brot und Wein gab. Manchmal wurden Brot, 


Überregionale Organisierung 

In der Bezirksföderation schloßen sich alle 
Kollektiven des Bezirks zusammen. Zehn bis 
zwanzig Kommunen bildeten eine Wirt¬ 
schaftseinheit. Das Arbeitskollektiv in jedem 
Dorf sandte eine genaue Aufstellung über die 
Größe der Ländereien, die Maschinen, die 
Transportmittel, die Ernte und über die vor¬ 
handenen Waren an die Regionalföderation. 

Die Bezirksföderation unterhielt Lagerhäu¬ 
ser und sie vertrieb die landwirtschaftlichen 
Produkte aller angeschloßenen Dörfer und 
Kollektive. Produkte wurden an die Regio- ! 
nalföderation und in einigen Fällen nach Bar¬ 
celona gesandt um dafür andere Waren einzu¬ 
tauschen. Den Kollektiven war es möglich, \ 
die Güter, die sie brauchten durch Kredit zu | 
erwerben, den sie durch die Warenlieferun- j 
gen an den Bezirk angesammelt hatten. Die 
Mehrheit der Bezirksföderationen hatten aus- j 
reichende Lagermöglichkeiten. Die Dörfer 
konnten erwerben, was sie brauchten. t 

Die Bezirksföderation war zusammenge¬ 
setzt aus Delegierten, die von den Kollekti¬ 
ven der Dörfer gewählt worden waren. Sie j 
waren für die Kommunikation und den Trans- i 
port zwischen den Dörfern untereinander ver- j 
antwortlich, sie kauften neue Transportmit- I 
tel, legten zusätzliche Telefonleitungen und ! 
unterstützten den kulturellen Fortschritt in 
den zusammengeschlossenen Dörfern. Die 
Verteidigung gegen Reaktionäre und Faschi¬ 
sten wurde während der ersten Monate nach j 
dem 19. Juli von der Bezirksföderationorgani¬ 
siert. Örtliche Verteidigungskomittees erhiel- . J 
ten Waffen und strategische Ratschläge von 
der Bezirksföderation. Die Bezirksföderation 
in Barbastro, Provinz Huesca, leitete die Ver¬ 
teidigung gegen den Faschismus 9 Monate 
lang. Sie versorgten die Miliz mit Lebensmit¬ 
teln und allem notwendigen Kriegsmaterial. , 
Alle Bezirksföderationen von Aragon ge¬ 
hörten der Regionalföderation der Kollektive 
von Aragon an. Das Komittee dieser Regio¬ 
nalföderation war das wirtschaftliche Zen¬ 
trum der gesamten Region. Während der er¬ 
sten Monate gab es ein gewisses Nebeneinan¬ 
derherarbeiten. Ein Beispiel: Das Aragoner 
Verteidigungskomittee übernahm am Anfang 
die Verantwortung für die Verteidigung und 









wurde deshalb von der Regierung als reprä¬ 
sentatives Organ anerkannt. Ihm wurde die 
StcHung eines Regierungsorgans zuerkannt, 
tatsächlich gab cs aber kein regionales Vcrtei- 
digungskomittcc sondern ein Wirtschaftsko- 
mittec. 

Ein Kongreß der Bezirksföderationen wur¬ 
de tm Februar 1937 in Caspe abgchalten. Man 
am uberetn die Rcgionalföderation zum 
wirtschafthehen Mittelpunkt der landwirt¬ 
schaftlichen Kollektive von Aragon zu ma¬ 
chen. Die Bezirksföderationen würden ihre 
rzeugmsse und andere Güter zur Rcgional- 
foderat.on senden. Der Warenaustausch zwi- 
schen den emzdnen Teilen Aragons konnte 
über die Regionalfoderation bewerkstelligt 
werden. Wo notwendig, wurden Transaktio- 

3SJÄS R “ 8ioncn ond 

Das war kurz beschrieben die Struktur der 
Kollektive von Aragon. Es folgt ein ausführli- 
cher Bericht über das, was wir in einigen 
Dörfern, Bezirksfoderationen und der Regio- 
nalfoderation gesehen haben. 

Vorgeschichte 

Der Kollektivismus war nicht neu in Spanien. 
Noch war er auf Aragon begrenzt. In Aragon 
jedoch war er am meisten verbreitet. Die 
CNT und die Anarchisten waren die glühend¬ 
sten Verfechter der Kollektivierung, aber 
nicht die einzigen. Auch die Mitglieder der 
UGT favorisierten die Kollektivierung in 
Stadt und Land. Der spanische Anarcho-Syn- 
dikalismus war die treibende Kraft und gab 
der Idee und Bewegung Inspiration. Die so¬ 
zialistischen und syndikalistischen Gewerk¬ 
schaften arbeiteten zusammen - häufig mit 


die Kollektivicrung en - h Er Ä wurde t# c r m T 

Ein weiterer Kongreß, der «Her Gewerk- £ 

schäften Aragons, wurde am 22. Februar 1937 von dcm großartigen Geist der Bewegung: 

rMlis^erfwcnfen'könt^^h 11116 ^ * 5e ' c * cn untc rzeichendcn Organisationen im Moment nicht 
realisiert w rden können, besonders wenn man die Unterschiedlichkeit der Programme der ver- 
schiedenen Sektoren der antifaschistischen tj * . . . , , „ 

< Hf>r Versuch pinp hpcnnri a lsl schen Front m Betracht zieht, und wenn man erkennt, daß 

mörderisch undd htnl w" ^ u ^ V ° n Wir ^ scJlaft ocJer politischem System zu errichten sclbst- 
mcinsamer Aktion: ' ^ & Zeptlcrcn dlc CNT und die UGT die folgenden Grundsätze gc- 

^ ^ateTvo^Am^^ ^ legitimen Regierung der Spanischen Republik und des 

K*.Einfluß L JSa'522" Kr * KMMund ~ 

h Ciden ° rganisatione " ^ftreten könmenTn bezugaiddic 

bedauerlichen Uneinigkeiten, die bis jetzt zwischen uns bestehen. Die Elemente die sich in 
unsere Organisationen eingeschlichen haben, sind auszuschließen. Die regionale Koordinic- 
rungskommission wird ihre interne Organisation mit Genossen aus beiden Gewerkschaften 
aus den drei Provinzen besetzen um die Lösung von Konflikten zu erleichtern. Die regionale 
Koordinierungskommisssion wird festlegen, mit welcher der beiden Gewerkschaften sich 
neue Gewerkschaften unter den hier festgelegten Bestimmungen verbinden können. 

dramrctM ab ’ aUf EmZC nC Zwang auszuübcn um in die eine oder andere Gewerkschaft 

d f S P anischcn Föderation der Landarbeiter der UGT 
studieren die ßtruktur der Regionalfoderation der Kollektive der CNT so schnell wie mög¬ 
lich in Übereinstimmung mit den Beschlüssen, die vom Kongreß angenommen wurden, um 
eine einzige, die Landwirtschaft in Aragon stärkende Organisation zu bilden 
Die Regionalorganisation der CNT und die UGT fordern die Legalisierung der Übernahme 

io da ‘ F^ CI [ Elcaientc ’ ob in der Landwirtschaft, in den Städten und der Indu- 
stne, und daß das Eigentum den städtischen Räten übertragen werden soll die sie wiederum 
Arbeiterorganisationen zur Kollektivierung zur Verfügung stellen'solIenl Beide^i^ar^satlo- 
nen unterstützen die Übergabe dieser Besitztümer durch den Rat von Aragon 

ncn d Wüns S chen a 7 u v° n T 00 " ^ 1™°" Entscheidun g° n der Bauern sich selbst nach eige¬ 
nen Wünschen zu verwalten respektieren und die Gewerkschaften können für die Verbrci- 

DicCNTunddic'uGT^er^n frc^oi^nnkicrten'Ko^lek^ ° rga "; sationsfonn herausstellen - 
anderen Arbeitern und Bauern als Beispiele dienen können. anregen. 










Das war der Vertrag der beiden Organisatio¬ 
nen. Die UGT trat offen für die Kollektivie¬ 
rung ein. Der Pakt war allerdings auf Aragon 
begrenzt. Die nationalen Organisationen der 
CNT und der UGT erreichten keine Überein¬ 
kunft über die Kollektivierung von Land, wel¬ 
che für ganz Spanien gegolten hätte. Die 
CNT wollte Sozialisierung durch Kollektivie¬ 
rung, die UGT zog die Nationalisierung vor. 
Diese sollte auf Großbesitz begrenzt sein. 
Die großen Landgüter sollten enteignet und 
dem Staat übergeben werden. Produktion 
und Verbrauch in den Dörfern würden nicht 
verändert und existierten weiter in ihrer kapi¬ 
talistischen Unordnung. Kleiner Privatbesitz 
und individuelle Bestellung des Landes wür¬ 
den nicht geändert. 

Auch die Sozialistische und Kommunisti¬ 
sche Partei unterstützen die Kollektivierung 
nicht. Das Agrarprogramm dieser beiden Par¬ 
teien folgte der Agrarreform der Republik. 
Keiner ihrer Vorschläge ging über das offiziel¬ 
le Agrarreformprogramm hinaus, das sich auf 
die Verteilung großer Güter beschränkte. 

Landarbeiter müssen aber keine Landbe¬ 
sitzer werden! In Frankreich wurde das wäh¬ 
rend der Revolution durchgeführt. Ergebnis: 
Eine Nation von Kleinbauern, eine soziale 
Klasse, die den Keim des Kapitalismus und 
Konservativismus in sich trägt. 

Die Kommunistische Partei trat für die 


Schaffung von landwirtschaftlichen Koopera¬ 
tiven anstatt eines Kollektivierungspro¬ 
gramms ein. Sie veröffentlichten am 22. Mai 
inValencia in ihrer Zeitschrift Voz del Campo 
eine Aufstellung von Statuen für solche land¬ 
wirtschaftlichen Kooperativen. Sie sprachen 
nicht von Kollektivierung. Ihr Vorschlag für 
die Kooperativen basierte auf Privateigen¬ 
tum. Das stand im Gegensatz zum Programm 
der Zwangskollektive in Rußland, eine eigen¬ 
artige Lage für die Kommunistische Interna¬ 
tionale. 

Kooperativen konnten Spaniens Bauern 
ebensowenig befriedigen wie das Programm 
der Agrarreform der Regierung. Beide hiel¬ 
ten am Privatbesitz als Basis für die Landwirt¬ 
schaft fest. Die Landarbeiter gingen nach 
dem 19. Juli über solche kleinbürgerlichen 
Reformen hinaus, ohne auf die politischen 
Parteien zu warten. Sie waren vom Ideal des 
Kommunismus inspiriert, erfüllt von einem 
tiefen Wunsch nach Freiheit. Sie wollten 
nichts mit der Privatwirtschaft des Kapitalis¬ 
mus zu tun haben. Sie wollten gemeinsam ar¬ 
beiten und den Ertrag ihrer Arbeit gerecht 
unter sich verteilen. Sie glaubten, daß sie die¬ 
ses Ziel durch die Kollektivwirtschaft errei¬ 
chen könnten. Sie gingen über alle halbherzi¬ 
gen Lösungen, über alle oberflächlichen Re¬ 
formen hinaus. Kollektivismus war der 
Grundsatz des freiheitlichen Kommunismus, 


er sollte die Wiege für die Wiedergeburt Spa¬ 
niens sein. 

Anmerkung: 

1 Die von Souchy angcsprochcncn Einzclbcrichtc 
können hier nicht folgen, sic umfassen ein lOOsciti- 
ges Manuskript, das Souchy 1937 unter dem Titel 
Die Bauern von Aragon auf schwedisch und eng¬ 
lisch veröffentlichte. Wir bemühen uns dieses Buch 
als Doppclausgabc mit Souchys Broschüre Die tra¬ 
gische Maiwoche 1937 bis zum Mai 1987 im Trotz¬ 
dem-Verlag Grafenau neu übersetzt herauszubrin¬ 
gen. Wer uns finanziell helfen will und kann, möge 
sich wild entschlossen melden (Tel. 07033/44273). 
Wer diesen Doppclband subskribieren will, kann 
dies für 15.-DM (später zw. 20.- und 24.-DM) bis 
zum 1.4.87 tun. 

Weitere Souchy-Titcl zum Thema: Nacht über Spa¬ 
nien, 276 S., 16.-DM (enthält zusätzlich zwei Buch¬ 
besprechungen Souchys zu Durrutibüchcrn), Trotz- 
dcm-Vcrlag Grafenau 2 1985 

Vorsicht Anarchist!, Souchys Memoiren mit Spa- 
nicntcil, 295 S., 17.-DM,Trotzdem-Vcrlag Grafenau 
2 1985 

Die lange Hoffnung, 210 S., 19,80DM; zusammen 
mit Clara Thalmann und der Mcdicnwcrkstatt Frei¬ 
burg bereiste Souchy 1983 diejenigen Dörfer und 
Städte, die er 1936/37 in Aragon besucht hatte, und 
auf deren Beschreibung das geplante Aragon-Buch 
basiert. Trotzdem Verlag Grafenau 1985. 

Die soziale Revolution in Spanien, 236 S.,Karin 
Kramer Verlag Berlin 1974; unserer Meinung nach 
vergriffen. Es basiert auf dem französisch veröffent¬ 
lichten Collectivisations Vouevre constructive de la 
revolution espagnole. 













I 


! 


I 


Geistiges Dynamit 

Die Idee des Anarchismus hatte sich im Spa- 

« ahrhundcrts, vor allem in Kata- 
indatusiem sehr schneit verbrei- 
Bntstbhen einer authentischen 
beigetragen. Das anarchistische 
jebildeten und schöpferischen 
| Menscfibft fand gerade auch hei der proletari- 
j sehen Bevölkerung großen Anklang, und es* 
j gab nicht wenige Arbeiter, Handwerker und 
j Tagelöhner, die zum ersten Mal den Stift in 
I die Hand nahmen, um ihre Ideen in Form 
! von Erzählungen, Gedichten oder kleinen \ 
j Theaterstücken zu Papier zu bringen. Mit ei» 
ner Handlung, die sieh aufs Allernötigste be¬ 
schränkte, mit meist typisierten Personen 
und mit minimalsten stilistischen Mitteln 
wurden in diesen Arbeiten kleine Szenen ent¬ 
worfen, die einerseits die herrschenden sozia¬ 
len Verhältnisse anprangerten, andererseits 
die anarchistischen Ideen und Ideale propa¬ 
gierten. Viele dieser Laienarbeiten wurden in 
den damals recht zahlreichen, mehr oder we¬ 
niger professionellen anarchistischen Zeitun¬ 
gen veröffentlicht und sind so überhaupt nur 
j erhalten geblieben. 

I Giindi Roth 

Der Rabe 

von Francisco Pi yArsuaga 
\ übersetzt von Gundula Roth 

Der Rabe, als er auf dem Feld einen Mann 
sah, der dieses bestellte, hielt in seinem Flug 
inne und sagte: »Seht nur, wie Juan seinen 
Boden bearbeitet!« »Ich bin nicht Juan«, rief 
der Mann und hob den Kopf »ich bin der 
Sohn des Juan, der arbeitet, um ein elendes 
Leben zu führen und um dem Herren zum 
zweiten Mal den Wert seines Bodens zu be¬ 
zahlen.« 

Der Rabe setzte seinen Flug fort und sah 
ein Stück weiter einen Herren zu Pferde. 
»Gott zum Gruße, Don Gil«, sagte er. »Ich 
bin nicht Don Gil«, antwortete der Reiter, 
»ich bin der Sohn des Don Gil, der auf dem 
Weg ist, vom Sohn des Juan zum zweiten Mal 
den Wert seines Bodens zu kassieren.« 

Es verging viel Zeit. Der Rabe, als er ei¬ 
nen Mann auf dem Feld schwitzen sah, hielt 
in seinem Flug inne und sagte: »Seht nur, wie 
der Sohn des Juan seinen Boden beackert!« 
»Ich bin nicht der Sohn des Juan«, erwiderte 
der Mann und wischte sich den Schweiß von 
der Stirn, »sondern einer seiner Enkel, der 
arbeitet, um ein elendes Leben zu führen und 
um dem Herren zum vierten Mal den Wert 
seines Bodens zu bezahlen.« 

Der Rabe setzte seinen Flug fort und traf 
ein Stück weiter auf einen Herren zu Pferde 
»Gott zum Gruße, Sohn des Don Gil«, sagte 
er. »Ich bin nicht der Sohn des Don Gil«, ant¬ 
wortete der Reiter, »sondern dessen Enkel, 
der auf dem Weg ist, vom Enkel des Juan 
zum vierten Mal den Wert seines Bodens zu 
kassieren.« 

Abermals verging viel Zeit. Der Rabe, als 
er einen Mann auf dem Feld arbeiten sah, 
hielt in seinem Flug inne und sagte: »Seht nur 
den Enkel des Juan, wie er seinen Boden be¬ 
ackert!« »Ich bin nicht der Enkel des Juan«, 




as meine 
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n t seines 


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Gil: 


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entgegenete.der Mähhf I: 

'Urenkel, der arbeite^ 
zu führen und um dem 
Mal den Wert seines Bodens 

Der Rabe setzte seinen Flug fort 
ein Stück weiter einen Herren zu Pferde. 
»Gott zum Gruße, Enkel des Don Gil«, sagte 
er.»Ich bin nicht der Enkel des Don Gil«, 
antwortete der Reiter, »sondern sein Uren¬ 
kel, der auf dem Weg ist, vom Urenkel des 
Juan zum sechsten Mal den Wert seines Bo¬ 
dens zu kassieren.« V . .. .: 

Ein weiteres Jahrhundert verging. Der Ra¬ 
be, als er einen Mann mit zerbrochener Hak- 
% weinend neben dem Feld sah, Sielt in sei¬ 
nem Flug inne und sagte: »Warum weint der 
Urenkel des Juan?« »Ich bin nicht der Uren¬ 
kel des Juan«, erwiderte der Mann, »ich bin 
einer seiner Ururenkel, njp|d..d^ ; Hetr'hat 
von dem Land vertif 
Vorjahren bearbeitet 
nichf zum hundertsten 1 

f'/M 


davon und krächzte: »Ich 
,v '* ■ ‘ *’e Juans, denn 


Der Rabe : ; 

ich kann mi<^^srtrö|n.^Ädten’ auf jeden 

Und ich 

bin edler als die Giis, denn ich hacke den 
Menschen erst 1 dann die Augen aus, wenn sic 
schon tot'sm©fe : 


Brs#crö0catIi||Sng: Prefadm de ln ludm* Barce¬ 
lona 1886, i&: Li&Litvak fhem cdm^Mlcucnto an- 


arquistm Madrjd®8|v : ,' : 


Photo* 

Hans Narouth/Ccorg Eeisi 
Spanisches Tagebuch 11 
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berg, 118 Seiten 34 DM (in 
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Krise und Perspektiven 
der CNT heute 


von Luis A. Edo 


Eine eingehende Analyse der aktuellen poli¬ 
tischen Situation in Spanien führt unweiger¬ 
lich zu dem Schluß, daß die vor zehn Jahren 
begonnene Übcrgangsphasc nicht zu einer 
endgültigen demokratischen Orientierung 
des gegenwärtigen monarchistischen Regi¬ 
mes geführt hat und noch weniger zur Konso¬ 
lidierung der »Paktierten Rclorm«, die ge¬ 
genüber dem von Anfang an von allen linken 
Parteien aufgegebenen »politischen Bruch« 
diese Übergangszeit beherrscht hat. Folgen¬ 
de Tatsachen machen dies deutlich: 

* Die Krise der demokratischen Rechten, die 
sich der Führerschaft so bedeutsamer Fran- 
quisten wie Manuel Fragas u.a. bisher nicht 
entledigen konnte. 

* Die Sclbstzcrflcischung der KP, der auffälli¬ 
ge Atomisierungsprozeß, der schon beinahe 
zum vollständigen Zerfall der Partei geführt 
hat. 

* Die skandalöse Verfälschung der sozialisti¬ 
schen Identität, was besonders durch die au¬ 
toritäre, rechtsgerichtete und kriegerische 
Regierungsführung des PSOE zu Tage getre¬ 
ten ist. 

* Der Einfluß der Franquisten auf den Ver¬ 
waltungsapparat und vor allem die Besetzung 
von Schlüsselstellungen mit ehemaligen Un¬ 
terstützern des Franco-Rcgimes (Beamte in 
der zentralen Verwaltung sowie in den auto¬ 
nomen Regionen und den Gemeinden, in der 
praktisch unantastbaren Armee und im Poli¬ 
zei- und Justizapparat, wo sie immer noch die 
Mehrheit bilden). 

* Der in der Mentalität der Unternehmer tief 
verwurzelte »caciqucn«-(d.h. Bonzen- 
,SF)Charakter, durch den die Betriebe zu 
dem Bereich wurden, wo sich der Nco-Fran- 
quismus am tiefsten cingcnistct hat. 


* Die Servilität der Kommunikationsmedien, 
die den Interessen der Unternehmer und Po¬ 
litiker unterworfen wurden; zweifellos ist die¬ 
se Haltung auf das Trauma der Arbeitslosig¬ 
keit zurückzuführen (1984: 19,6% Arbeitslo¬ 
se in Spanien, SF) stellt allerdings ein wirkli¬ 
ches Attentat auf die Presse- und Meinungs¬ 
freiheit dar. 

* Das absolute Scheitern hinsichtlich des 
»Status der autonomen Regionen«, dessen 
negative Folgen besonders deutlich in Euska- 
di, Katalonien und Andalusien zu Tage getre¬ 
ten sind. 

* Und schließlich (und das ist wohl der gra¬ 
vierendste Faktor) das Fehlen einer Arbeiter¬ 
bewegung, die durch die sukzessive Verab¬ 


schiedung von Gesetzen im Bereich der Ar¬ 
beitsgesetzgebung durch einen »Gewerk¬ 
schaftsapparat« im Dienste der Unterneh¬ 
mer, der Regierung und der Parteien ersetzt 
wurde, und zwar gegen die Interessen der Ar¬ 
beiter, wodurch die Gewerkschaften unwei¬ 
gerlich zu Handlangern des Systems gewor¬ 
den sind. 

Dies sind einige der Elemente der realen 
Situation, durch die bestätigt wird, daß das 
Ende des politischen Übergangs noch nicht 
erreicht ist, denn als Ergebnis dieses Prozes¬ 
ses wird eine falsche demokratische Stabilität 
offenbar. Tatsächlich weist der Prozeß unbe¬ 
streitbar Indizien für eine Instabilität hin¬ 
sichtlich der Elemente und demokratischen 















Merkmale auf, die für die vollständige Über¬ 
windung der unseligen Charakteristika des 
vorigen Regimes unerläßlich sind: Es ist kurz¬ 
um der Beweis für das offensichtliche Schei¬ 
tern der Monarchie. 

Vor diesem Hintergrund ist die nicht zu 
| leugnende politsche Effizienz der sozialisti- 
I sehen »Walze« zu analysieren, will man die 
Absorption der außerparlamentarischen Lin- 
! ken durch die Macht verstehen, die (außer in 
1 Euskadi) strukturell inexistent ist. Und auch 
| die Neutralisierung der ausgedehnten libertä- 
i ren Bewegung istvor diesem Hintergrund zu 
j sehen. 

Die CNT in der Übergangszeit 

Von den Gegebenheiten ausgehend ist auch 
die Analyse der schwierigen Rekonstruktion 
der CNT (eine der wichtigsten Protagonisten 
der Spanischen Revolution) in der ersten Zeit 
der Übergangsphase vorzunehmen wie auch 
- im Laufe dieser ersten zehn Jahre - das 
schlagartige Anwachsen und der spätere 
nicht weniger rapide Schwund und die Spal¬ 
tung. 

Tatsächlich gaben unter dem traumati- 
| sehen Druck des »Gespenstes« eines Militär- 
! putsches vom ersten Augenblick des Über- 
' gangs an alle linken politischen Gruppen die 
| Möglichkeit des »politischen Bruchs« zugun¬ 
sten der »Umgestaltung des Franco-regimes« 
auf, was unter dem Euphemismus »Paktierte 
Reform« durchgeführt wird und nichts ande¬ 
res bedeutet, als einem uneingestandenen 
Neo-Frankismus den Protagonismus zu über¬ 
lassen. Demzufolge mußte jede Organisa¬ 
tion, die auf einen politischen Bruch ausge¬ 
richtet war und revolutionäre Ziele vertritt - 
wie die CNT, die Aussichten hatte, die Orga¬ 
nisation im ganzen Land aufzubauen ernste 
j Schwierigkeiten bei der Rekonstruktion und 
Wiedererlangung von Einfluß haben, den sie 
aufgrund der Zerschlagung durch das Franco- 
Regime verloren hatte. Im Gegensatz zu Co- 
misiones Obreras und UGT, die dem Diktat 
der KP bzw. des PSOE unterworfen sind, ist 
die CNT die einzige - im ganzen Land vertre¬ 
tene Arbeiterorganisation, die unabhängig 
vom Diktat jeglicher politischer Partei ist, 
und folglich ist sie die einzige Organisation 
(es gibt andere, die aber weder allgemein ver¬ 
treten, noch Arbeiterorganisationen zuzu¬ 
rechnen sind), die von Anfang an auf einem 
Bruch bestand. Auf diesen Aspekt sind die 
Hauptschwierigkeiten in der ersten Zeit des 
Übergangs zurückzuführen. Als im Novem¬ 
ber 1975 nach Francos Tod die ganzen Grup¬ 
pen der politischen Linken einen gewaltigen - 
in vielen Fällen folkloristisch und grotesk wir¬ 
kenden - Wettlauf beginnen, um einen Platz 
in der neuen politischen Szene zu erobern, 
vollzieht sich die Reorganisation der CNT 
langsam und ist mit Schwierigkeiten und Wi¬ 
dersprüchen verbunden. 

Fast sechs Monate vergehen, bis erste Sit¬ 
zungen auf lokaler und regionlaer Ebene in 
Madrid und Barcelona stattfinden. Nach wei¬ 
teren sechs Monaten findet das erste nationa¬ 
le Plenum statt und wiederum zwei Monate 
später wird das erste Nationalkomitee ge¬ 
gründet. Dieses Organ wird erst im März 
1977 öffentlich in Madrid vorgestellt. 

Das erste Regionalkomitee für Katalonien 
konstituiert sich erst im Dezember 1976, d.h. 
13 Monate nach Francos Tod. Diese langsa¬ 
me Restrukturierung der CNT in Katalonien 
wird im Februar 1976 mit der »Versammlung 
von Sants« in Barcelona begonnen, und im 


August jenes Jahres hat die CNT 2.000 Mit¬ 
glieder in Katalonien. Das erste regionale 
Plenum wird im Oktober einberufen, und bei 
der Schlußsitzung im Dezember 1976 werden 
6.000 Mitglieder geführt. Beim zweiten regio¬ 
nalen Plenum beläuft sich die Mitgliederzahl 
in Katalonien schon auf 12.000. Die lokale 
Föderation von Madrid hat zu der Zeit unge¬ 
fähr 1.000 Mitglieder. 

■ Diese Zahlen sind ein Beweis für die 
Schwierigkeiten, mit denen die CNT in der 
ersten Zeit des Übergangs zu kämpfen hatte. 
Die UGT hatte zu der Zeit schon zwei Kon¬ 
gresse in Spanien abgehalten und die Comi- 
siones Obreras ihre Gründungsversammlung. 
Die vertikale Gewerkschaft wurde erst im 
April 1977 verkündet. Im Verlauf dieser er¬ 
sten Ereignisse wird vom gesamten politi- 
schenSpektrum, von der Rechten bis zur Lin¬ 
ken, das »Hinscheiden« der CNT gefeiert. 

Aber innerhalb der Organisation kommt 
etwas in Gang, und wie immer läuft es von 
unten her, und nicht von der Organisations¬ 
spitze und den repräsentativen Organen. Tat¬ 
sächlich finden in dieser Zeit mehr als tau¬ 
send Veranstaltungen statt, auf denen die 
CNT innerhalb der Fabriken, Werkstätten, 
sozialen Zentren, Schulen und Universitäten 
vorgestellt wird. Die Ideen, die bei diesen 
Veranstaltungen von der CNT vertreten wer¬ 
den, erwecken eine große Erwartung, da der 
auf einen politischen Bruch ausgerichtete 
Charakter von den übrigen Gewerkschaften 
und der gesamten Linken vertretenen Paktie¬ 
rerei kontrastiert, und die CNT zum anderen 
einen auf eine Transformation der Gesell¬ 
schaft ausgerichteten Inhalt verbreitet, der 
auf sozialer, wirtschaftlicher und politischer 
Selbstverwaltung beruht, d.h. der von der 
CNT vertretenen Konzeption des libertären 
Kommunismus. 

In dieser ersten Phase des Übergangs er¬ 
folgen die ersten politischen Machenschaf¬ 
ten, mit deren Hilfe die CNT ihres anarcho- 
syndikalistischen Inhalts beraubt, das auf 
Bruch abzielende Konzept neutralisiert und 
die Anarchisten aus den repräsentativen Ko¬ 
mitees verdrängt werden sollen. In diesem 
Sinne ist der Versuch hervorzuheben, durch 
den die CNT in Katalonien durch einen »Al¬ 
lianzpakt« mit UGT und SOC (einer christli¬ 
chen Gewerkschaft) im August 1976 kompro¬ 
mittiert werden sollte, der jedoch im Oktober 
definitv vom regionalen Plenum abgelehnt 
wurde. 

Aber gerade in diesem Monat bricht ein 
Arbeitskonflikt mit eindeutig auf Bruch ab¬ 
zielenden Charakteristika aus, der alle Ge¬ 
werkschaften und großen linken Parteien 
vollkommen überrascht, und allein die CNT 
als Arbeiterorganisation verteidigt die Auf¬ 
rechterhaltung und Fortführung des Kon¬ 
flikts. Es handelte sich um den Streik der 
4.500 Arbeiter des Betriebs »Roca Radiado- 
res« in Gava unweit Barcelona. Comisiones 
und PSUC (Die KP in Katalonien) setzen au¬ 
tomatisch ihren ganzen Einfluß gegen diesen 
Streik ein und weiten ihre Feindschaft auf die 
Organisationen in Barcelona, Katalonien und 
ganz Spanien aus. Aufgrund der Haltung der 
Kommunisten erfahren die Arbeiter von RO¬ 
CA einen totalen Boykott in den Informa¬ 
tionsmedien. Man will den Streik durch eine 
unerbittliche »Mauer des Schweigens« erstik- 
ken, und dabei arbeiten sowohl die Führer 
der vertikalen Gewerkschaft als auch die Un¬ 
ternehmer mit, da es um eine Bewegung 
geht, die den zwischen der vertikalen Ge¬ 
werkschaft, Comisiones und den Unterneh¬ 





mern ausgehandelten Status quo durchbre¬ 
chen will. 

Der Konflikt, der aufgrund der Tatsache 
ausbricht, daß die Unternehmensleitung die 
von den Arbeitern gewählten Delegierten 
nicht anerkennen will, verschärft sich, als die 
4.500 Arbeiter von Roca im Betrieb versam¬ 
melt sind, das Betriebsgelände von einem 
starken Polizeiaufgebot umstellt wird, die Po¬ 
lizei auf das Gelände eindringt, die Ver¬ 
sammlung gewaltsam auflöst und 40 Arbeiter 
fcstnimmt, von denen 8 inhaftiert werden. 
Dieser Konflikt bricht mit den strukturellen 
Schemata eines traditionellen Streiks. Nach 
dem gewaltsamen Vorgehen der Polizei tre¬ 
ten die 4.500 Arbeiter nicht nur gemeinsam in 
den Streik, sondern in Gava werden sämtli¬ 
che Aktivitäten lahmgelegt, die Geschäfte, 










Schulen, Lokale schließen und treten dem 
Streik bei. Die Polizei umzingelt die Ort¬ 
schaft, die Einwohner errichten Barrikaden 
und 5 Tage lang ist Gava total von der Um- 
weit abgeschlossen, bis die Polizei sc le. ic i 
auf Befehl deslnnenministcrs in den Ort cin- 
dringt. 

Die CNT unterstützt diese Bewegung von 
Anfang an und mobilisiert die gesamte orga¬ 
nische Struktur in Barcelona, Katalonien und 
Spanien. Delegierte reisen in verschiedene 
Länder und machen die internationale Arbei¬ 
terbewegung auf den Streik aufmerksam, c 
ren Führer sind von dem Ausmaß des Kon¬ 
flikts überrascht, zumal die Schwestcrgc- 
wcrkschaftcn in Spanien, Connsiones un 
UGT, sic nicht im geringsten darüber mfor- 
miert hatten. 


Die CNT mit ihrer noch wenig entwickel¬ 
ten organischen Struktur hätte dem Boykott 
auf gewerkschaftlicher, politischer und infor¬ 
mativer Ebene allein nicht Widerstand leisten 
können; und so kam es, daß sich eine der aus¬ 
gedehntesten und außergewöhnlichsten Soli¬ 
daritätsbewegungen der letzten Jahre entfal¬ 
tete. Die gesamte organische Struktur der 
CNT wurde als logistische Basis für den 
Streik eingesetzt, und die gesamte libertäre 
und antiautoritäre Bewegung des Landes un¬ 
terstützte die Solidaritätsbewegung für die 
»Roca«-Arbeiter, wodurch der Streik vier 
Monate lang aufrechterhalten werden konn¬ 
te. 

In diesem Streik ging es nicht nur um die 
Forderungen der Arbeiter von »Roca« und 
um die auf Bruch abzielende Orientierung 


der Arbeiterbewegung, sondern außerdem 
um das Funktionieren der Versammlungen 
(die CNT propagiert Betriebsversammlungen 
aller anstatt Betriebsratsdelegierte, SF) und 
die direkte Aktion. Da sich die CNT ent¬ 
schieden für diese Prinzipien einsetzt, wird 
sie für die Macht und vor allem für die politi¬ 
schen Kräfte, die die »Umgestaltung des 
Franco-Regimes« verteidigen, zum Arbeiter¬ 
feind, der zu liquidieren oder zu neutralisie¬ 
ren ist. 


Repression, und dennoch Aufwärtsentwick¬ 
lung 

So ist auch die Polizeiaktion vom 30.1.1977 
zu verstehen, bei der 50 Mitglieder in Barce¬ 
lona verhaftet und der Beteiligung an einer il- 












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legalen Versammlung zur Neugründung der 
FAI angeklagt werden. Einige Tage später 
kommt es zu weiteren Verhaftungen in Va¬ 
lencia, Murcia, Malaga, Zaragoza und Ma¬ 
drid. Es kann aber gesagt werden, daß trotz 
dieser Repression eigentlich erst nach der Be¬ 
endigung der Aktionen um »Roca« die end¬ 
gültige Entfaltung der CNT beginnt. 

Im April beruft das Nationalkomitee ein 
Meeting in Madrid ein, an dem 30.000 Leute 
teilnehmen. Zwei Monate später kommen zu 
einem Meeting des Regionalkomitees in Va¬ 
lencia 35.000 Leute. Am 2.7.1977 nehmen in 
Barcelona 300.000 Personen an einer Kund¬ 
gebung des Regionalkomitees von Katalo¬ 
nien am Montjuich in Barcelona teil. Vier 
Wochen später veranstaltet das Regionalko¬ 
mitee die »Internationalen Libertären Tage 
in Barcelona«, und eine halbe Million Leute 
finden sich zu dieser 4 Tage dauernden Ver¬ 
anstaltung ein. 

Zu diesem Zeitpunkt hat die CNT in Kata¬ 
lonien schon mehr als 100,000 Mitglieder, 
und innerhalb der Organisation gibt es 475 
Syndikate in ganz Spanien. 

Währenddessen beteiligen sich die ande¬ 
ren Gewerkschaften, Sprachrohre der KP 
und der sozialistischen Partei, an den ersten 
Sozialpakten, den sogenannten Ȇberein 
kommen der Moncloa« (so nach dem Sitz der 
spanischen Regierungschefs genannt). Inner¬ 
halb der Gewerkschaftsbewegung ist die 
CNT wiederum die einzige Organisation, die 
gegen diesen Pakt ankämpft. 

Die Antwort seitens der Macht ist eine 
neuerliche Polizeiaktion. Der Anschlag auf 
das Vergnügungslokal »Scala« in Barcelona 
wird in Szene gesetzt, worauf es zu massiven 
Festnahmen und Inhaftierungen kommt. Be¬ 
kanntlich wurde diese Operation von derPoli- 
zei mit Hilfe des V-Mannes Joaquin Gambin 
geplant und ausgeführt. 

Trotz dieser Repression behält die CNT 
ihre Vitalität bei, die auch beim V. Kongreß 
zum Ausdruck kommt, an dem Delegierte 
von 435 Syndikaten aus ganz Spanien teilneh¬ 
men. 


Die Spaltungen 

eine zweite Eskalationsstufe der Repression? 
Dieser Kongreß widersetzt sich erneut der 
paktiererischen Orientierung des Syndikalis¬ 
mus. 11% der Delegierten verlassen darauf¬ 
hin den Kongreß, nur 36 Syndikate billigen 
deren Verhalten und werden zum ursprüngli¬ 
chen Kern der Spaltung der CNT, der sich 
mit dem kollaborationistischen Verhalten 
einverstanden erklärt und die Haltung von 
UGT und Comisiones Obrearas unterstützt. 

Nachdem die Sozialisten 1982 an die 
Macht kommen, wird diese Perspektive der 
Kolaboration noch begünstigt, und nach dem 
VI. Kongreß, der 1983 in Barcelona abgehal¬ 
ten wird, spaltet sich eine weitere Minderheit 
von Syndikaten von der organischen Struktur 
der CNT ab (in ganz Spanien insgesamt 25), 
die sich dann im Juni 1984 mit dem beim V 
Kongreß abgespaltetenen Syndikalisten zu¬ 
sammentun. Diese beiden Gruppen zusam¬ 
men vertreten nicht 18% der in der CNT ver- 
beibenden und eine anarchosyndikalistische 
Position verfechtenden Syndikate. Diese Tat¬ 
sachen schmälern unleugbar die Aktionsmög¬ 
lichkeiten der CNT, ihr Prestige und ihre Ko¬ 
härenz und stiften bei den Arbeitern außer¬ 
dem Verwirrung durch die »Dualität der In¬ 
itialen« (zeitweise auch eine Dualität der Zei¬ 
tungen, SF), die in unverschämterweise usur¬ 
piert werden, was vom Staat und den Infor¬ 
mationsmedien, die die abgespaltenen Syndi¬ 
kate bevorzugt behandeln, noch begünstigt 
wird. 

Aufgrund dieser Tatsachen, die für die 
CNT gewiß nicht positv sind, können aber 
keine endgültigen Schlußfolgerungen hin¬ 
sichtlich einer fehlenden Perspektive des An¬ 
archosyndikalismus gezogen werden. In er¬ 
ster Linie, weil es dem gegenwärtigen politi¬ 
schen Prozeß nicht gelungen ist, die Lohnab¬ 
hängigen in Organisationsstrukturen einzu¬ 
gliedern (man sollte nicht vergessen, daß der¬ 
zeit überhaupt nur 8,5% der Arbeiter in Ge¬ 
werkschaften organisiert sind). Zweitens ist 
das massive Verlassen der Gewerkschaften 
der offensichtliche Beweis dafür, daß die Ar- 



Die Iberische Halbinsel hat zwar in den bundesdeutschen Medien ihre Kon¬ 
junkturen — bei Regierungswechseln, EG-Beitritt, NATO etc. taucht sie massiv 
und kurzfristig auf, um dann schnell wieder im herkömmlichen Schattendasein 
zu verschwinden. Das steht im Widerspruch zum wachsenden Interesse. 
TRANVIA bietet vierteljährlich ein Panorama dessen, was sich auf der Iberi¬ 
schen Halbinsel manifestiert, was sich zwischen dort und hier abspielt bzw. 
noch nicht abspielt und erst noch erfunden werden muß, erfunden werden 
kann. TRANVIA wendet sich an Schüler, Studenten, Lehrer, Kulturschaffen¬ 
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Nr. 1 (April 1986): 

Spanien & Portugal — EG & NATO. Bar¬ 
celona — Madrid: Kulturelle Szenen in 
Bewegung. Das literarische Porträt: 
Esther Tusquets. Ein Gespräch mit Fede- 
rica Montseny. Cioran über Maria Zam- 
brano. Das spanische Kino heute. Der 
Freizeit-Look des Adolfo Domlnguez. 
Musik, Malerei, Menüs . . . 


Nr. 2 (Juli 1986): 

Der Spanische Bürgerkrieg in Film, 
Fotografie, Malerei, Musik. Deut¬ 
sche Schriftsteller im Spanischen 
Bürgerkrieg. Bürgerkriegserfahrun¬ 
gen aus der Sicht von Frauen und 
Kindern. Portugal 1936/39. Anti- 
AKW-Bewegung. Andalusien — 
Poesie und Campesinos; u.v.a.m. 


Schwerpunktthemen Nr. 3 (Oktober 1986): Iberisches Patchwork 
_Nr. 4 (Januar 1987): Der Traum vom Süden 



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CNT-Spaltung amtlich bestätigt und amtlich 
beendet 



Es wäre zum Lachen, wenn es nicht ernsthaf¬ 
te Auswirkungen hätte: die CNT-Abspaltung 
[CNT-V (Valencia) oder CNT genannt; also 
diejenigen di z .für die Beteiligung an Be¬ 
triebsratswahlen eintreten; diejenigen, die 
Raffael Sanchez als Vertreter u.a. zum Welt- 1 
wirtschaftsgipfei in die BRD geschickt hat- j 
ten] ging vor Gericht um zu erreichen, daß j 
nur sie das Recht habe, sich CNT zu nennen. 
Verboten werden sollte es der Mehrheitsfrak¬ 
tion, die den Sozialpakt von Moncloa ab¬ 
lehnt; sie nennt sich seit der Spaltung und der 
dadurch entstandenen Verwechslungsmög¬ 
lichkeit auch CNT-AIT (Vgl. Edos Artikel). i 

Ein Madrider Gericht erklärte nun laut ei- ! 
ner Mitteilung der CNT-AIT mit einer Ent- ! 
Scheidung vom 23.6.86, die CNT-AIT für ille¬ 
gal; die Benutzung des Namens wurde allein 
der CNT-V zugesprochen, ein Weiterbenut¬ 
zen seitens der CNT-AIT für strafbar erklärt. 

Die entstandene Situation wäre lächerlich, 
würde sie nicht der staatlichen Justiz eine be¬ 
rückende Möglichkeit einräumen: der An¬ 
spruch der CNT auf ihr von Franco beschla¬ 
gnahmtes Vermögen, auf Häuser und Ein¬ 
richtungen aller Art, ist Gegenstand jahrelan¬ 
ger Auseinandersetzungen. Nun eröffnet sich 
für die spanische Justiz die einmalige Gele- £ 
genheit, ein endgültiges Urteil zu sprechen, E 
das folgendermaßen lauten könnte: Die \ 
CNT-AIT existiert nicht mehr, d.h. sie kann ] 
nicht Rechtsnachfolgerin der CNT von 1936 
sein. Die CNT-V existiert, aber sie ist defin¬ 
itiv eine neue Organisation, entstanden An¬ 
fang der 80er Jahre, die mit der alten Organi- £ 
sation nichts mehr zu tun hat. Das damalige 
Vermögen der Gewerkschaft CNT würde - 
bei entsprechendem Antrag - deshalb der so¬ 
zialistischen UGT zugesprochen, da sie dann 
gleichsam die »Gewerkschaftsbewegung all¬ 
gemein« bis heute vertritt. j ! 

Am 29.6. berief die CNT-AIT deshalb ei- j 
nen außerordentlichen Kongreß ein, um über i 
die entstandene Situation zu beraten, gericht- J 
lieh wurde Widerspruch eingelegt. Als erste ’ [ 
weitere Unterstützung ihres Anspruchs for- 
dert die CNT-AIT dazu auf, internationalen 
Druck auf den Gerichtshof und die sozialisti¬ 
sche Regierung zu machen. I 

Jesus Nicolas Garcia Paredas, Juez del Juz - j 

gardo de Primera Instantia, Numero Tres de I 
Madrid, Plaza de Castilla, Madrid | ] 

bzw. ! 

Don Felipe Gonzalez Marquez, Presidente \ 

del Gobierno Espanol, Palacio de la Mon- \ 
cloa, Madrid. 

Ärgerlich - und sicherlich im staatlichen j 

Kalkül - finden wir, daß die CNT-AIT ge¬ 
zwungen wird ungeheuer viel Energien auf 
diese Auseinandersetzung zu vergeuden. 

Folgt man Edos Artikel erreichte die CNT 
1984 ihren Tiefpunkt; nur langsam, seit 1985, 
scheint sich die CNT-AIT wieder stärker in 
Szene zu setzen und neue Mitglieder zu ge¬ 
winnen. In dieser Situation bedeutet die jetzi¬ 
ge Justizverordnung erneut den Versuch, die 
CNT-AIT von sinnvoller politischen Arbeit 
abzulenken; es wird versucht, ihre Aktivitä¬ 
ten in den Augen Unbeteiligter auf eine tradi¬ 
tionelle und historische Rechtsangelegenheit 
zu konzentrieren, - damit der Eindruck ent¬ 
steht, sie sei für die Bewältigung aktueller ! 
Gesellschaftsprobleme eine untaugliche Or¬ 
ganisation. wh 



beiter die von der Macht durchgesetzte Ge¬ 
werkschaftspolitik ablehnen. Folglich wurde 
die organisierte Arbeiterbewegung aufgrund 
der reformistischen und auf Integration der 
Gewerkschaftsapparate abzielenden Orien¬ 
tierung und wegen dieser Ablehnung durch 
die Arbeiter zu einer Bewegung, die keinen 
Rückhalt und keine massive, repräsentative 
Unterstützung hat. Die direkte Aktion, die 
Autonomie, das Funktionieren der Ver¬ 
sammlungen und der Föderalismus sind also 
die sozialen und syndikalen Merkmale, die 
der Arbeiterbewegung ihre Kohärenz, ihren 
Protagonismus und ihre Kraft zurückgeben 
können. Es sind dies die Perspektiven der 
CNT. 

Für die Freiburger Vcranstaltungsrcihc zur Spani¬ 
schen Revolution schickte Luis Andres Edo den 


vorliegenden Beitrag. Edo wurde 1925 in Barcelona 
geboren, über seine Jugend und über die Zustände 
bei Francos Einmarsch in Barcelona erzählt er in 
»Die Lange Hoffnung« (Trotzdcm-Vcrlag 1985), 
1947 ging er nach Frankreich ins Exil, nachdem er 
aus dem Militärdienst desertiert war. 1949 versuchte 
er illegal nach Spanien zurückzukehren, wurdever- 
haftet und saß ein Jahr im Gefängnis. 1950 kehrte er 
nach Frankreich zurück. 1966 wurde er wieder bei 
einer seiner illegalen Reisen in Spanien geschnappt 
und wegen umstürzlerischcr Tätigkeit, Waffenbe¬ 
sitz etc. zu 9 Jahren verurteilt. 1972 vorzeitig entlas¬ 
sen, kehrte er nach Paris zurück. 1974 wiederum bei 
einer illegalen Reise in Spanien aufgcflogen und zu 
6 Jahren verurteilt. 1976 aufgrund der Gcncralam- 
nestic freigekommen. Anschließend war Edo ein 
Jahr lang Generalsekretär der CNT in Katalonien, 
seit 1985 ist er Leiter der »Solidaridad Obrera«, der 
traditionellen Zeitung der CNT. 


Photos: 

DEVRIJE 









Lorca soll ein apolitischer Dichter gewesen 
sein, was immer das bedeuten mag. Der 
Mord ah ihm wurde als persönlicxher Rache¬ 
akt dargestellt, jede Beteiligung von Seiten 
des Staates, der spanischen Behörden, der 
konservativen Kräfte Spaniens geleugnet. 

In vielen Artikeln und Besprechungen zu 
seinem 50. Todestag wird Lorca als größter 
spanischer Dichter des 20. Jahrhunderts mit 
der Aura spanischen Lokalkolorits umnebelt, 
ohne die Stimmung und Atmosphäre in ei¬ 
nem damals präfaschistischen Land anzu¬ 
prangern, die zu seiner Liquidierung führte. 

Seine Literatur . blieb auch später im 
rechtsradikalen Franco-Regime uner¬ 
wünscht. Sein Werk führte in Spanien fast 40 
Jahre ein Schattendasein. In anderen Teilen 
der Welt wurde er umso lebhafter diskutiert - 
besser vielleicht, vereinnahmt. Seine antifa¬ 
schistische Haltung, seine ständige Auseinan¬ 
dersetzung mit dem sozialen Kontext, seine 
Unterstützung der spanischen Republik und 
insbesondere seine Lyrik, Prosa und die 
Theaterstücke widerlegen diese verfälschen¬ 
den Behauptungen über einen » apolitischen « 
Menschen. 

Meine Aufgabe soll es sein 
zu rufen, jeden Tag, 
in einer Welt, die voll ist 
von Ungerechtigkeit und 
Elend - Protest! 

F.G. Lorca 

Federico Garcia Lorca war einer der vielen 
Menschen," die dem Faschismus - speziell 
dem spanischen - in seiner Ausrottungsstra¬ 
tegie gegenüber allem Außenseitertum - ge¬ 
zielt zum Opfer fielen. Für die spanische Fa- 
lange bedeutete dies zunächst einen aner¬ 
kannten, aber unbequemen Dichter aus dem 
Weg zu räumen, der seine Homosexualität 
nicht mehr verbarg (auch in fast allen Bespre¬ 
chungen zu Lorca’s Todestag wurde die Er¬ 
wähnung seiner Erotik umgangen), und der 
sowohl überkommene kirchliche Moral als 
auch gesellschaftliche Ehrbegriffe in Frage 
stellte. Gerade diese Menschen bedeuteten 
neben Anarchisten, Sozialisten u.a. eine gro¬ 
ße Gefahr für die Falangisten, da sich im re¬ 
publikanischen Spanien eine starke umwäl¬ 
zende Strömung gegen die verheerenden 
Auswirkungen einer tradierten Herrschafts¬ 


moral entwickelte. Diese althergebrachten 
Konventionen und ihre kirchlichen Erklä¬ 
rungsmuster gepaart mit nationalistischem 
männlichem Ehrenkodex waren Teil der fa- 
Iangistischen Ideologie. 

Als freiheitlich gesinnter Künstler wurde 
Lorca wegen seiner offenenen Lebenshaltung 
umgebracht, kaum daß die Rechtsradikalen 
gegen die spanische Republik geputscht hat¬ 
ten. Lorca war literarischer Fürsprecher un¬ 
terdrückter Minderheiten und Verfolgter: 
von Juden, Schwarzen, insbesondere Zigeu¬ 
nern, die in vielen seiner lyrischen Texte han¬ 
delnde Figuren sind. Mittelpunkt in den »Zi¬ 
geunerromanzen« ist die Rastlosigkeit als 
Ausdruck ihres Leidens am Verfolgtsein. Er 
bewunderte ihr Festhalten an eigenen Tradi¬ 
tionen und die Lebendigkeit ihres alltägli¬ 
chen Lebensgefühls trotz aller Ausgrenzun¬ 
gen, 

Lorca ist Andalusier, geboren und aufge¬ 
wachsen in der Nähe Granadas. Christliches 
und islamisches Leben waren beide gegen¬ 
wärtig, was für Lorca durch die Zigeuner re¬ 
flektiert wird. Die Eigenart, Charaktere und 
Stimmungen zweier Welten, derspanischen 
und der maurischen zum Ausdruck zu brin¬ 
gen, bricht in den frühen Texten Lorcas als 
bewußt gesehener Dualismus verschiedener 
Kulturen ans Licht. Er wehrt sich gegen die 
Überkommenheit des spanischen Schicksal¬ 
begriffs, will die Grenzen erkennbar machen 
um Möglichkeiten der Überwindung zu zei¬ 
gen. Geprägt von der Kultur und der Land¬ 
schaft Andalusiens, galt sein Interesssc be¬ 
sonders der Verbindung von Gesang und 
Tanz, die der Flamenco im Wechsel von Bil¬ 
dern und Rhythmen herstellt (»Romancero 
gitano« und »Poema de cante jondo«). 

Ursprünglich wollte Lorca Musiker wer¬ 
den. Er konnte Klavier und Gitarre spielen. 
Seit 1918 lebte und studierte er in Madrid. 
Weniger sein Jurastudium, dafür mehr das 
kulturelle und soziale Leben der Großstadt 
reizten ihn; ein Leben, wie es Granada trotz 
seiner faszinierenden Folklore nicht bieten 
konnte. Dort lernte er Schriftsteller und 
Künstler wie Vincente Aleixandre, Jorge Gu- 
illon, Salvador Dali, Luis Bunuel, Damaso 
Alonso, Manuel de Falla, Rafael Alberti u.a. 
kennen. Langjährige Zusammenarbeit, 
Freundschaften und gemeinsamer Aufbruch 
entwickelte sich in diesem Künstlerkreis, aus 
der auch die Gruppe der jungen Literaten der 


»Generation von 27« hervorging zu der Lorca 
als bedeutendster Vertreter gezählt wird. 

Im Staat der Diktatur des Generals Primo 
de Rivera, Vater des späteren Gründers der 
Falange, vollzog sich bei den Künstlern ein 
entscheidender Wandel von der Avantgarde, 
dem Ästhetizimus zu einer mehr im sozialen 
Gefüge und der Wirklichkeit gründenden 
Kunst. 

Nicht wenige, auch Freunde Lorcas wur¬ 
den von Polizeiorganen überwacht und nicht 
selten zeitweise auf die Inseln (Kanaren) ver¬ 
bannt oder ganz ins Exil geschickt. In seinem 
mit großen Erfolg 1927 aufgeführten Thea¬ 
terstück »Mariana Pinedä« (es ist der Schau¬ 
spielerin Margarita Xirgu gewidmet) entwarf 
Salvador Dali Bühnenbild und Ausstattung. 
Lorca griff in diesem Stück auf die Geschich¬ 
te Andalusiens zurück; Mariana Pinedä, die 
1831 als eine »Freiheitsheldin« starb, hatte 
sich der antimonarchistischen Bewegung an¬ 
geschlossen, die die Absetzung des mit bruta¬ 
ler Willkür herrschenden Königs Ferdinand 
des VII verlangte, der die Methoden der In¬ 
quisition und Folterung für politische Gegner 
wieder eingeführt hatte. - In Lorcas Stücken 
sind Dramatik und Posse sowie eine faszinie¬ 
rende Bildersprache eng verflochten mit dem 
Angriff gegen die alles bestimmenden 
»Schicksalsmächte« - die starre Tradition. 
Die unnachgibige Moral seiner südspani¬ 
schen Heimat ist in den Theaterstücken, 
Blut-Hochzeit, Yerma, Bernada Alba’s Haus 
ständig präsentes Thema. Die Stücke enden 
oft in Tod, Verzweiflung, Schuld und Hoff¬ 
nungslosigkeit. Zentrales Anklage-Moment 
ist der Katholizismus (Ehe- und Sittengeset¬ 
ze), der den Menschen ein eingleisiges, star¬ 
res und damit lebensfeindliches System auf¬ 
zwingt. 

Sein Handlungsgefüge bewegt sich in dem 
vielfältigen Spektrum, das Volkskunst und 
Poesie mit der Farce und Groteske zu einer 
Art Tragikkomik verbindet. Sämtliche Ele¬ 
mente lassen sich in einem Kernpunkt zusam¬ 
menfügen: Der Mikrokosmos des spanischen 
Lebens. 

Im Jahr der Proklamation der 2. spani¬ 
schen Republik gründete Lorca zusammen 
mit Eduarto Ugarte die Theatergruppe »La 
Barraca« (die Hütte) mit der sie duch die Pro¬ 
vinz zogen und Stücke aufführten. Diese Art 
Theater bedeutete für Spanien etwas ganz un¬ 
erhört Neues. Es sollte dem Volk die große 







Tradition der spanischen Komödie - Lope de 
Vega, Calderon de la Borca, Cervantes u.a. 
nahe bringen. Der Erfolg des Theaters war- 
überwältigend. Es heißt, wo immer die Trup¬ 
pe auftrat wurde sie mit Jubel und Beifall 
überschüttet. 

In Lorcas Verantwortung der Kunst und 
dem Publikum gegenüber konnte der Mensch 
sozialer Aktion zu Wort kommen. Beim 
Wechsel des Kultursministers noch im glei¬ 
chen Jahr wurden dem Theater die Subven¬ 
tionen gestrichen. Es mußte aufhören, nach¬ 
dem auch weitere finanzielle Unterstützung 
nicht bewilligt wurde. Eine undurchsichtige 
Entscheidung, die Hintergründe werden in 
der entstandenen Konfrontation mit den 
Konservativen vermutet, die sich lautstark 
über die gezeigte »Unmoral und Infamie« ge¬ 
gen »ihr« Spanien erregten. 

Es war allgemein bekannt, daß die ganze 
Gruppe »Generation von 27« die Ausrufung 
der Republik begeistert gefeiert hatte und an 
den gesellschaftlichen und sozialen Ereignis¬ 
sen engagiert teilnahm. Später, im Juni 1936, 
einen Monat vor Ausbruch des Krieges, äu¬ 
ßerte Lorca in einem Interview zu dieser 
Kunst, die u.a. zur Theaterschließung geführt 
hatte »Kein wahrer Mensch glaubt heute 
mehr an die Poesie pure , an die Kunst um der 
Kunst willen. Im heutigen dramatischen Au¬ 
genblick der Weltgeschichte muß der Künst¬ 
ler mit seinem Volk weinen und lachen. Man 
muß den Lilienstrauß fahren lassen, bis zum 
Gürtel im Morast versinken und denen hel¬ 
fen, die Lilien suchen.« . 

Die Anregung das Stück »Bluthochzeit« 
zu schreiben - erster Teil einer nicht vollen¬ 
deten Dramen-Trilogie der zweite Teil ist 
»Ycrma«, verdankte Lorca einem Zeitungs¬ 
artikel, den er mit Betroffenheit aufnahm. 
»Bluthochzeit« nannte er ein »authentisches 
Stück«, entwickelt in der Auseinanderset¬ 
zung um die Realität der Blutrache, die zu 
seinen Lebzeiten in verschiedenen Gegenden 

Spaniens noch üblich war. 

Um über die Grenzen seines Landes und 
seiner eigenen Wahrnehmung hinauszublik- 
ken reiste Lorca 1929 nach verschiedenen 
Aufenthalten in europäischen Großstädten 
nach New York. Ihn erschreckte zutiefst die 
bloße Zweckgebundenheit menschlichen 


Memento 

Wenn dereinst ich sterbe, 
begrabt mich mit meiner Gitarre 
unter dem Sande. 

Wenn dereinst ich sterbe 
zwischen den Orangen 
und den guten Minzen. 

Wenn dereinst ich sterbe, 

dann begrabt mich, wenn ihr wollt, 

in einer Wetterfahne. 

Wenn dereinst ich sterbe! 

FEDERICO GARC/A LORCA 


Antonio Machado: 

Das Verbrechen geschah 
in Granada 

Man sah ihn, wie er fortging 
zwischen Gewehren, 
auf einer langen Straße, 
hinauszog auf das kalte Feld, 
unter Sternen noch, 
in der Morgenfrühe. 

Sie mordeten Federico, 
als das Licht hervorkam. 

Das Kommando der Henker 
wagte nicht, ihm ins Gesicht 
zu blicken. 

Alle schlossen die Augen, 
beteten: Gott soll dich 
verdammen! 

Tot brach Federico zusammen 

- Blut auf der Stirn und 
Blei in den Eingeweiden- 

In Granada geschah der Mord, 
daß ihr’s wißt 

- armes Granada - 

in seinem Granada... 


Handelns in Amerika. Sein Eindruck war, 
daß die Menschen in einem hektischen Wett¬ 
bewerb als Teil eines gigantischen Räder¬ 
werks fungierten, um ständig m einem gesell¬ 
schaftlich organisierten Leben zu »gewin¬ 
nen«. Die Situation der Schwarzen, die Ras¬ 
sentrennung trotz offizieller Aufhebung war 
für Lorca unvereinbar mit seiner Ablehnung 
jeder Diskriminierung von Minderheiten. Im 
New Yorker Theater- und Nachtleben war er 
häufig unter Schwarzen in Harlem zu sehen. 
Seine Skepsis gegenüber Amerika, fast eine 
Warnung vor dem Naturverlust, des bis ins 
Letzte ausgerichteten kommerzialisierten Le¬ 
bens hat er in der »Ode auf Walt Whitman« 
niedergeschrieben, den er für Amerikas 
größten Dichter hielt. 

Viele berichten, Lorca sei ein sehr vielsei¬ 
tig und lebensfroher Mensch mit einer star¬ 
ken persönlichen Ausstrahlung gewesen, der 
es haßte als Fremder/Außenseiter behandelt 
zu werden. Seine Lebenshaltung soll geprägt 
gewesen sein von dem Bedürfnis in Gesellig¬ 
keit unter Menschen zu leben, deren Anre¬ 
gungen aufzunehmen, auf die Straßen zu ge¬ 
hen, um zu beobachten, was in Bewegung ist. 

Kurz nach dem Ausbruch des Bürger¬ 
kriegs 1936 wurde Lorca in der Nähe seiner 
Heimatstadt Granada von Mitgliedern der fa- 
langistischen »Schwarzen Schwadron«, auf 
einem ihrer Spaziergänge von denen keiner 
zurückkehrte, ermodet. 


Literatur: 

- Ycrma, Programmheft der Inszenierung von Peter 
Zadck am Schauspielhaus Hamburg, Rowohlt 
Hamburg 1986 

- F.G. Lorca: Werke in 3 Bänden; (übers.: v. Enri¬ 
que Beck), Insel Verlag Frankfurt 1982 

- Enrique Beck: Über Lorca, Verlag Edition Kürz, 
Küsnacht/Zürich 1981 

- Köpfe des 20. Jahrhunderts - Federico Garcia 
Lorca von Carol Pcterscn, Colloquium Verlag Ber¬ 
lin 1986 

- taz vom 19.8.86 (Kulturseitc, 11) 

- Kölner Stadtanzcigcr vom 19.8.,86 

- ARD vom 19.8., 23.30 Uhr zu Lorcas 50. Todes¬ 
tag 

- WDR III vom 19.8., 20.45 Uhr usw.usf. 

Das Gedicht über die Guardia Civil ist einem Litc- 
raturkalendcr der Büchcrgildc Gutenberg entnom¬ 
men. 








FEDERICO GARCtA LORCA 


1898-1936 


Romanze von der spanischen Guardia Civil 


Schwarze Pferde. Schwarze Eisen. 

Auf den Capas glänzen Flecken, 
die von Tinte sind und Wachs. 

Ihre Schädel sind aus Blei. 
Darum weinen sie auch nie. 
Ihre Seelen sind aus Lack - 

. damit kommen auf der Straße 
über Land sie hergeritten. 

Bucklig sind sie, nächtge Mahre, 
ordnen, wo sie auch erscheinen, 
Schweigen an aus dunklem Gummi, 
Ängste ganz aus feinem Sand. 

Ziehn vorüber, wenn sie wollen, 
und verbergen tief im Kopf 
eine vage Sternenkunde 
unersichtlicher Pistolen. 

Stadt, o Stadt du der Zigeuner! 

Fahnen an den Straßenecken. 

Mond und Kürbis mit den Kirschen, 
eingemacht in Honigseim. 

Stadt, o Stadt du der Zigeuner! 

Wer wohl deiner nicht gedächte, 
der dich jemals hat gesehn? 
Schmerzgetränkte, moschusvolle 
Stadt mit deinen zimtnen'Türmen. 

Pfeile schmiedeten und Sonnen 
die Zigeuner in den Schmieden, 
als die Nacht sich niedersenkte, 
diese Nacht, die Nacht.der Nächte. 

Und ein Pferd, zu Tod verwundet, 
klopfte laut an alle Türen. 

Ob Jerez de la Frontera 
krähten Hähne, die aus Glas. 

Um der Überraschung Ecke 
huscht der nackte Wind herum 
in der Nacht, der Silbernacht, 
in der Nacht, der Nacht der Nächte. 

Heilge Jungfrau und Sankt Josef 
haben ihre Kastagnetten 
in des Zugs Gedräng verloren 
und sie gehn zu den Zigeunern 
um zu sehn, ob sie sich finden. 

Einer Bürgermeistrin Festkleid 

- Schokoladeglanzpapier - 

trägt die Jungfrau; und am Hals 
hängen Kettchen ihr aus Mandeln. 

San Jose bewegt die Arme 
unter einer seidnen Capa. 


Mit drei Perserfiirsten geht 
hinterher Pedro Domecq. 

Und von einer Storchekstase 
träumte es dem halben Mond. 
Flatternde Standarten, Lämpchen 
überfluten die Altane. 

In den hohen Spiegeln schluchzen 
Tänzerinnen ohne Hüften. 

Wasser, Schatten, Schatten, Wasser 
durch Jerez de la Frontera. 

Stadt, o Stadt du der Zigeuner! 
Fahnen an den Straßenecken. 

Lösche deine grünen Lichter, 
denn die Hochverdiente kommt. 
Stadt, o Stadt du der Zigeuner! 

Wer wohl deiner nicht gedächte, 
der dich jemals hat gesehn? 

Laßt weit fort sie nur vom Meer, 
kämmt nicht ihr gescheitelt Haar. 

Nacheinander und zu zweit 
rücken sie zur Feststadt vor. 

Ein Geraun von Immortellen 
dringt in die Patronentaschen. 

Und sie rücken vor zu zweit. 
Zweifaches Gespinstnotturno, 
Himmel ist für sie nur eine 
Schauvitrine voller Sporen. 

Doch die Stadt war ohne Furcht 
und vervielfacht’ ihre Tore. 

Vierzig Guardias Civiles 
dringen durch sie ein und plündern. 
Stehen blieben da die Uhren, 
und, um nicht Verdacht zu wecken, 
hat der Cognac in den Flaschen 
rasch maskiert sich als November. 

Langgezogne Schreie flogen 
auf von allen Wetterfahnen, 

Hufe stampften Brisen nieder, 
die von Säbeln sind durchschnitten. 
Durch der Straßen halbes Dunkel 
fliehen die Zigeunerinnen, 
die ganz alten, mit den Pferden 
- müd und schläfrig - und mit ihren 
Einmachtöpfen voller Münzen. 
Durch die steilen, engen Straßen 
flattern auf die Unheilscapas; 
hinter ihrem Rücken lassen 
flüchtge Wirbel sie von Scheren. 


Unterm Tor von Bethlehem 
sammeln nun sich die Zigeuner. 

San Jose, bedeckt mit Wunden, 
hüllt ein totes Mägdlein ein. 
Störrische Gewehre gellen 
grell die ganze Nacht hindurch. 

Und mit feinem Sternenspeichel 
heilt die Heilge Jungfrau Kinder. 
Aber die Gardisten rücken 
vor und säen Scheiterhaufen, 
drauf die Imagination, 
jung und nackend, bald verbrannt 
wird. Rosa, die von den Camborios, 
hockt in ihrer Tür und ächzt- 
beide Brüste, abgeschnitten, 
hingelegt auf eine Schale. 

Andre Mädchen wiede r rannten 
- und verfolgt von ihren Zöpfen — 
hin in eine Luft, wo Rosen 
auf aus schwarzem Pulver bersten. 
Als dann aller Häuser Dächer 
Furchen in der Erde waren, 

wiegt’ das Morgengrauen in langem 
steinernem Profil die Schultern. 

Stadt, o Stadt du der Zigeuner! 

Die ZivilgardiStea reifen 
fort durch einen Schweigetunnel, 
während Flammen dich umzüngeln. 
Stadt, o Stadt du der Zigeuner! 

Wer wohl deiner nicht gedächte, 
der dich jemals hat gesehn? 

Suchet sie auf meiner Stirn. 

Spiel des Mondes und des Sands. 









Photo: Manfred Kampschulte 


Begegnungen In Mexiko von Georg Janthur 


Menschenbilder, entstanden nach einer Me- 
xikorcisc im Dezember 85/Januar 86. 

Die Menschen, die ich male, sind mir vor¬ 
dem in irgendeiner Weise begegnet. Sie lo¬ 
sten eine innere Bewegung in mir aus, die 
mich zwingt, sic zu malen. Der größte Teil 
meiner »Begegnungen« sind Menschen, die 
jeder sicht - um sie zu ubersehen (nicht mehr 
dran denken - nicht dran zu denken). Da 
wird mein Blick vom Straßenrand und der 
Gosse angezogen, damit ich durch meine Bil¬ 
der das »Übcrsch- und Vergeßbare« ms Be- • 
wußtscin (zurück-)holcn kann. 

»- Eine verlumpte, abgemagerte Bettlerin 
vor einer von innen heraus gold leuchtenden 
Kirche, an derem Eingang kleine Marienfigu¬ 
ren und ähnliches für Bcsservcrdicncndc (al¬ 
les glänzt golden) verkauft werden - Pia zrc- 
servierung im Himmel, vielleicht bettelt die 
Frau um sich auch einen Himmelsplatz zu rc- 

TSfrauen, die mit kleinen schnellen.Lauf¬ 
schritten riesige Säcke voll mit Ap e sinen 
über einen Stirnriemen auf dem Rucken tra¬ 
gend, barfüßig - über den morgendlichen 
saukalten Asphalt - zum Verkaufen aul den 

Marktplatz schleppen. 

- Ein blindes Mädchen am Straßenrand, das 
jeden nur hörbaren Schritten freudig nach¬ 
winkt, daß ihre Mutter dancbenstcht und die 
Hand für Almosen ausstreckt - um sic und ih¬ 


re Geschwister zu ernähren - davon weiß sie 
nichts. 

- Ballonverkäufer, Hängemattenverkäufer, 
Verkäufer, Verkäufer ... die den ganzen 
Tag umherrennen und ihre Ware feilbieten, 
meist aber nur mißmutige bis empörte Touri¬ 
stenblicke erhalten. Dabei immer lächeln 
müssen, für das europäische, amerikanische 
etc. Familienalbum. 

- Bein- und Armamputierte, die noch nie ei¬ 
ne moderne Prothese gesehen haben. Ihrer 
Behinderung wegen nicht mehr arbeiten kön¬ 
nen und so, um leben zu dürfen - betteln 
müssen. 

- Indiofamilien, die am Straßenrand sitzen 
und Pepsi-Cola trinken - träumend, tausend 
Stunden. Davor gestapelte Melonen, Apfelsi¬ 
nen, Ananas, Bananen, Lemonen, Truthäh- 
ne/-hühner etc. 

- Alte Kochtöpfe, randvoll mit Pulque. 

- Krächzende Schlager tönen aus ächzenden 
Lautsprechern rings um den Zocalo. 

- Aufweichender Asphalt, der einen beißen¬ 
den Teergeruch ausströmt und an den Sohlen 
kleben bleibt - dazwischen qualmende und 
quietschende Tortillabäckereien. 

- Ein Besoffener an eine Hauswand gelehnt, 
sich übers Bein pinkelnd. 

- Eine Cantina, dunkel und kühl, Tannenna¬ 
deln auf dem Boden ausgestreut und ein 6- 
jähriger Junge hinter der Theke. 


- In einer anderen Cantina, zwei Mexikaner 
üben auf Gitarre und Concertina für ihren 
nächtlichen Auftritt bei einer Hochzeitsfeier. 
-Wieder am frühen Morgen, der Geruch von 
kokelnden Maiskolben und Schweinsköpfen, 
die am Straßenrand über alten Blecheimern 
gegrillt werden. 

- Verlauste Rancheros unter Plastikcowboy¬ 
hüten, schaukeln und schaukeln in bunten 
Hängematten, etc.etc. 

- ich höre >Scheiße / ich bin ein Mensch / ich 
esse Quesadillas<. 


Die Existenz dieser Menschen ist Realität 
und gilt nichtB»verschönert« oder »romanti¬ 
siert« zu werden. Mitleid sollte hier verfehlt 
sein. (Selbstzweifel finden da schon eher ihre 
Berechtigung). Die Art der Darstellung darf 
in keinster Weise einer Lächerlichkeit verfal¬ 
len. Ich beginne dort zu malen, wo das (au¬ 
genscheinliche) Leben flieht - um so (zuerst 
in mir) eine neue Lebendigkeit der Menschen 
zu finden. Dies hat seine Legitimation in der 
Präsenz der Menschen selber. - Nicht die 
letzten lebenden Menschen, - sondern die ihr 
Letztes lebende Menschen. Form und Farbe 
unterstreichen die Dringlichkeit, den Schrei 
zu hören, um den Kontrast zu dem, »was wir 
sehen wollen« begreifen zu können. 

Georg Janthur, Wuppertal 










Lakandon-Mädchen, 35x60; Öl/Nessel 


Canti na«, 110 x 190; Öl/Nessel 



















Frau vor »Palazio Municipal«, l(K)x 190; Ol/ Nessel 


Einbeiniger, 1 10x 190; Öl/Nessel 




Zwei Mexikaner! Ver dämmte, 70x170; Ol/ Nessel 

























von Rolf Recknagel 



Seiwert über Ret Marut (1920) 

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fii 4^ /Äwt 

/ M*ttjt|jtv(' fywfa ^ hi& **U*V faf^ir. 


Porträt Ret Marut, Tusche, um 1919 (1914 ?) 


Textabbildungen und Faksimiles 

Uli Bohnen/Dirk Backes 

Franz W. Seiwert • Schriften Karin Kramer Verlag 


es 


Da ist Ret Marut, der an einem anderen Punkt die grossen 
Zusammenhänge sieht. Die alte Welt zerschlägt und die ncuf 
sich gebären lässt: Ich'ist der Mittelpunkt der Welt. Durch Ich 
fliesst alles hindurch was ist. Im Ich mündet alles was ist. Alles 
geht aus, wird ausgeschleudert durch Ich. Ich ist verknüpft, ist 
verbunden mit Nächstem und Fernstem. Nahes und Fernes ist 
nicht, alles ist Ich. Geburt und Tod ist nicht, nur ewige Wand¬ 
lung. Welten stürzen ineinander, gebären sich, um wieder zu 
vergehen, sich wieder zu gebären. Alles ist einmalig und alles 
ist ewig. Welten und Sterne und Menschen und Pflanzen, alles 
was ist, tanzt umeinander und ineinander in ewig sich wandeln¬ 
dem Rhythmus. Und schon empfangen wir Kunde von Län¬ 
dern jenseits der Erde, pns aufrufend zur Verwirklichung von 
uns, zur Aussendung von uns. Alles Feste erweicht und zer- 
fliesst, alles strömt aus um sich zu finden und alles lebt im Zei¬ 
chen und der Form der Fruchtbarkeit. Heute ist „der Mitteltag 
der Entwicklungsgeschichte der Menschheit“ *), denn in uns 
hat die Menschheit ihren Mitteltag erkannt, denn wir sind die 
Menschheit.-GRfös-DipTeü-meißes-Ich-Heehverräter Marut. 

*) Zitat aus: „Die Zerstörung unseres Weltsystems durch die Mar- 
kurye“, Der Zlegelbrenner, 1920) 











35 


ln dieser Nummer des Schwarzen Fadens 
wollen wir eine heute unbekannte Geschichte 
und Aphorismen des anarchistischen Schrifts¬ 
tellers Ret Marut/B.Traven vorzustellen. Es 
handelt sich um eine Geschichte, die Ret Ma- 
rut in 1917 publiziert hat und die weder in den 
Frühwerken (Guhl-Verlag Berlin) noch in 
Die Geschichte vom unbegrabenen Leich¬ 
nam (Büchergilde Gutenberg) enthalten ist, 
obwohl es doch gerade bei der Büchergilden- 
Ausgabe im Schutzumschlag so vielverspre¬ 
chend und so vorschnell heißt: 

»Hier werden erstmals die Erzählungen B. 
Travens in einer vollständigen Ausgabe vor- 
gclegt. Sie reicht von den ersten Prosaarbei¬ 
ten, die 1912 entstanden und unter dem Na¬ 
men Ret Marut im Düsseldorfer Generalan¬ 
zeiger veröffentlicht wurden, bis zu den gro¬ 
ßen Erzählungen aus Mexiko.« - 

Aufgrund jahrelanger Forschungen hat 
unser Freund Rolf Recknagel aus Leipzig die¬ 
se Geschichte entdeckt. Es ist nicht die einzi¬ 
ge und in kommenden Ausgaben des SF wol¬ 
len wir weitere vorstcllen. Schon die Frühwer¬ 
ke bei Guhl gingen auf seine Initiative zu¬ 
rück; mit der Ausgabe selbst war er jedoch 
völlig unzufrieden (vgl. nachfolgende Einlei¬ 
tung). Auch die Ausgabe der Büchergilde 
wirft einige Fragen auf: Aller Wahrschein¬ 
lichkeit handelt es sich um eine Sammlung, 
die Rolfs Forschungsarbeit als Grundlage be¬ 
nutzte, ihn aber mit keiner Silbe erwähnt. 
Noch enttäuschender (und damit vielleicht im 
Zusammenhang?) ist, daß keinerlei Quellen¬ 
angaben, Anmerkungen oder erläuternde 
Vor- bzw. Nachworte aufgenommen wurden. 
Aus mehrenen Gründen ist Rolf Recknagel 
über die westlichen Geschäftemacher einiger¬ 
maßen erbost und so stellen wir die Veröf¬ 
fentlichungen in diesem Fall nachdrücklich 
unter Copyright; - und zwar solange, wie die 
Büchergilde oder andere Verleger sich nicht 
mit dem Forscher selbst in Verbindung setzen 
und ihn in etwaige Veröffentlichungen des 
»erweiterten vollständigen« - Frühwerks 
B.Travens einbeziehen. Wir sind uns bewußt, 
daß die bisherige Praxis, die Forschungser¬ 
gebnisse zu benutzen ohne mit dem Urheber 
Kontakt aufzunchmcn oder ihn zu zitieren, 
auch mit der im SF publizierten Geschichte 
Trümpfe in der Hand geschehen könnte, zu¬ 
mal wir die Fundstelle genau angeben. Wir 
weisen nochmals daraufhin, daß wir im Besitz 
weiterer heute unbekannter Frühwerke sind, 
so daß sich eine Kontaktaufnahme mit dem 
SF sicher mehr lohnt, als den SF »auszuwer- 

tcn «. , „ . 

Zu dem Text selbst ist zu sagen, daß wir 
ihm (-vom ST in Rolfs Vorwort cingcarbeite- 
te -) passende »Paradoxa« vorangestcllt ha- 
ben, die als Aphorismen ebenfalls von Ret 
Marut stammen. Weitere sechs Paradoxa 
wollen wir zu einem späteren Zeitpunkt im 
Zusammenhang mit anderen Geschichten 
vorstellen. Die Paradoxa verdeutlichen Ma- 
ruts politischen Standpunkt, den er in seine 
Geschichten umzusetzen versuchte. 

Wir haben die hier wiederveröffenthehte 
Geschichte selbstverständlich in ihrem alten 
Sprachduktus belassen, auch wenn sie stilisti¬ 
sche Mängel oder >altmodischc< Formulie¬ 
rungen aufweist. Inhaltlich und politisch 
scheint uns jedoch genug Wichtiges enthal¬ 
ten, was eine Wiederveröffentlichung nicht 
nur aus literatur-wissenschaftlichen Gründen 

interessant macht. 

Wolf gang Haug 










Erläuternde Einleitung von Rolf Recknagel: 

Vor fünfundzwanzig Jahren hatte ich bereits 
den wichtigsten Teil der Erzählungen von Ret 
Marut/Richard Maurhut und seine oft illegal 
publizierte Kampfschrift Der Ziegelbrenner 
(1917-1921) gefunden. Seit 1967 wurden 
sämtliche Ziegelbrenner-HeÜe (Nr.l bis 40) 
veröffentlicht: in Edition Leipzig, DDR, 
Limmatverlag Zürich, De Boekenvriend, 
Hilversum, Verlag Klaus Wagenbach und an¬ 
schließend Verlag Klaus Guhl Berlin. 

Die Durchführung lag in den Händen des 
Züricher Verlegers Theo Pinkus, dem ich 
auch die BT-Mitteilungen No. 1-36 (1951— 
1960) und die Frühwerke von B. Traven/Ret 
Marut zur Veröffentlichung in diversen Län¬ 
dern übergab. Erschienen sind diese Unterla¬ 
gen leider nur im Verlag Klaus Guhl und bei 
einem Züricher Verlag, der >Theo Pinkus- 


Zentrale<. Bei den Erzählungen in Deutsch¬ 
land (aus dem Zeitraum 1912-1921) wurden 
in dem Buch Frühwerke (Guhl-Verlag 1977) 
nur einige Erzählungen herausgegeben, ob¬ 
wohl in der Bibliographie zusätzliche Titel ge¬ 
nannt werden. Herr Klaus Guhl aus West- 
Berlin teilte mir mit, daß die anderen Exem¬ 
plare in der Druckerei gestohlen wurden.(?) 

Die gesamte Sammlung der Frühwerke pu¬ 
blizierte die Büchergilde Gutenberg 1980, 
herausgegeben von Edgar Päßler, unter dem 
Autor B.Traven, ohne Hinweis (bzw. nur auf 
der Innenseite des Schutzumschlags, Anm. 
SF), daß es belletristische Publikationen im 
Entwicklungsstadium sind. 1983 veröffent¬ 
lichte Diogenes, Zürich dasselbe Buch als Ta¬ 
schenbuchausgabe (Nr.21110). 

In diesen Ausgaben fehlt auch der zweite 
Teil der Geschichte Theaterdirektor Raß- 


mann , obwohl die Publikation im »Düssel¬ 
dorfer Genral-Anzeiger, Nr.32 vom 1.2.1913 
bzw. Nr.33 vom 2.2.1913« erfolgte. Eine gan¬ 
ze Reihe weiterer Erzählungen Marut/Tra- 
vens sind überhaupt nicht vorhanden. 

Ich fand diese in deutschen Zeitungen zwi¬ 
schen 1912-1920. Es gibt einige künstlerische 
Leistungen die uns in der gegenwärtigen Si¬ 
tuation stark berühren können; - wie z.B. 
Angriffe gegen Gefahren der Atom-Bomben, 
neuer Waffen , Atomenergie und Atomreak¬ 
tionen in Kraftwerken . 

In der Frankfurter Zeitung vom 18. Mai 
1913 veröffentlichte Ret Marut einen Artikel 
Paradoxa; er selbst griff sie im Ziegelbrenner 
des öfteren wieder auf und und sie sollen als 
Ergänzung und Kontrast die im Schwarzen 
Faden veröffentlichten Geschichten einlei¬ 
ten. 



PARADOXA 

von Ret Marut alias B. Traven 
eingeleitet von Rolf Recknagel 


Der Selbe: 
Fern dem lauten hellen Tage 
Dennoch ihm nah unabänderlich 
Dieweil ich atme 
Dieweil mir scheinet die Sonne 
Und weil ich bin Mensch 
Staub war, Staub bin und Staub 
werde sein 
Masse ist Tod (...) 
Ich, der mir Selbst gehört 
Ich, der Mir Selbst sei 
Unberührbar , unauffindbar... 

Ich, der SELBE. 

Ret Marut 


Ret Marut war bei der Bayrischen Räterepu¬ 
blik am 7. April 1919 der Leiter der Presseab¬ 
teilung des Zentralrats geworden. Einen Tag 
nach dem begonnenen Sozialisierungsplan 
übernahm er noch die Kommission des Revo¬ 
lutionstribunals. 

Als sich Ret Marut am 1. Mai 1919 auf dem 
Wege zur Sitzung von revolutionären und frei¬ 
heitlich denkenden Schriftstellern aus den ver¬ 
schiedensten Städten Deutschlands befand, 
verhafteten ihn Weißgardisten. Die Flucht 
vor einem preußischen konterrevolutionären 
Richter gelang. Einige Tage später erschien 
das illegale Flugblatt: DER SELBE. Heraus¬ 
gegeben vom Ziegelbrenner für die Gemein¬ 
schaft der Selben. 1. Mai 1919. 

Den einleitenden Sätzen (s.o.) folgte der 
Text: »Sei Wollen«: 


•*«•« •*«ta«ni4n-*aplia»5Hsihenlnstttüiiofl. 
die sUh „Presse“ nennt 

> •• l’fr.u- : K f-mi.-r uih 

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»chrlnktco Wrflfrrlbrlt. jJpT 

IVf«- l'jn.! »rrtany, .V 1 -‘Yffjmf 

SdiaHen Sie dunh die sofortig* „ 

Pf«« den Redakteuren und den 
steilem die Frelhe«. thrt wirfcik 
Meinung'rd Äußern. 

11« l**y«,fc,Wr. Lj ,* tme „ ^ 

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PrcMrtlbeHt Befreie» Sk iSe PrrM« 

»ertfre**» *91 , 


Olt blutigen Vorgänge in Berlin. 

in 11.8t. i» Bremen, im RubryeWl t.nd an «wlrfra Urtta Uhl 
'« ni.ji.tii .'vltinh. «1»|1 «io j^oßrr T»3 tfr"* rkftfr <Sr 

lange 1 >.«rr ue* Krieye» zvrtUtack vetwJ.krt ».l. m 'kr Uanpuukch« 
•ber nioJ »itr «ntsaanJe« «Wim.fr. tbO 1 «uruerütivtapttifcatä’cfrr 

IV".m: in .1«-» wideTvartiyMm Weric Kegm FViCtijmfr ,\nt(«craitk»fr<a*iJe 
K> Unjr grbetrt und u. lange«rtlenmUrt hat. lä» mt!rr (VfClkrnmjeine 
‘ *'* «ejk, dk wdi in. Ifrnjeflrieg .-tuMm mafite. 

f der MSTgedidt-kspltallsUsditn Presse 
das Volk durdi- 

> einander ^Jfietzen. so werden Sit mit werantwortlldi 
|e, die kein Volksgenosse wünstht, 
dieser verhetzenden 
irnflsstn. 

i«d Utttth I« 
hat <&e bttrjeHkh kapiiuSwWK 

.'s it »*£«*: NWfrt RcA», aotxkm fateo* 
«eidk Tat. Sk. dafl Sk tOrht 


W Hart 111*. 



Ret Marut, Sozialisierungsplan für die Presse, München 1919 (aus Sei- 
werts Nachlaß; Seiwert benutzte die Rückseite dieses Blattes als Papier¬ 
unterlage für seinen Linolschnitt „Profit** - 1923 -) 


»Sagen will ich, was ich denke. Offenbaren will ich, wie ich das Geschehen um mich her fühle 
und empfinde. (...) Hört, so Ihr Ohren habt zu hören! Denkt, so Ihr Hirne habt zu denken! (...) 
Ich bin unbesiegbar! Seid es wie ich, so Ihr mögt! Und Ihr werdet es sein, wenn der Einzelne 
größer und stärker wird als der mächtigste Regent. Ein König bin ich, aber ich will ein König 
sein unter Königen, nicht unter Sklaven, die folgen und dienen wollen.« 


Dieses Flugblatt fand ich 1976 im mexikani¬ 
schen Nachlaß von B. Traven zusammen mit 
einzelnen Ausgaben des Ziegelbrenner , Bil¬ 
dern und Holzschnitten der Kalltal-Gemein- 
schaft in Köln. 

Der Ziegelbrenner-Verlag (»- bisher in 
München«) publizierte am 6.1.1920 das ille¬ 


gale Zicgelbrenner-IIeft 20-22: Die Zerstö¬ 
rung unseres Welt-Systems durch die Markur- 
ve; im Aprilheft 1920 erläuterte der SELBE 


sein Verlassen der Heimat: Khundar. Das er¬ 
ste Buch - Begegnungen. In den Schlußgedan¬ 
ken ist zu lesen: 


»Erlösung wird kommen durch fragen und suchen und wandern! Auf denn, laßt uns gehen in 
die irre, allwo allein die Wahrheit ist. die Weisheit, die crlösung und das leben. 

Und da er also gesprochen ging er von dannen in ein fernes land noch am selbigen abend.« 











37 


) 


Ganz so schnell ging Marut doch nicht; es 
folgte noch der letzte Ziegelbrenner vom 
21.12.1921, der wahrscheinlich von der Kall¬ 
tal-Gemeinschaft in Köln herausgegeben 
wurde: Gegensatz . Sieben Antlitze der Zeit. 
Die Texte aus dem Flugblatt DER SELBE 
sind beim Gegensatz eingefügt - der Mit¬ 
kämpfer Franz Wilhelm Seiwcrt aus Köln 
hatte dazu sieben Holzschnitte produziert. 
Themen der Antlitze der Zeit wie der Holz¬ 
schnitte waren: 

Die freie Pest gegen die Presse und die Schule 
Die Aufrührer von Galliläa gegen das ver¬ 
fälschte Christentum 


Die deutsche Mörderzentrale 

Die Arbeitsgemeinschaft 

Profitwirtschaft 

Der preussische Militarismus 

Staatsfeindliche Elemente werden auf der 

Flucht erschossen! 

Ruhe und Orden - Arbeiten! Und nicht ver¬ 
zweifeln! 

Unter mexikanischem Einfluß (vgl. »Son- 
nen-Schöpfung. Indianische Legende«) er¬ 
weiterte Marut/Traven seinen Erzählstil, je¬ 
doch nicht ohne seine anarchistische Grund¬ 
einstellung und seine Motive (z.B. »Sonne«) 
beizubehalten. Zwei Tage vor seinem Tod 
schrieb er beispielsweise: 


»Mit all ihren Mühen, Unzulänglichkeiten, Enttäuschungen, Schmerzen, Problemen, unerfreu¬ 
lichen Ereignissen, gelegentlichen Hagclstürmen ist die Welt zu schön, als daß man sie aufge¬ 
ben könnte selbst wenn man krank und lebensmüde oder einemhoffnungslosen Ende nahe ist. 
Halte aus! Kämpfe weiter! Gib nicht auf! Spucke dem Tod ins Gesicht und wende dich ab. Die 
Sonne ist noch am Himmel, umgeben von Sternen.« 


Doch wie begann Marut/Traven seinen 
Kampf? . 

Das erste Paradoxon hat den Titel »Ge¬ 
schäftsklugheit« und läßt sich in den ersten 


beiden Teilen auf die im SF jetzt neu publi 
zierte Geschichte Trümpfe in der Hand gut 
beziehen: 



^»d!c dengrößten Vorteil von einem Krieg haben, schreien am lautesten: >Wir lieben den 

- Höchste Erdenweisheit - wenn eine Geschoßfabnk den Knegsverwundeten und Hinterbhe- 
benen Gelder spendet. Die bekommt sie mit Zins und Zinseszins wieder herein. Und - worauf 

es ihr vor allem ankommt - noch etwas hinzu. . „„ 

* Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Das heißt: Fabriziert und ver¬ 
kauft für gutes Geld den Heiden haltbare Götzenbilder und schenkt der Kirche von Eurem 
Verdienst eine seidene Altardcckc. Verlaßt Euch drauf, man nimmt sie und bedankt sich ge- 


bührend dafür.« 


Im Ziegelbrenner vom 9.November 1918 
nahm Marut die ersten Sätze wieder auf und 
erläuterte ihren Entstchungshintcrgrund: 
»Den Anlaß zu diesem Satze gab folgende 
Begebenheit: Während des Balkan-Krieges 
1912/13 hatten deutsche Munitionsfabrikan¬ 
ten - obgleich Deutschland neutral war - so¬ 
viel Kriegs-Material nach dem Balkan gelie¬ 
fert, daß ein deutscher Munitions-Fabrikant 


»Bei jeder neuen 
sind furchtbar stolz, 
de sic geeignet sein möchte, unsere 
scn. Und nun haben wir glücklicherweise 


Marut beschäftigte sich mit den »neuen Erfin¬ 
dungen«, die »Menschen abmurksen« auch in 
anderen Veröffentlichungen: Es begann mit 
der ebenfalls wiederzuentdeckenden Erzäh¬ 
lung Der Mann an der Fräse, die im nächsten 
SF (November 1986) publiziert wird. 

ln Trümpfe in der Hand wird eine neue 


seinen Gewinn nicht mehr allein verzehren 
konnte...« Seine anschließende »Wohltätig¬ 
keit«, die in allen deutschen Zeitungen be¬ 
richtet wurde, brachte kein Opfer, denn es 
folgten weitere Aufträge der serbischen Re¬ 
gierung. 

Um die Erzählung Trümpfe in der Hand 
weiter einzuleiten, nenne ich noch das Para¬ 
doxon »Erfindung«: 


Kriegs-Bombe im Jahre 1917 für den »Neuen 
Weltkrieg« fertiggestellt. Veröffentlicht wur¬ 
de diese Geschichte erstmals in Die Wochen¬ 
schau, Nr.3 vom 20. Januar 1917 in Essen, 
Düsseldorf u.a. Zu dieser möglichen »neuen 
Qualität« erklärte Marut am 10.3.1919 im 
Ziegelbrenner: 

das.sehen wir alle, wo, wann und wie dieser 
Im Namen der Menschheit!: Es ist ge- 
Weltkrieg! Fluch denen, die zu einem 



! 



»Wo, wann und wie dieser neue Krieg anfangt, 

neue Krieg aber endet, das weiß niemand von uns. (. . .) 

nug Menschenblut vergossen worden! Fluch dem neuen 
neuen Kriege aufrufen“« 

ln diesem Zusammenhang ein letztes Paradoxon 


Erfindung sprechen wir von einer grandiosen Kulturerrungenschaft und wir 
Aber wir schauen sic uns in erster Linie daraüfhin an, bis zu welchem Gra- 
lieben Mitmenschen finanziell oder körperlich abzumurk- 
den Maßstab, nach dem wir ihren Wert bestimmen.« 


WVcnn'nnn'dM Mörder und den Gemordeten nach ihrem Nützlichkeitswerte abschätzt, so ist 
d« MörZder tüchdgsL. Siegreiche Völker bestätigen die Wahrheit dieses Satzes Trotzdem 
unterläßt man cs ängstlich, die einzig richtige Konsequenz aus d.eser Tatsache zu ziehen.« 


Franz Wilhelm Seiwert 


Fabrik, 1924 













30 


Trümpfe in der Hand 


Vor dem Kriege war ich einmal bei ihm gewe¬ 
sen. Er wohnte weit draußen in der Heide. 
Ein einfaches Bauernhaus. Dahinter eine 
große Scheune. Womit er sich beschäftigte, 
konnte ich nicht herausbekommen. Wo man 
hinsah in seinen Räumen fand man Bücher, 
Zettel mit mathematischen Formeln und Be¬ 
rechnungen, Zeichnungen und Aufrisse. 

Bei ihm hauste eine Wirtschafterin, die 
nach ihrem Aussehen ein Alter von zweihun¬ 
dert Jahren haben mußte. Aber arbeiten 
konnte sie wie ein Pferd, und zu kochen ver¬ 
stand sie, daß man die besten Hotelküchen 
darüber vergaß. Und wehe, wenn der Doktor 
nicht aß und nicht pünktlich aß! Hierin war 
sie unerbittlich. 

Dann hatte er noch drei verwitterte alte 
Männer um sich, die ihm ganz und gar erge¬ 
ben waren. Früher waren sie Torfgräber ge¬ 
wesen, und als ihr Geschäft schlecht ging, 
hatte er sic für seine eigenen Arbeiten ange¬ 
worben. 

Der Doktor war ziemlich wohlhabend, 
aber er verdiente nebenbei noch zuweilen ein 
kleines Vermögen. Er erfand und konstru¬ 
ierte das Modell einer Flugmaschine, das er 
sehr gut an eine Fabrik verkaufte, und in der 
Zeit, als ich da war, stand er mit dem Kriegs¬ 
ministerium in Verbindung wegen des Ver¬ 
kaufs eines neuen, eigenartigen Sprengmit¬ 
tels. Wie ich später hörte, kam der Verkauf 
zustande, und er erhielt für das Rezept eine 
sehr ansehnliche Summe. Daraufhin bekam 
er glänzende Anerbieten von entsprechenden 
Firmen, die ihm Anstellung boten. Aber er 
sagte rundweg ab. Eine Zeitlang hatte eine 
Firma bei ihm spionieren lassen, um gewisse 
»Erfahrungen zu sammeln. Herausgekriegt 
hat die Firma nichts, aber ihrem Beauftragten 
mußte der rechte Arm, der völlig verkohlt 
war, abgenommen werden. Seitdem hatte er 
Ruhe. 

Ich war während eines großen Marsches 
durch die Heide entsetzlich in den Regen ge¬ 
kommen. Bei dieser Gelegenheit kam ich in 
sein Haus, um mich unterzustellen. Er sah 
mich mißtrauisch von oben bis unten an, 
dann durfte ich in das Wohnzimmer kommen 
und Tee mit ihm trinken. Und als er sich 
durch geschicktes Hin- und Hertasten über¬ 
zeugt hatte, daß ich von Chemie und Technik 
keine blasse Ahnung besaß, wurde er liebens¬ 
würdig. So kam es schließlich, daß er mich 
einlud, eine Woche dort zu bleiben. Er tat 
während der Zeit nichts, wir gingen zweimal 
auf die Karnickeljagd und wateten im übrigen 
im Sande herum. 

Als ich dann fortging, sagte der Doktor: 
»Kommen Sie doch gelegentlich mal wieder, 
vielleicht in zwei Jahren.< Er meinte das 
durchaus herzlich. Ein häufigerer Besuch wä¬ 
re ihm sicher auf die Nerven gefallen. 


von Ret Marut/B. Traven 


Vor einigen Wochen - die ersten Him¬ 
melsschlüsselchen guckten gerade ver- 
schmitzt durch die noch versteckte Erde - da 
bekam ich wieder Sehnsucht nach der Heide. 
Als ich dort schon einige Tage herumstrolch- 
tc, fiel mir der Doktor ein. Ich schrieb ihm ' 
und er antwortete: »Drei Tage, wenn Sie wol¬ 
len, herzlich gern, länger geht nicht. Aber so¬ 
fort kommen.< Und ich kam. 

Nachdem ich eine Stu nde gewartet hatte 
kam der Doktor. Seine Hände trieften von 
Maschinenöl, Fett, Ruß und Putzlappenfa¬ 
sern. »Es ist gut, daß Sie da sind. Morgen hät¬ 
ten Sie mich nicht angetroffen. Aber Sie kön¬ 
nen mitkommen, ich probiere ein neues Mo¬ 
dell aus.< 

Ich sagte weder ja noch nein. Denn ein er¬ 
ster Aufstieg mit einem noch nicht ausge¬ 
probten Apparat und noch dazu mit einem 
neuen Modell, ist doch zumindest eine Sache, 
die man sich überlcgenmuß. 

»Gehen Sie solange ins Wohnzimmer und 
warten Sie auf mich. Ich nehme nur rasch ein 
heißes Bad.< Damit war er verschwunden. 

Genau in einer halben Stunde kam der 
Doktor frisch gewaschen und glänzend aufge¬ 
legt. Beim Kaffee sagte er: »Ich denke, es ist 
am besten, wir fahren in eine Dnjepr-Step- 
pe.< 

»Wann dcnn?< 

»Nun, morgen früh.< Und ich hoffe, daß sic 
mich begleiten, denn so tüchtige Burschen sie 
auch s^nst sind, aber von meinen Torfbauern 
möchte ich doch keinen mitnehmen, es ist 
doch immerhin möglich, daß ich unterwegs 
auch noch etwas Intelligenz in Reserve haben 
muß.< 

»Aber haben Sie denn ganz und gar verges¬ 
sen, daß wie im Kriege leben, und daß wir 
schwerlich heil über die Frontlinien kom- 
men?< 

»Eben darum, weil Krieg ist, läßt es sich 
am besten machen. Da fällt es nicht so auf. 
Im Frieden kann man doch nicht gut Spreng¬ 
körper ausprobieren. Die Platzmiete ist zu 
teuer, und die Polizeivorschriften sind zu um¬ 
ständlich. Wende ich mich an eine Firma oder 
an das Kriegsministerium, so habe ich eine 
Masse Schreiberei und Lauferei, und zum 
Schluß guckt man mir das beste weg.< 

»Wie lange wollen Sie denn aber dann un¬ 
terwegs bleiben? Das ist ja eine Fahrt von we¬ 
nigstens 1500 Kilometern 

»Mehr. Es werden sogar etwa 1650 Kilo¬ 
meter sein. Aber wir sind morgen nacht 
schon wieder zurück. Morgen früh drei Uhr 
fahren wir ab, gegen fünfeinhalb Uhr über¬ 
fliegen wir bereits die ehemalige Grenze, um 
die Mittagszeit sind wir an Ort und Stelle. 
Nach dem Abwurf landen wirzwecks genauer 
Nachprüfung, vertreten uns die Beine etwas 


und reisen wieder heim. Gegen elf Uhr 
abends sind wir zu Hause, ich habe der Alten 
für diese Zeit das Abendessen bestellte 

»Wenn wir aber abgeschossen oder von ei¬ 
nem Flieger einer der kriegerischen Parteien 
verfolgt werden?< 

»Mehr. Es werden sogar etwa 1650 Kilo¬ 
meter sein. Aber wir sind morgen nacht 
schon wieder zurück. Morgen früh drei Uhr 
fahren wir ab, gegen fünfeinhalb Uhr über¬ 
fliegen wir bereits die ehemalige Grenze, um 
die Mittagszeit sind wir an Ort und Stelle. 
Nach dem Abwurf landen wirzwecks genauer 
Nachprüfung, vertreten uns die Beine etwas 
und reisen wieder heim. Gegen elf Uhr 
abends sind wir zu Hause, ich habe der Alten 
für diese Zeit das Abendessen bestellte 

»Wenn wir aber abgeschossen oder von ei¬ 
nem Flieger einer der kriegerischen Parteien 
verfolgt wcrdcn?< 

»Ein Gewehr nehmen wir mit für alle Fälle 
gegen etwa auftretende Räuber oder verrück¬ 
te Bauern. Aber nur bei einer Landung kön¬ 
nen wir bemerkt werden, denn wir fliegen in 
einer solchen Höhe, daß uns kein noch so 
scharfer Blick erreicht. Na - und schlimm¬ 
stenfalls bleibt ja immer die Flucht, und in 
dieser Hinsicht kann ich mich auf meinen Ap¬ 
parat unbedingt verlassen. Seine Schnellig¬ 
keit übertrifft die der besten Apparate, die cs 
gegenwärtig gibt, um das Doppeltem 

»Und der Sprengkörper?< 

Es sah mich einen Augenblick prüfend an, 
ob er mir sein Geheimnis auch anvertraucn 
könne. 

Dann stand er auf, ging hinaus, kam nach 
einer Weile wieder und trug in der Hand ei¬ 
nen zylinderförmigen Metallkörper. Unten 
lief der Zylinder in eine Pyramide aus, mit 
der Spitze nach unten. Er legte das Ding vor 
mir auf den Tisch. Die Spitze hatte einen et¬ 
wa zwanzig Zentimeter langen Dorn. Damit 
der Körper immer mit der Spitze nach unten 
fallen konnte, war in dem Hohlraum ein dik- 
kes Stück Eisen befestigt, das die Hälfte des 
Zylinders einnahm und wodurch beim Her¬ 
abfallen des Körpers eine äußerst heftige Ge¬ 
walt ausgeübt werden mußte, weil Umfang 
und Gewicht in einem so beabsichtigt großen 
Gegensatz standen. Im übrigen war die Hülse 
leer. 

»Was soll das sein?< fragte ich ihn. 

»Eine Bombe oder eine Granate oder eine 
Patrone oder was Sie sonst wollen. Warum 
muß man denn jedem Dinge gleich einen Na¬ 
mengeben? Aber den Zweck will ich Ihnen 
doch klarmachen.< 

Ich besitze nicht die chemischen Kenntnis¬ 
se, um mehr als den bloßen augenfälligen 
Sinn seiner Erklärungen wiedergeben zu kön¬ 
nen. Der ganze Hergang war verhältnismäßig 
einfach: Der Dorn bohrte sich beim Herab¬ 
fallen in die Erde, etwaiges Gestein oder eine 
Felsenmasse, auf die der Körper fallen konn¬ 
te, wurde, wenn auch nicht bis zur Dornlän¬ 
ge, so doch immerhin so weit durchschlagen, 
daß die weitere Wirkung vor sich gehen 
konnte. Durch den Aufprall löste sich ein 
Ventil, es trat atmosphärische Luft hinzu, 
und es bildete sich eine chemische Flüssig¬ 
keit, die teils durch den Dorn, teils an dem 
Dorn entlang in die Öffnung, die der Dorn 
geschlagen hatte, einsickerte und dort Erde, 
Eisen oder Gestein und Beton in beträchtli¬ 
cher Tiefe in Form einer Röhre durchschmolz 
oder durchfraß. Der Doktor zeigte mir den 
Vorgang an einem großen Stein, der etwa ei¬ 
nen und einen halben Meter dick war. ln ei¬ 
ner Viertelstunde war der Stein wie mit ei- 






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Die Menschen fallen, die Profite steigen, 1925 (?) 

















4P 


nem Stab durchstoßen, so da man hin¬ 
durchsehen konnte. 

>Sie sehen<, sagte der Doktor zu mir, leise 
lächelnd, >es geht sehr einfach zu und ohne ir¬ 
gendeine Hexerei. Ich habe lediglich der Na¬ 
tur wieder einmal etwas abgelauscht und bin 
hinter einen ihrer Tricks gekommen. Aber 
wozu die Natur tausend Jahre braucht, dazu 
brauche ich zehn Minuten, man hat nichts 
weiter nötig, als die Zeit in konzentrierteste 
Kraft umzusetzen. Die Natur hat Zeit, ich 
nicht, infolgedessen muß ich es mit der Kraft 
machen. Was nun die weitere Folge ist, kön¬ 
nen Sie sich denken. Sobald die Röhre tief 
genug ist, hat sich beim letzten Tropfen der 
chemischen Substanz, die in die Röhre nach¬ 
sickerte, ein neues Ventil von selbst geöffnet, 
und in die Röhre fällt der Sprengstoff. Und 
dann - das weitere morgen. Punkt drei Uhr 
fahren wir los.< 

Nachts um halb drei Uhr klopfte der Dok¬ 
tor an meine Tür. Er war schon gestiefelt und 
gespornt und hatte eine dicken Pelz an. , 

>Reiben Sie sich das Gesicht nur kräftig ab 
und dann tüchtig einfetten<, sagte er. 

Dann frühstückten wir, er sehr ruhig, ich 
dagegen noch halb im Schlafe und dabei doch 
aufgeregt. Ich bekam dann einen gleichfalls 
sehr dicken Pelz von ihm, Schutzbrille, Hau¬ 
be und lange Filzstiefeln, und ging endlich ge¬ 
duldig hinter ihm her. 

Draußen, hundert Meter hinter der Scheu¬ 
ne, stand der Apparat. Er stand auf sehr ho¬ 
hen schlanken Füßen, viel höher, als es sonst 
üblich war. Die Torfgräber liefen mit Later¬ 
nen hin und her. Ich sah, daß die Tragflächen 
beinahe doppelt so lang waren, als ich sie von 
den Apparaten her kannte, mit denen ich 
schon gefahren war. Aber sie waren dafür 
auffallend schmal, wie die Flügel einer Libel¬ 
le. Vorn befanden sich zwei mächtige Propel¬ 
ler, die hintereinander angebracht waren, 
aber doch in einer Stellung, daß jeder seinen 
eigenen Widerstand nehmen konnte. Ziem¬ 
lich genau über dem vorderen Sitz befand 
sich ein Turbinengehäuse. 

Ich saß vor ihm, aber etwas tiefer als er, so 
daß er freien Ausblick hatte und bequem mit 
mir sprechen konnte. Er zog die Uhr. Dann 
sagte er zu den Leuten: >Abends halb elf, es 
kann zehn Minuten später werden. Alles fer- 
tig?< - >Los!< 

Ich hörte nur das Knacken des Hebelein- 
stellcns und gleichzeitig das angenehme leise 
Summen der Turbine über mir. Es dauerte ei¬ 
ne Weile, bis ich von der Turbine, die sich in 
rasender Geschwindigkeit eingedreht hatte, 
nur noch ein weiches Rauschen hörte. Wie¬ 
der knackte ein Hebel, das Rauschen ver¬ 
schwand völlig und der Apparat hüpfte zwei¬ 
mal auf der Stelle, gleichzeitigversanken die 
Laternen der Leute unter mir. Ich über¬ 
schluckte mich fortgesetzt beim Atmen und 
der Doktor sagte nach einem Augenblick 
schon: >Tausend!< Kaum eine Minute konnte 
vorüber sein, da sagte er: Zweitausend!< Als 
er >Viertausend!< gesagt hatte, setzte er die 
Propeller ein. 

Als es zu tagen begann, sagte er: >Wir sind 
jetzt über der Landesgrenzc.< Er schaltete die 
Triebpropeller aus und ließ den Apparat hän¬ 
gen. Er gab mir eine Glasröhre und sagte mir, 
ich solle daraus alle halben Stunden eine Pa¬ 
stille im Mund zergehen lassen, um keine 
Herzensbeschwerden und Blutumlaufstörun¬ 
gen zu bekommen, weil wir höher gehen 
müßten, um nicht beschossen zu werden. Da¬ 
bei hatte er die Steigturbine schon wieder ein¬ 
geschaltet, ich bekam furchtbares Herzklop¬ 
fen, meine Schläfen dröhnten, und einmal 


über das andere Mal überschlug ich mich 
beim Atmen, als wäre nicht genügend Luft 
für meine Lungen vorhanden. Unter der Ein¬ 
wirkung der Pastillen aber gewöhnte ich mich 
rasch an die neue Lebensbedingung. 

Siebentausend!< sagte er nach einer Weile 
ruhig mit leisem Lächeln. >Auch mit dem be¬ 
sten Fernrohr sind wir nicht zu entdecken. 
Ich weiß nicht, ob Sie schon bemerkt haben, 
daß die Farbe unserer Maschine absolut neu¬ 
tral ist und in dieser Höhe gänzlich von der 
Luft verschluckt wird. In dreihundert Meter 
Höhe schon hört uns kein Mensch mehr, 
selbst wenn er ein noch so gutes Ohr hätte. 
Die beinah völlige Auflösung des Geknatters 
vom Motor und des Surrens der Propeller war 
eine der schweirigsten Aufgaben. Sie ist ge¬ 
glückt, und ich hoffe, daß ich in zwei Mona¬ 
ten überhaupt ganz geräuschlos arbeiten 

Die rasende Fahrt blieb ohne jeden fühl¬ 
baren Eindruck auf die Nerven. Nachdem es 
hell geworden war, sah ich nach unten. Aber 
ich sah nur eine weite Fläche, in der alle Far¬ 
ben und Konturen durcheinander verwischt 
waren, so daß auch nicht das geringste zu un¬ 
terscheiden war und die ganze weite Ebene 
wie unter einem grauen Schleier verdeckt 
schien. Wir gingen nun noch um zweitausend 
Meter höher, und ich war genötigt, die Pastil¬ 
len schon auf Viertelstunden zu verteilen. 

>Gleich stehen wir über der Front,< sagte 
der Doktor, >spannen Sie das Fernrohr ein.< 

Ich sah hindurch, und ich hatte das eigen¬ 
artige Gefühl, als sähe ich auf einem fernen 
Planeten ein Schlachtgetümmel. Kein Schall 
tönte herauf, ich sah nur ab und zu die klei¬ 
nen Wölckchen der platzenden Artilleriege¬ 
schosse und selbst größere Truppenmassen 
waren bestenfalls zu ahnen, aber nicht festzu¬ 
stellen. Das ganze Bild dauerte jedoch nur 
Augenblicke, dann war es schon unter uns 
weggegangen. 

Der Doktor reichte mir die für mich be¬ 
stimmte Thermosflasche herüber um etwas 
zu essen. Dann stellte er den Motor ab und 
ließ uns fallen. Er zog an Drähten und in den 
Tragflächen öffneten sich Klappen, wodurch 
die Tragfähigkeit aufgehoben wurde und die 
Schwerkraft einsetzte. In Rücksicht darauf, 
daß sich der Körper auf den raschen Wechsel 
der Luftdichtigkeit einstcllcn mußte, schloß 
er alle fünfhundert Meter Fall die Klappen, 
so daß wir einen Augenblick hängen oder 
langsam gleiten konnten. 

♦ Als wir unten waren und gelandet hatten, 
sah ich, daß wir uns in einer weiten, öden 
Steppe befanden. >Ich mußte hinunterge¬ 
hen/ sagte der Doktor, >um ganz sicher zu 
sein, daß niemand zu Schaden kommt.< 

Wir stiegen aus. Er nahm das Glas, besah 
sich die Umgegend genau, und als er die 
Überzeugung gewonnen hatte, daß kein- 
menschlichcs Wesen weit und breit sichtbar 
war, stiegen wir wieder auf. In zweihundert 
Meter hielten wir noch einmal, er überzeugte 
sich abermals von der Leblosigkeit der Ge¬ 
gend und dann stiegen wir, mit kurzen Ruhe¬ 
pausen bei je tausend Meter, rasch wieder auf 
etwa achttausend Meter hoch. 

>Nehmen Sie Ihr Glas zur Hand, damit wir 
unsere Wahrnehmungen vergleichen können. 
Achtung! Ich löse den Schuß! Los!< 

Ich sah nichts weiter, als daß wenige Se¬ 
kunden darauf der graue Schleier über der 
Ebene bebte und wie ein Kratcrausbruch 
durcheinanderquirlte und brodelte. 

Kurze Zeit hinterher waren wir unten. Die 
Gegend hatte sich völlig verändert. An der 
Stelle, wo wir gelandet waren, befand sich 


jetzt ein Talkessel von einem Umfang, dessen 
Abmessungen man mit bloßen Augen nicht 
erkennen konnte. Wir lagen mit unserem Ap¬ 
parat nicht im Kessel, und die Ränder er¬ 
schienen uns wie umschließende Gebirge von 
achtbarer Höhe. 

>Nun seien Sie so liebenswürdig und gehen 
Sie den Durchmesser ab. Es wird Ihnen ganz 
gut tun, etwas die Beine strecken zu können. 
Ich messe inzwischen die Tiefe und sehe mir 
die Wirkung auf den Gesteinsuntergrund an.< 

Der Radius betrug 900 Schritte, die Tiefe 
des Kessels 60 Meter. 

>Bei felsiger Gegend,< sagte der Doktor, 
>wird der Kessel ein wenig kleiner sein, dafür 
aber furchtbarer aussehen, das gleiche wird 
der Fall sein bei dicken Eisenbetonierungen. 
Aber, was meinen Sie wohl, was für ein Bild 
der vollständigen Zerstörung wir vor uns ha¬ 
ben würden, wenn eine meiner Patronen in 
eine dicht bebaute und dicht bevölkerte Stadt 
geworfen wird? Das Straßenpflaster, ganz 
gleich welcher Art es ist, bietet keinen Wider¬ 
stand, vervollständigt aber durch seine her¬ 
ausgebrochenen Steine und Betonplatten und 
im Verein mit den zwei- bis dreihundert Me¬ 
ter hoch und tausend Meter weit geschleuder¬ 
ten Wänden und Dächern der Häuser die 
Zerstörung derartig, daß sich im Umkreise 
von drei bis vier Kilometer kein lebendes We¬ 
sen mehr vorfindet. Und was den Erfolg un¬ 
bedingt sicherstellt, ist, daß Keller, Unter¬ 
stände und Eingrabungen keinen Schutz bie¬ 
ten, die sich darin Aufhaltenden aber so tief 
verschüttet werden, daß der gesuchte Schutz 
zum Verderben wird.< 

Er erzählte das alles, während er auf ei¬ 
nem Steine saß und Brot und Eier aß. 

>Mit zehn Stück meiner Patronen, jede um 
das Doppelte vergrößert - zwanzig kann ich 
in meinem Apparat auf eine Fahrt mitneh¬ 
men -, beseitige ich London vom Erdboden, 
und bei der Güte, Unsichtbarkeit und unbe¬ 
dingten Verläßlichkeit meines Apparates, 
brauche ich nichts weiter, als nur den Willen 
hierzu.< 

Ich konnte vor Erregung nicht sprechen. 
Er sah es mir an, daß ich etwas sagen wollte: 

>Warum ich es nicht heute schon ausfiihrc 
und mir beim Kriegsministerium den Auftrag 
hole? Das hat viele Gründe. Der Krieg wäre 
mit einem Schlage zu Ende, gewiß. Wir wür¬ 
den Tausende von tüchtigen deutschen Män¬ 
nern sparen, ja, aber wir müßten dafür sechs, 
vielleicht acht Millionen anderer Menschen 
opfern. Aber nun sagen Sie, ist es nicht ein 
unsagbar allmächtiges Gefühl der Unüber- 
windlichkeit und der Kraft, wenn man weiß, 
daß wir, wenn es irgendwie nötig sein sollte, 
mit einem Wort die unabänderliche Entschei¬ 
dung herbeiführen können?< 

Ich wußte nichts zu sagen und sah mir nur 
immer dieses schmächtige Persönchen an, 
das die Fähigkeit hatte, der Welt seinen Wil¬ 
len aufzuzwingen und dennoch keinen Ge¬ 
brauch davonmachte. So viel Gold vermöch¬ 
te nicht herbeizuschaffen sein, um den Wert 
seiner Arbeit zu begleichen. 

Ich kam aber nicht lange zum Nachdenken 
und zum Träumen. Ein Schlag auf die Schul¬ 
ter rief mich in die Zeit zurück: >Wir müssen 
abfahren,< sagte der Doktor, >sonst kriege ich 
einen heillosen Spektakel mit der alten 
Schrumpelhexe wegen des Abendessens.< 

Genau zehn Uhr fünfunddreißig waren wir 
wieder daheim. Die Torfgräber hoben uns 
heraus. Wir stampften uns die Füße gerade. 
Dann gingen wir hinein zum Essen, nachdcn 
wir uns rasch ein wenig gewaschen hatten. 




Um wieviel politisch und kulturell ärmer die Bun- : 
desrepublik im Vergleich zur Weimarer Zeit gewor- f 
den ist, erfährt dcr/dic heutige Lcscr/in aus der • : 
Band für Band lesenswerten Reihe »Verboten und | 
verbrannt/Exil«, die von Dr. Ulrich Walbcrcr im Fi- i 
scher Taschenbuch Verlag ediert wird. 

Mit einer durchschnittlichen Startauflagc von i| 
8000 Exemplaren kommen anspruchsvolle Roma- I 
ne, autobiographisch gefärbte Erzählungen, Au- | 
gcnzeugcnbcrichtc oder gesammelte publizistische |j 
Aufsätze auf den literarischen Markt. Die Namen 1 
der Autoren von Theodor Balk bis Paul Zech sind ff 
politisch Interessierten zumeist keine Unbekannten i 
(sollten cs zumindest nicht mehr sein) und doch gc- | 
j langen einige von ihnen, seit langer Zeit oder gar ;; 
erstmals an ein breiteres Lesepublikum. Daß nur i 
wenige Titel bislang eine zweite Auflage erreichten S 
(darunter Konrad Merz »Ein Mensch fällt aus 1 
Deutschland«, sowie die hier etwas ausführlicher 
vorgcstclltcn Bücher von Egon Erwin Kisch und i 
Alice Rühle-Gerstel) zeigt allerdings wie groß die Ij 
Leidenschaft der Deutschen ist, sich mit ihrer cigc- |f 
nen, vielleicht bedrückenden Vergangenheit zu bc- H 
schäftigcn. Der Eindruck, daß die bundesrepublika- jj 
nischc Gesellschaft sich durch nichts so sehr aus- & 
zeichnet, wie durch ihre grandiose Vcrdrängungs- j 
leistung, bestätigt sich auch hier. _ j 













Han 


Wichtige Vorarbeitei 
ten Versuch des Fische 
steten kleinere Verlage; 
zenzausgaben des Haml 
wie des Rudolstadtcr Gr 
den. Inzwischen wurden 
hinzugekauft und bisw 
auch erstmals ausgegrab 
von Alice Rühle-Gerstel. 
na und die Freiheit«. 

Bis 1986 erschienen: 
wehleidige Bücher von 

Intellektueller; sic spiegeln vielmehr linke Ge¬ 
schichte und kulturelle Vielfalt von 1918 bis 1945 
wie sic uns heute teilweise fremd geworden ist. Eine 
Lcscerfahrung, die verdeutlichen kann, wie sehr 
auch unser (kritisches) Bewußtsein von »Normali¬ 
tät« von den Auswirkungen der von den Nazis ge¬ 
schaffenen Verhältnisse geprägt wird. 

Die Novemberrevolution 

Für den Beginn, 1918, steht der dokumentarisch-au¬ 
tobiographische Roman des anarchistischen 
Schriftstellers Theodor Plievier (1892-1955), »Der 
Kaiser ging, die Generäle blieben«. Nach »Des Kai¬ 
sers Kulis« (Kicpcnhcucr Verlag, damals Malik- 
Verlag), indem Plievier den Matrosenaufstand 1917 
aufgearbeitet und den Matrosen Alwin Köbis als an¬ 
archistischen Anführer der Revolte porträtiert hat¬ 
te, versuchte er in »Der Kaiser ging, die Generäle 
blieben« eine Fortsetzung zu schaffen und den Zu¬ 
sammenbruch des Kaiserreichs zu beschreiben. Be¬ 
wußt begrenzte Plievier diesen Roman zeitlich zum 
9. November 1918; die revolutionären Ereignisse 
bis 1920 sollte ein dritter Roman behandeln, an dem 
Plievier 1933 schrieb und dessen Manuskript auf der 
notwendig gewordenen Flucht (Das Mitteilungs¬ 
blatt Der Arbeitslose , FAUD Dresden, berichtet, 
daß Plievier in derselben Nacht wie Erich Mühsam 
verhaftet werden sollte und dem nur durch Zufall 
entkam) verloren ging. Deutlicher als in seiner 
späteren Serie »Stalingrad - Moskau - Berlin« ver¬ 
suchte Plievier in dcnhistorischcn Geschehnissen, 
die anarchistischen Elemente aufzuspüren. Den¬ 
noch druckte die Rote Fahne der KPD seinen ge¬ 
samten Text als Fortsetzungsroman ab, natürlich 
nicht ohne die Leser vorzuwarnen, daß der Roman 
nicht völlig gelungen sei, weil Plievier »die Rolle 
Karl Liebknechts nicht richtig hervorgehoben« ha¬ 
be. Darum freilich konnte cs dem ehemaligen Ma- 


spontancistischcn Elemente aufzuzeigen und be¬ 
schrieb den Verrat der Sozialdemokratie an der rc- 

I volutionärcn Sache, - insbesondere die Rollen Nos- 
kes und Eberts wie sie in keinem Geschichtsbuch zu j 
finden sind. Diese Passagen sind so eindringlich, 
daß man sic selbst heute kaum ohne Emotionen le¬ 
sen wird. Trotzdem beeindruckt der Roman keines¬ 
wegs wegen seiner Parteilichkeit; er besticht durch 
historische Details und Plieviers Anarchismus heißt 
nichts anderes als die Wahrheit suchen, einen Pro¬ 
zeß, eine Bewegung cinfangcn und sich auf die Mo¬ 


tivation einfacher Beteiligter zu konzentrieren. Ein 
Schlosser und seine Frau, der Maschinist Siilt und 
der Schlackcnzicher Primelsack, die revolutionären 
Obleute oder der Matrosenausschuß zeigen sich in 
ihrem Denken, ihrer Argumentation und Hand¬ 
lungsbereitschaft den SPD oder KPD-Mitglicdcrn 
und Funktionären überlegen, weil sie keine Parteili¬ 
nien zu verteidigen, keine Kehrtwendungen, Kom¬ 
promisse zu beschönigen haben. 

Plieviers politischer Standpunkt für die den Ro¬ 
man prägende Kritik an der Sozialdemokratie zeigt 
sich weitsichtig bzw. geradezu aktuell: 


>>Ein kaiserlicher Admiral hat Prinzipien . . . anders die Sozialdemokraten: Sie sind im Prinzip 
für den Frieden und dienen dem Krieg. Sie sind für die Beseitigung der kapitalistischen Gesell¬ 
schaft und dienen dem Kapitalismus! Sie sind für die Internationale der Arbeiterschaft und ha¬ 
ben ihre gesamte Presse in den Dienst der nationalen Propaganda gestellt Ihr Programm er 
strebt die freiheitliche klassenlose Gesellschaft, aber ihre Männer sind Bestandteil der Klas¬ 
senregierung. Um der Tagesvorteile willen tauschen sie ihre ursprünglichen Prinzipien gegen 
Machtpositionen im Staate aus Diesem Wesen seiner Partei ist Noske in Kiel vollendet gerecht 
geworden. In zwe, schnellen Sätzen hat er die oberste Machtposition erreicht. Es war eine Posi- 
uon von gestern schon ausgeschaltet und bedeutungslos, aber Noske befestigt sie wieder. Mit 
Ilüfe der revolutionären Matrosen und mit Hilfe der Offiziere, gegen die die Revolte gerichtet 
war. Eine Machtposition auf zwei so entgegengesetzten Kräften zu errichten - dazu gfhört die 
besondere Tradition und Schule der Sozialdemokratie. . . Diese Doppelstellung ist Grundlage 
der sozial emokratischen Macht und zugleich Ursache ihrer politischen Unfruchtbarkeit.« 


Plievier gelingt es diese Analyse mit lebendi¬ 
gen Szenen aus Kiel, Hamburg, Braun¬ 
schweig in einen Roman umzusetzen. Seine 
Auffassung scheint mir auch heute noch Gül¬ 
tigkeit zu besitzen; mit dem Unterschied, daß 
die Sozialdemokratie auf der Linken viel Kre¬ 
dit verspielt hat, den sie allerdings seit neue¬ 


stem mit der »Hegemonie«-Strategie a la 
Glotz, dem Friedens- und Anti-AKW-Imagc 
zurückzugewinnen versucht. Um die Macht 
zu erreichen, bedarf es der Integration grüner 
Wählerstimmen und des Vertrauens der In¬ 
dustrie. . . 



Theodor Plivier als Matrose 
der ,$.M.S. Fuchs', 1916. 




**3 



Die Weimarer Zeit 

Für ein uns heute nahezu verlorenes Ver¬ 
ständnis der kulturellen Rolle der Juden in 
der Weimarer Republik könnte Wilhelm 
Speyers »Das Glück der Andernachs« oder 
Egon Erwin Kischs »Geschichten aus sieben 
Ghettos« gelesen werden. Eine Chronik of- 
fentlichkcitswirksamer Themen von 1913 
1933 scheint uns CarI von Ossietzkys Sammel¬ 
band »Rechenschaft« zu liefern.Doch hier 
sind Vorbehalte angebracht: Es handelt sich 
um die Übernahme einer Auswahl aus dem 
Ostbcrliner Aufbau-Verlag, was noch nicht 
schlimm wäre, weil die DDR-Literatunv.s- 
scnschaft sich früher um (genehme) Antifa¬ 
schisten kümmerte als die der BRD. Aber als 
Herausgeber zeichnet der österreichische 
Altstalinist Bruno Frei. Frei »wählte« aus und 
er wählte so, daß er jeden parteiknt.schen 
Artikel Ossietzkys für weniger wichtig emp¬ 
fand und weglicß. Doch nicht nur das, er ba¬ 
stelte kräftig an einem m der DDR offiziellen 
Ossictzky-Bild, das mit dem eigentlichen un¬ 
abhängigen Kritiker nur noch eine Ähnlich¬ 
keit hat. Vergeblich sucht man deshalb Os¬ 
sietzkys Dcbütarlikel in der Weltbühne »Der 
plombierte Wagen« (April 1926), in dem Os- 
sictzky über die russisch-deutsche Geheimdi 
plomatie in Anspielung auf den Transport 
Lenins anmerkte: »Wird der Gespenster ar 
ren auf der Strecke Moskau-Berlin gesichtet, 
so gibt es regelmäßig eine betracht ic e au 
ßcnpolitischc Entgleisung.« Ossietzky wollte 
die Versöhnung mit Frankreich, nicht einen 
Pakt mit der UdSSR, also fehlen diesbezugh- 
chc Frankreich-Artikel völlig; erst recht feh¬ 
len Protcstartikcl gegen den stalimstischen 
Terror oder gegen die zeitweilige Allianz von 
KPD und NSDAP. Aber wer wollte von ei¬ 
nem Zensor auch Repräsentatives erwarten. 

Dennoch eine weitere Warnung - vor 
Freis Ossietzky-Biographie: in ihr spielt die 
KPD-Kampagne für Ossietzkys Befreiung 


Theodor Plivier - /Aktion Weltwende' (1923). 


aus dem KZ und seine Ernennung zum Frie¬ 
densnobelpreisträger eine wichtige Rolle; un¬ 
terschlagen wird dabei Willi Münzenberg, 
der alle Veranstaltungen organisiert hatte 
und der nach seiner Abweichung 1940 - kurz 
nach seiner Flucht aus dem KZ - erhängt auf¬ 
gefunden wurde. . . Einen ähnlichen Vorbe¬ 
halt sollte man zudem bei Gustav Reglers »Im 
Kreuzfeuer« machen: es ist Reglers (bzw. 
besser: der KPD) propagandistische Sicht der 
Saarabstimmung 1935, geschrieben zu einem 
Zeitpunkt, zu dem Regler die Politik der 
KPD noch in keinster Weise hinterfragte. 

»Von drei Millionen drei« ist hingegen 
Leonard Franks gelungener Versuch die Aus¬ 
wirkungen der Massenarbeitslosigkeit in ei¬ 
nem Roman einzufangen. 1932 veröffentlich¬ 
te Frank seine Geschichte dreier klassenbe¬ 
wußter Arbeiter (ein Schneider, ein Schrei¬ 
ber und ein Fabrikarbeiter), die zu Fuß 
Würzburg verlassen, um ihr Glück zu suchen. 
Ihr Weg führt sie nach Südamerika, wo sie 
zunächst Arbeit finden, bis die Weltwirt¬ 
schaftskrise mit einer Zeitverzögerung für 
noch katastrophalere Zustände sorgt als sie es 
in Europa bereits erlebt hatten. Der Schnei¬ 
der stribt und die beiden anderen geraten in 
einen - für die Lesenden äußerst vergnügli¬ 
chen - Straßenkampf. Obwohl es um eher na¬ 
tionale Ziele geht, beteiligen sich die Hafen¬ 
arbeiter und andere am Aufstand, in der 
Hoffnung, die begonnene Bewegung würde 
sich über ihre begrenzte Zielsetzung hinaus 
ausweiten lassen. Die beiden Arbeitslosen 
fühlen sich an revolutionäre Zeiten erinnert, 


werden von der Erregung gepackt und kämp¬ 
fen mit - bis sie zu ihrem Schrecken feststel¬ 
len, daß sie aus Versehen auf der falschen 
Seite der Barrikade gestanden hatten. Die 
»Revolution« siegte, 



»Neue Männer standen an der Spitze und führten die Geschäfte. An der Überfremdung durch 
das amerikanische und englische Großkapital war zwar nicht zu rütteln, und auch was denRest 
anbelangte, blieb alles unverändert: Exportzerfall, Arbeitslosigkeit, Teuerung. Aber durch die 
Stadt tobte die Begeisterung. Extrablätter . . . Freiheitslieder straßauf-straßab.« 













44 


Leonard Frank erweist sich nicht nur hier als 
geistreicher Zyniker. Als den beiden Pechvö¬ 
geln beim Verhör versehentlich das Geständ- 
! nis herausrutscht, sie seien doch Kommüni- 


Der aufziehende Faschismus 


Hier liegt der Schwerpunkt der schwarzroten 
Fischer-Reihe. Einbezogen werden der An¬ 
schluß Österreichs, die verschiedenen Flucht- 
( wege der Exilierten, der Widerstand in 
1 Deutschland, z.B. in Paui Zechs »Deutsch- 
I 1 Iand, dein Tänzer ist der Tod« und der Spani- 
i ; sehe Bürgerkrieg. Greifbar ist nun eine Ta- 
! ; sehen buch-Ausgabe von Alfred Kantorowicz 
| »Spanisches Kriegstagebuch«, das die Ge- 
j j schehnisse einer Interbrigade aus der Sicht ei- 
|! nes deutschen Kommunisten und Propagan- 
j | daoffiziers enthält. Kantorowicz schreibt 
| j dennoch lesbar und nüchtern; er selbst schien 
I auch die innerparteilichen Auseinanderset- 
i zungen und die russischen Schauprozesse 
| durch seinen Einsatz gegen den wirklichen 
! Feind verdrängen zu wollen; erst später sah 
! er die Widersprüche und trennte sich konse- 
j quent von der Partei. Ebenfalls in Spanien 
spielt Karl Oltens »Torquemadas Schatten«; 

! Otten schildert den - letzlich scheiternden - 
\ Widerstand der kleinen Leute auf der Insel 
i Mallorca gegen Faschisten und Militärs. Er 
liefert uns eines der wenigen Spanienbücher, 
die das autobiographische Erleben ganz in ei- 
| ! ne fiktive Romanhandlung umsetzten. Dies 
j j mag auch deshalb überraschen, weil Otten 
j zur Generation jener anarchistisch beeinflu߬ 
ten Expressionisten gehört, die durch Ge- 
| dichte, Dramen und literarische Manifeste, 
jedoch fast nie durch Romane ihre Vorstel¬ 
lung einer Verbindung von Kunst und Politk 
; zu verwirklichen suchten. 

Mit Spanien indirekt verknüpft ist die Lo¬ 
thringerin Adrienne Thomas , die den öster- 
| reichischen Sozialisten und Spanienoffizier 
i Julius Deutsch heiratete. Sie war mit ihrem 
| Roman »Die Katrin wird Soldat« als radikale 
| Pazifistin bekannt, wandelte sich jedoch un- 
| ter dem Eindruck der Nazibrutalitäten und 
| bekannte sich zur Notwendigkkeit des Krie- 
! ges gegen diese Form von Herrschaft. In ih- 
i rem Roman »Reisen Sie ab, Mademoiselle!« 
i schildert sie nach autobiographischen Erleb- 
j nissen den Einmarsch der Deutschen in 
| Wien, die ersten Judenpogrome und die Ohn¬ 
macht kommunistischer Arbeiter. Verbun¬ 
den mit einer Liebesgeschichte - böse Kriti¬ 
ker würden sie als naive Schilderung, wohl¬ 
wollende als »etwas fürs Herz« kennzeichnen 
• i - beschreibt sie die Flucht aus Österreich, Pa- 
i ris beim Einmarsch, die Internierungslager 
von Gurs und schließlich den Weg nach New 
York. Das Buch ergänzt die Informationen 
über die chaotische Emigrantensituation zwi- 
schenLager und Flucht in Frankreich wäh¬ 
rend des deutschen Vormarsches. Wer sich 
dafür interessiert sollte sich - außerhalb der 
Fischer-Reihe - die ausgezeichneten Erinne¬ 
rungen Lisa Fittkos »Mein Weg über die Py¬ 
renäen« (Hanser-Verlag) besorgen. 


sten, werden sie deshalb sofort ausgewiesen; 
auf langen Irrwegen gelangen sie zuletzt über 
Frankreich und die Schweiz zurück nach 
Würzburg. 


Erste - wenn auch für niemand die/der 
überleben wollte, letzte - Station der linken 
Emigranten war für viele Prag. Als Durch¬ 
gangsstation in die »sozialistische« Sowjetuni¬ 
on gedacht, erwies sich diese Hoffnung für 
die meisten als trügerische Illusion; die So¬ 
wjetunion zeigte sich wenig aufnahmefreu¬ 
dig. Alice Rühle-Gerstel, Psychoanalytikerin 
und zweite Frau des Rätekommunisten Otto 
Rühle, beschrieb ihren Weg nach Prag nach 
autobiographischen Erlebnissen. Im Herbst 
1932 mit Hilfe von Genossen aus der AAUE 
über die Grenze gegangen, im Roman ist es 


m 

m 


der Herbst 1934, wurde sie Mitarbeiterin des 
Prager Tagblatts und gelangte 1936 nach Me¬ 
xico. Im Roman nennt sie sich Hanna; als 
Kommunistin findet sie nur illegale Arbeit 
bei einer liberalen Tageszeitung Svoboda 
(Freiheit). Der Schwerpunkt liegt in der ge¬ 
nauen Beschreibung der Zeitungsarbeit, sie 
schildert den Versuch kommunistischer Ein¬ 
flußnahme und Intrigen und verdeutlicht die 
verschiedenen Linien in den KPs, die sich alle 
in gleicher Weise von Oppositionellen tren¬ 
nen und diese verleumden. Auch Hanna ver¬ 
liert durch diese Auseinandersetzungen ihren 
Job und löst sich endgültig von der Partei. 
Am Ende flieht sie zu Fuß, um über Öster¬ 
reich nach Frankreich zu gelangen; im Grenz¬ 
gebiet begegnet sie einem Grazer Schlosser, 
der sich am Februaraufstand beteiligt hatte 
und seinerseits - die umgekehrte Richtung 
wählend - in die Tschechoslowakei flieht. 

Alice Rühle-Gerstels »Umbruch« wird 
zum vieldeutigen Synonym: es steht für die 
konkrete Zeitungsarbeit - den täglichen Um¬ 
bruch der Seiten; für Hannas private und po¬ 


litische Beziehungen innerhalb der KP, für 
den politischen Umbruch den Hitlers Herr¬ 
schaft verursachte, die Orientierungslosigkeit 
der nun auch von Moskau verratenen Linken 
und zuletzt für den jederzeit möglichen Um¬ 
bruch der Alltagssitüation einer Exilantin. 
Alice betonte, daß sie ihren Roma n zugleich 
als Frauenroman verstanden wissen wollte 
und sah in ihrer Darstellung darüberhinaus 
den ersten deutschen Roman, der sich zu¬ 
gleich gegen Nazis und Stalinisten richtete. 
Veröffentlicht wurde dieser Roman jedoch 
nie; sie selbst - wie die Mehrheit der linksra¬ 
dikalen parteilosen Linken in der Emigration 
isoliert bis verleumdet - fand keinen Verle¬ 
ger. Sie vererbte ihren literarischen Nachlaß 
an einen Freund, Stephen S. Kalmar, der von 
Mexico nach Australien weiterwanderte und 
erst 1976 die Ruhe fand, den Versuch zu un¬ 
ternehmen, diesen Roman an einen deut¬ 
schen Verleger zu bringen. Mit der Fischer- 
Ausgabe liegt er nun seit 1984 zum ersten Mal 
gedruckt vor - und rechtfertigt schon deshalb 
die Existenz dieser faszinierenden Buchreihe, 
- für die laut Herausgeber auch Vorschläge 
weiterer Titel gemacht werden können. 


Bisher erschienene Titel: 

Theodor Balk: Das verlorene Manuskript 

Hans Beckers: Wie ich zum Tode verurteilt wurde 

Leonard Frank: Von drei Millionen drei 

Hermann Grab: Der Stadtpark 

Martin Gumpcrt: Der Geburtstag 

Alfred Kantorowicz: Exil in Frankreich 

Alfred Kantorowicz: Spanisches Kriegstagebuch 

H. W. Katz: Die Fischmanns 

Hans Kcilson: Das Leben geht weiter 

Alfred Kcrr: Die Diktatur des Hausknechts und 

Melodien 

Egon Erwin Kisch: Geschichten aus sieben Ghettos 

Heinz Licpmann: Das Vaterland 

Robert Lucas: Teure Amalia, vielgeliebtes Weib 

Konrad Merz: Ein Mensch fällt aus Deutschland 

Ernst Erich Noth: Weg ohne Rückkehr 

Rudolf Olden: Hitler 

Carl von Ossictzky: Rechenschaft 

Karl Otten: Torquemadas Schatten 

Theodor Plicvicr: Der Kaiser ging, die Generäle 

blieben * 

Gustav Regier: Im Kreuzfeuer 

Arnim L. Robinson: Die zehn Gebote 

Nico Rost: Goethe in Dachau 

Alice Rühlc-Gcrstel: Der Umbruch oder Hanna 

und die Freiheit 

Wilhelm Speyer: Das Glück der Andernachs 
Adrienne Thomas: Reisen Sie ab, Mademoiselle! 
Paul Zech: Deutschland, dein Tänzer ist der Tod 


DER KRIEG 



i »Sie stiegen hinab. Die Stadt wuchs entgegen, als griffe sie nach ihnen. Drei Männer kamen 
[ den Berg herauf. Alle drei trugen Rucksäcke und darüber geschnallt die korrekt gerollten Män- 
, tel. Blicke, fragend hinwegstreifend über die zwei barfüßigen Skelette. Sie waren vorüber. 

»Gespenstisch war das«, sagte Glasauge. »Gespenstisch! ... So sind wir damals losgegangen.« 
| Da kam der eine zurück. »Wo kommt ihr her?« »Wir waren nur ein Stückchen weiter oben, hin- 
] i ter dem Berg«, sagte der Schreiber und ging mit Glasauge weiter.« 













.Enc/i Mühsam 

Gedanken zu einer Biografie Christlieb Hir- 
tes 

»Brich Mühsam, Ihr seht mich nicht feige.« 

von Arno Nühm (DDR) 

Es ist nun schon fast ein ganzes Jahr her, daß 
das Buch in den Buchhandlungen lag. Also 
nicht von Brandneuem ist hier die Rede, eher 
ist es Schnee von gestern. Das Interesse an 
dem Buch war relativ groß. Ein Ladenhüter 
war cs nicht. Viele haben es gelesen und sich 
ein Urteil gebildet. Der Kreis der Unzufrie¬ 
denen und Trotz-allem-Enttäuschten wird 
der wesentlich größere sein. 

Ein Bild von diesem Mann, von Erich 
Mühsam, war auch schon vor dem Erschei¬ 
nen der Biografie da. Hin und wieder sind in 
verschiedener Form Teile und Fragmente sei¬ 
nes Werkes erschienen. Mühsam steht mit 
seinem Werk in der Tradition der deutschen 
sozialistischen Literatur. Als proletarisch-re¬ 
volutionärer Schriftsteller hat er zwar für 
DDR-Litcraturwissenschaftler und -Kultur- 
bonzen seine Ecken und Kanten, individuali¬ 
stische Makel und seinen unreifen Radikalis¬ 
mus, kurz er ist Anarchist, aber auch das läßt 
sich entsprechend interpretiert, angemerkt 
und in Vor- und Nachworte gepreßt, noch 
drucken und veröffentlichen, d.h. Mühsam 
läßt sich teilweise entschuldigen. Das, was 
nicht in das zweckdienliche marxistisch-leni¬ 
nistische Einheitsgeschichtsbild paßt, wie die 
kritischen satirisch und sarkastischen Fanal- 
Artikel zur Entwicklung der KPD und der 
Sowjetunion zum Beispiel, sind nicht Müh- 
sams Wertvollstes, also unwichtig und wer¬ 
den kurzerhand nicht gedruckt. So auch »Die 
Befreiung der gesellschft vom Staat«, ». . . 
diese Schrift mit ihrem verfehlten theoreti¬ 
schen Anspruch . . .« (vgl. Biografie S.429). 
Ein Urteil überläßt man also nicht der immer 
beschworenen sogenannten »allseitig gebilde¬ 
ten sozialistischen Persönlichkeit«. Was wert¬ 
voll ist, entscheidet das Wahrheits- und Kul¬ 
turministerium der demokratischen Repu¬ 
blik. 

Anders ist das mit den Gedichten, den 
Stücken und den »Unpolitischen Erinnerun¬ 
gen«, die auch seinerzeit ohne Probleme er¬ 
scheinen konnten. Auch seine Prosaversuche 
sind verträglich und bilden kein unüberwind¬ 
liches Hindernis für die Verlage. Eine Über¬ 
raschung war es, daß die Streitschriften Müh- 
sams im vorigen Jahr erschienen sind, was si¬ 
cherlich dem Einsatz Hirtes zu danken ist. 

Mit all dem schon Vorhandenem und Ge¬ 
lesenem war trotz des Wissens um die Mög¬ 
lichkeiten eine gewisse Erwartungshaltung 
da, die zumeist enttäuscht wurde. 

Das Buch ist, wenn auch vieles überzogen 
dargcstellt ist und anderes bewußt unerwähnt 
blieb durchaus lesenswert. Es empfiehlt sich, 
bevor man ein voreiliges Urteil abgibt, daran 
zu denken, daß das (Mach-?)Werk in det 
DDR geschrieben und gedruckt wurde. Das 
schließt ein, daß cs so geschrieben werden 
mußte, damit es gedruckt werden konnte. 
Das Buch erhebt nicht den Anspruch auf ge¬ 
hobene Wissenschaftlichkeit, sondern ist in 
seiner Form für einen breiten Leserkreis be¬ 
stimmt. Hirte hat das Machbare versucht. 
Das heißt auch, er hat die Toleranzen gete¬ 
stet. Das heißt weiter, er hat Kompromisse 
Angehen müssen. Er hat akzeptiert, denn das 
Buch liegt vor und das heißt, daß er das was 

an Erich Mühsam interessant und wichtig 
ist, im Buch auch zum Ausdruck gebracht 
hat. Man erkennt am Aufbau, an den Propor-, 


tionen, wo er die Prioritate 
scheinend Mühsams Kindhe 
prägter Vaterkonflikt in de 
seines Lebens für Hirte vor 
erBedeutung. Mühsam ist 
einer der nicht im Strom 
schwimmt. Er ist ein Untyp 
Hirte fragt wodurch er zu 
dem psychoanalytischen Sc 
ist zum Greifen nahe) konz< 
diesen Lebensabschnitt M 
wendet runde achtzig Seit 
wenig vorsichtig — warum 
scheint es als würde Hirte z 
wandt sagen wollen: Ätsch 
chismus geht doch nicht. 

Trotz vieler Fakten ur 
wirkt vieles konstruiert und 
läuft das Buch hier Gefahr- 
- den Leser zu langweilen. I 
ren wirkt mitunter penetrai 
überhaupt besonders prob 
Insbesondere für die DDR 
hier ist die Psychoanalyse 
Gebiet der Verarbeitung 
noch Neuland. 





Ach, ihr Seelendreher 

Ach, ihr Seelendreher, 
ach, ihr Geisterseher, 

| kluge Psychologen! 

Euch kommt angeflogen, | 
was wir nie ergründen: 
unsere dunklen Sünden, 
unser Weh und Ringen, 
unser Träumen, Singen, 
unser Kämpfen, Gären 
wißt ihr zu erklären. 


’blematisch zu sein. 

1 ll. 1 m 

hm ■.... 11 fei ■ - p.. m. 

: $. si \ I 


PROF. P P RIMI 


Es entsteht 
solle mit Hobbypsychoanal 
gegen Anarchismus gearbc 
hinplätschernder Psycho-Di 

Ein Bruch, selbst im St 
das Kapitel: Anarchie odei 
die Macht! Schade, denn c 
Buch noch ein Maß an Niv 
längerer Zeit gibt es hier ii 
das Buch von Bruno Frei »] 

Utopie«. Man kann mit Siel 
gehen, daß der Biograf sei 
entnommen hat. Damit hat 
ne Menge Arbeit, die erfo 
die Ideengeschichte des A 
anzueignen und zweitens de 
ger deswegen mit den entscl 
tionen gespart. So konnte 
handens zarückgreifen. Un 
ist eine Mischung aus flac 
Politjournalismus, tenden: 

Stellung und geradezu läcl 
parteikommunistischer 
Über anarchistische Inhalt 
sagt. Schade zwar - aber wi< 
ders sein? 

Was wäre wohl der Lite 
den Anarchisten Mühsam oder auch umge¬ 
kehrt der Anarchist Mühsam ohne den Lite¬ 
raten Mühsam? - Ja, stehend auf zwei Gäu¬ 
len reitet er durch sein Stück Weltgeschichte. 
Und wenn man ein Bild vom Leben dieses 
Mannes zeichnen will, ohne die Gäule, auf 
denen er steht, durchzuzeichnen, hängt das 
Bild bestenfalls schief-sein Ritt, sein Leben 
bleibt undeutlich! 

Ich denke, man sollte diese etwas ver¬ 
krampfte, aber nicht unansehnliche Skizze 
kritisch aufnehmen in die Reihe der Versuche 
ein Leben zu ergründen, das so leicht nicht zu 
ergründen ist. Anarchismus läßt sich nur er¬ 
messen von der dem Leben aufgeschlossenen 
Seele, die das kleine Maßmessen nicht kennt. 
Bliebe noch zu sagen, daß das Buch , zwar 
nicht durchgängig aber sonst in einem lesbar¬ 
lockeren Stil geschrieben ist. 

Brüderliche Grüße von hier! 



Ihr kennt wohl Bescheid 
tief in unserm Leid. 

Ängsten uns die Hexen, 
sprecht ihr von Komplexen.! 
Starren aus den Ecken 
atzen, die uns sehr« -cken, 
quält uns Gott und Satan, 
gleich rückt euer Rat an, 
und prophetisch-pythisch, 
psychoanalytisch 
sucht ihr krumm und grade 
unsre Seelenpfade. 

Eure Worte alle: 
eine Mausefalle, 
uns mit Speck und Brocken 
aus uns selbst zu locken. 

Eure Lehrergesten 
soDen die Gebresten 
unserer Seelen meistern. ■ 



1 Dringt mit euren Geistern, 

I seid ihr noch so weise, 
nicht in unsre Kreise! 

Haltet euch bescheiden 
hinter unsm Leiden! 
Schleicht nicht wie die Diebe 
uns in Haß und Liebe! 

Sonst kann sich’s begeben, 
daß wir uns beleben, 
daß sich unsre Hemmung, 
Sperrung und Beklemmung 
plötzlich eurer wehrt 
und euch fliegen lehrt, 
werte Psychologen, 
in graziösem Bogen. 


mm i 


ÜB 


SK 
\ 




Erich Mühsam 

(aus: Wüste, Krater, Wolken 1914) 























46 



i Bücher 

i 

;i 

1 1 Eine Hommage an Erich Mühsam schrieb U.E.G. 
j Schröck. Das Heft enthält einen fiktiven Monolog 
und eine Rciscbcschrcibung zu Erich Mühsams 
| ' l Grab auf dem Waldfricdhof in Berlin-Dahlem. Ver- 

I, lag Bieber, PF 150402, 2800 Bremen. 


\ [ Anarchistische Schulverstiche - nach welchen Theo¬ 
rien und Methoden wurde vorgegangen? Entsprach 
i ■ die Praxis und der Alltag den hochgesteckten Verän- 

![ derungsabsichtcn? Hans-Ulrich Gründer versucht 

diese Fragen in Theorie und Praxis anarchistischer 
j ; Erziehung zu behandeln: Dokumentiert werden die 
ji Beispiele des Waisenhauses in Cempuis von Paul 
! | Robin (1880), der Kommune-Schule La Ruche von 
Sebastien Faurc (um 1910) und der EcolcFcrrcr von 
j Jean Wintsch in Lausanne (bis 1919). Gründer gibt 

j die Lebensumstände der Initiatoren, den histori¬ 

schen und pädagogischen Hintergrund der Experi- 
I mente wieder und diskutiert die Erneue rungsansät- 

j| zc. (175 S.; 20.-DM) Bezug: Trotzdem-Verlag, PF, 

| 7031 Grafenau-1. 

j 

Anarchismus und Bildung heißt eine neue Fachzeit¬ 
schrift für libertäre Pädagogik. Herausgegeben von 
Ulrich Klemm und Thomas Roscnthal. Heft 1 (Juli 
86,110 S., 9.-DM) stellt bereits veröffentlichte Bei¬ 
träge unter dem Schwerpunkt »Anarchismus und 
Pädagogik« neu zusammen und ergänzt diese durch 
zwei Artikel über Freie Schulen der Gegenwart und 
Buchbesprechungen. Verlegt wird das ganze in dem 
ebenfalls neuen Verlag »edition flugschriftcn«; wir 
wünschen den Neueinsteigern viel Erfolg und hof¬ 
fen auf die »Wende«, nachdem in den letzten Jah- 
|! ren mit dem AHDE-Vcrlag, dem Winddruck-Vcr- 
| lag, dem Verlag Freie Gesellschaft Frankfurt, dem 
Laubfrosch-Buchvcrtricb mehr anarchistische Ver- 
| läge »zugemacht« haben, als neu entstanden sind 
| und Verlage wie Impuls, Bremen oder Büchse der 
Pandora, Wetzlar verstärkt nicht-anarchistische Ti- 
| tcl publizierten. Kontakt: edition flugschriftcn, 

j Straßburgwegl9, 7900 Ulm. 


Den kommunistischen Widerstand im 3.Reich be¬ 
handelt eines neues Buch von Beatrix Herlemann 
Auf verlorenem Posten (312 S., 48.-DM). Aus dem 
niederländischer^ Exil zurückgcschlcustc Funktio¬ 
näre der KPD unter Leitung des ZK-Mitglicds Wil¬ 
helm Knöchel versuchten 1942 ein Jahr lang, illega¬ 
le Flugschriften, kleine Plakate und Zeitungen 
(»Der Friedenskämpfer«, »Ruhr-Echo«, »Frei¬ 
heit«) herauszubringen und Kontakte zu Rüstungs- 
bctricbcn hcrzustcllcn. 1943 gelangte diese Gruppe, 
die nach den Widcrstandsanlcitungcn der Komin- 
‘ tern zu handeln versuchte, an ihre Grenzen und flog 
auf. Beatrix Herlemann diskutiert anhand dieser 
Gruppe die zentrale These der DDR-Gcschichts- 
schrcibung, die Parteileitung habe während des 
Krieges den Widerstand ihrer Basis in Deutschland 
angclcitct; sic untersucht die Haftbedingungen, 
nicht zuletzt um existierenden Verleumdungen 
(Verrat) und Glorifizierungen (Helden, Märtyrer) 
mit der historischen Wahrheit beizukommen. Be¬ 
zug: Verlag Neue Gesellschaft, Pf 200 189, 5300 
Bonn-2. 


Schletti heißt der Erstlingsroman des schweizer An¬ 
archisten Hans Rudolf Hess (128 S., 27.-DM). Ein 
Kunde betritt ein Antiquariat, der Antiquar ent¬ 
schwindet zwischen den Regalen um das gewünsch¬ 
te Buch zu holen; seine Schritte entfernen sich, wei¬ 
ter und weiter ... bis: der Antiquar aus dieser unse¬ 
rer Welt verschwunden ist. 

Ein Journalist wird auf die »heiße Story« angesetzt 
und findet bei seinen Recherchen heraus, daß sich 
Schlettis Freunde scheinbar gar nicht wundern, cs 
geradezu natürlich finden. Auf der Suche nach 
Schlettis Persönlichkeit findet er bei ihnen eine Hal¬ 
tung, die vorhandene Wirklichkeit als manipulative 
Wirklichkeit in Frage stellen, eine Erklärung ergibt 
das selbstverständlich noch nicht; verstört sucht er 
weiter und rekonstruiert einen Staatsfeind, einen 
der schon immer protestiert hatte und zuletzt - als 
Altgenossc - auch bei den Züricher Unruhen der 
frühen 80er zu finden war. Als der Journalist einen 
Zipfel der Wahrheit verstehen lernt, wird er selbst 
an »dieser unserer« sogenannten Wirklichkeit irre. 
Schletti liest sich in einer Nacht und man/frau ist 
morgens gut erholt! 

Bezug: Verlag Zytglogge , Eigerweg 16, CH-3073 
Gümlingen 


Im Pazifik liegen nicht nur die wichtigsten Tcstgcbic- 
tc für Raketen- und Nuklcarwaffcn, dort findet auch 
ein gigantischer militärischer Aufmarsch statt. Der 
Traum von der Flucht in die Südscc, nach Bikini und 
Muroroa bereits kräftig angeschlagen, dürfte end¬ 
gültig als Illusion entlarvt sein, besieht man sich die 
dortige Nach- und Nachnachrüstung genauer. Die 
Militarisierung des Pazifik stellt bisher schwer zu¬ 
gängliche Texte erstmals auf deutsch zusammen. 
Bezug: iz3w, Aktion Dritte Welt, PF5328, 7800 Frei¬ 
burg 


Almanach 85/88 des Karin Kramer Verlages erschie¬ 
nen (224 S.,, 18.-DM); u.a. mit einem sehr lesens¬ 
werten Artikel Peter W. Jansens über »Bunuel: In¬ 
dustrie und Anarchie«; einem Verzeichnis aller Kra¬ 
mer-Titel, einem Forschungsbericht Ursula Tjadens 
über den andalusischen Maler Helios Gömez etc. 
Bezug: Karin Kramer Verlag, Braunsch weigerst r. 
26,1000 Berlin-44. 


Ökonomie und Revolution neuaufgelcgt: nachdem 
das Buch Abad de Santilläns und Juan Pcirös beim 
Kramer-Verlag lange vergriffen war, ist es jetzt von 
dem Wiener Monte Verita-Verlag neuediert wor¬ 
den. Es handelt sich um historische Texte zur Öko¬ 
nomie, bezogen auf die Situation Spaniens um 1930. 
Das Buch analysiert die Aufgaben, die sich der 
CNT vor der Spanischen Revolution stellten und 
gibt somit einen hervorragenden Einblick in die Lö- 
sungsansätzc, die erarbeitet wurden. Weil davon 
auch heute zu lernen, die Modelle teilweise über¬ 
tragbar sind und weil in anarchistischen Kreisen das 
Thema Ökonomie bisweilen im Marx’schen Schat¬ 
ten stiefmütterlich behandelt wird, wird das Buch 
zur anregenden Lektüre. Bezug: direkt beim SF; 
und natürlich auch: Verlag Monte Verita, Löwengas¬ 
se 31, A-1030 Wien. 

Daß weitere Spanienbücher zum Jubiläumsjahr er¬ 
scheinen ist erfreulich und wir sollten sie nützen, 
denn sic verschwinden in den nächsten zwei, drei 
Jahren sicherlich wieder für lange aus den Regalen 
»guter Buchhandlungen« und den Programmen »se¬ 
riöser bürgerlicher« Verlage. 















Als Taschcnbuchausgabc bei dtv, München ist nun 
Andre MaIraux:Die HofTnung greifbar (470S., 
16,80 DM). Der französische Schriftsteller flog 
selbst Luftwafffcncinsätzc auf Seiten der Republik 
und veröffentlichte seinen Roman bereits 1937. Ob- 
wohl Malraux Sympathisant der Kommunisten war, 
ist er doch Schriftsteller genug, um lebendige und 
wirklichkeitsnahe Dialoge zwischen Anarchisten 
und Kommunisten in seinen Roman cinzubaucn; er 
verschließt sich dem »anderen« Denken nicht und 
wird so fähig Szenen zu überliefern, wie etwa den 
Wunsch nach dem Aufgchcnlasscn der Persönlich¬ 
keit im anarchistischen Kollektiv, das selbst heutige 
Anarchisten kaum noch wirklich nachempfinden 
können. Bei Malraux findet sich eine Stelle von un¬ 
bekannten Milicianos in Gräbern: auf dem Holz 
stand lediglich »FAI« oder »CNT« und der Anar- 
chist benutzt das Beispiel um gegen den Propagan¬ 
darummel der Kommunisten anzudiskuticrcn. Sicht 
uian sich heute die Photos aus dem Spanischen Bür¬ 
gerkrieg an und freut sich über die Lebendigkeit, 
die sic ausstrahlcn, vergißt man leicht, daß die An¬ 
archisten sich damals häufig geweigert haben, sich 
hinter der Barrikade fotographicrcn zu lassen. Erin¬ 
nert sei auch an die zahllosen anarchistischen Lieder 
ohne Autor, an Bücher von Autorenkollektiven 
oder an Intellektuelle, denen plötzlich ihre Biogra¬ 
phie unwichtig wurde, weil nur die »Sache« spre¬ 
chen sollte. 


Zum Spanien-Thema: Auf den oberflächlichen Mist 
im SPIEGEL brauchen wir wohl nicht hinzuweisen? 
Wehren kann sich mcnsch da auch nicht recht, denn 
Leserbriefe dürfen bekanntlich nur die Länge eines 
Satzes haben. Deshalb kontern wir gleich mit zwei 
Broschüren: Die eine enthält eine Kurzbcschrci- 
biing aller anarchistischen (und darum herum angc- 
s icdcltcn) Spanicnbüchcr. Anzufordern bei: Auro- 
r A-Vertrieb (dem Regenbogen-Nachfolger , was die 
Zl( sammengeblicbcnen Verlage betrifft), Knobels- 
d°rffstr.8, 1000 Berlin-19. Die andere enthält Kurz- 
bcsprcchungcn aller aufdem deutschen Buchmarkt 
greifbaren Spanienbücher! Bezug: Der andere buch- 
bulen, Ziilpicherstr. 197, 5000 Köln-41. 

Wolfgang Haug 


Franz Borkenau 
Kampfplatz Spanien 
Klett-Cotta 1986 
372 Seiten, DM 34,— 

Nach 48 Jahren ist Borkenaus ”The 
Spanish Cockpit“ endlich auf 
deutsch erschienen. Als Korrespon¬ 
dent einer britischen Zeitung be¬ 
reiste er zweimal das republikani¬ 
sche Spanien während des Bürger¬ 
kriegs. Sein Schwerpunkt ist der 
politische Konflikt, besonders 
zwischen Anarchisten und Kom¬ 
munisten, zwischen dem revolu¬ 
tionären und dem nichtrevolutio¬ 
nären Prinzip. Sein Fazit: nur eine 
öffentliche Diskussion hierüber 
hätte zu einer einheitlichen Stra¬ 
tegie und einer breiten revolutio¬ 
nären Bewegung führen können, 
die imstande gewesen wäre, die 
Konterrevolution auch ohne die 
militärische Hilfe der Sowjetunion 
vernichtend zu schlagen. So aber 
wurden durch die Internationali¬ 
sierung die spanischen Kräftever¬ 
hältnisse erheblich umgeformt. 
Borkenaus offene Kritik an allen 
Organisationen bringt ihn selbst in 
Gefahr: überstürzt muß er Spanien 
verlassen, um den stalinistischen 
Terrormethoden zu entgehen. Ins¬ 
gesamt ein wichtiges und spannen¬ 
des Dokument mit interessanten 
Aspekten und Thesen. 

Marianne Kröger 


□□DDDDDODDDDDQ 


Die erste lokal ansetzende Untersuchung zum Zu¬ 
sammenhang Spanischer Bürgerkrieg - Militär im 
Deutschen Reich hat der Arbeitskreis Rcgionalgc- 
schichtc aus Neustadt/Rbge. (nördlich von Hanno¬ 
ver) im Herbst 1984 vorgclcgt. Die Untersuchung 
war das Anschlußprojekt an die Arbeit »Neustadt 
1933-1945«, in der das Kapitel Militär in Neustadt 
zu kurz weggekommen war. Untersuchungen über 
den Spanischen Bürgerkrieg, über die Legion Con- 
dor und literarische Verarbeitungen des Spanischen 
Bürgerkriegs gibt cs reichlich, jedoch fehlten und 
fehlen Untersuchungen, die als Ausgangspunkt den 
eigenen Ort haben. Erhebliche Diskussionen unter 
der Bevölkerung - ein wichtiges Ziel rcgionalge- 
schichtlichcr Arbeit - löste das Buch aus, als im 
Herbst 1985 der Fliegerhorst Wunstorf sein sog. 50- 
jähriges Jubiläum feierte, obwohl im Jahre 1934 die 
Bauarbeiten begannen, 1936 die Fahne überreicht 
wurde und Wunstorf 1937 erst Garnisonsstadt wur¬ 
de. Die fünf Autoren stellen eingangs den Aufbau 
des Fliegerhorstes einerseits und die Entwicklung 
zum Spanischen Bürgerkrieg, die Interessen der 
verschiedenen Beteiligten und den Verlauf anderer¬ 
seits dar. Ergänzende Kapitel sind Litcraturhinwci- 
sc zum Wcitcrlcscn und »Der Bürgerkrieg in der Li¬ 
teratur. Kernstück der Arbeit ist der Nachweis des 
Zusammenhangs Spanien-Wunstorf. Im Militärar¬ 
chiv Freiburg wurden Berge von Akten gesichtet 
und ausgewertet. Personalsten, die mit dem Zähl¬ 
datum und dem Stammtruppenteil versehen waren, 
ergaben, daß ein erheblicher Teil der Flugzeugbe¬ 
satzungen im Spanischen Bürgerkrieg in Wunstorf 
stationiert waren. Gernika, die eigentliche Haupt¬ 
stadt der Basken, wurde auch von Wunstorfern 
bombardiert. Pikantes Beispiel deutscher Gründ¬ 
lichkeit ist eine Gräberkartei in Spanien Gefallener 
- mit Grabsteinfoto und Kartenskizze. Ein in Boke- 
loh Begrabener Condor-Angehöriger ist auch dar¬ 
unter. 

Entscheidend für die Arbeit des AK Regionalgc- 
schichte ist (...), daß, wie die Erfahrungen des bun¬ 
desweiten VercinsGeschichtswcrkstatt zeigen, 
durch lokale Ansätze vielen ein Zugang zur eigenen 
Geschichte und der Verwobenheit der örtlichen Ge¬ 
schichte mit der Landes- oder ggfs. Weltgeschichte 
erst möglich gemacht werden kann. Bezug: AK Re¬ 
gionalgeschichte Neustadt: Fliegerhorst Wunstorf 
1936-1939, Hannover: Aurora 1984 , ISBN: 3- 
923296-04-5,180S., 14,80DM 


Stefan Weigang 





4B 



Bei der Edition Nautilus ist ein weiterer Band der 
Gesamtwerke Franz Jungs (vgl. Beitrag in SF-21). 
»Sprung aus der Welt - Expressionistische Prosa, 
Franz Jung, Werke 8 . Enthalten sind: Das Trottcl- 
buch, Kameraden...!, Sophie - Der Kreuzweg der 
Demut, Opferung, Der Sprung aus der Welt, Gott 
verschläft die Zeit. 

Der Band umfaßt Jungs widersprüchlichste Tex¬ 
te - eine vielfältige Bewegung der Sprache und eine 
schonungslose Offenlegung innerer Vorgänge und 
äußerer Realität - geschrieben zwischen 1913 und 
1920. Die expressionistische Prosa, Literatur aus 
dem verzweifelten Aufbruch einer Generation, die 
mit ihren Hoffnungen und Utopien auf Granit 
prallt. Spöttisch und cmfindsam zugleich richtet sich 
Jungs Wut nicht so sehr nach außen - als vielmehr 
nach innen. 

»Jung erzählt cs wie einer, der keine Luft hat, den 
Schwindel weiter mitzumachen, dem das Elend 
längst über den Kopf gewachsen ist, für den cs keine 
andere Lesung gäbe, als die Welt in die Luft zu 
sprengen - wenn die Liebe nicht wäre -« (Jurt Ke¬ 
sten, in: Börsen Curicr Nr. 13 vom 8:1.1922) 

Herhy Sachs 


Der Arbeitskreis der Bundesfachschaftstagung Bio¬ 
logie hat eine 120 S. umfassende Broschüre zur 
Gentechnologie hcrausgcgcbcn. Sic enthält interes¬ 
sante Artikel u.a. zu Gcntcchnologic und Geschäft, 
Gcntcchnologic für den Krieg, Humangcnctische 
Beratung, Forschungs- und Tcchnologicpolitik, 
Schadstoffabbau, Landwirtschaft und Gcntcchnolo- 
gie, Medikamente für den Pharmamarkt sowie Bei¬ 
träge zu Ethik und Gcntcchnologic, Gen-GAU und 
Gengesetz. Difc Artikel wurden durchweg von Fach¬ 
leuten geschrieben, was sich in der Sprache nieder¬ 
schlägt. Dennoch ist die Broschüre zum Verständnis 
dessen, was Gcntcchnologic umfaßt, geeignet, da 
sic trotzdem verständlich bleibt. Bei jedem Artikel 
werden zudem alle Behauptungen belegt, so daß 
diese nachprüfbar sind, was in Diskussionen oder 
bei einer intensiveren Beschäftigung mit verschie¬ 
denen Themen recht sinnvoll ist. 

Im Anhang finden sich noch Adressen verschie¬ 
dener Institutionen, bei denen ebenfalls Informatio¬ 
nen zum Thema erhältlich sind oder die an diesen 
und damit verwandten Themen arbeiten - an erster 
Stelle steht sinnigcrwcisc das Bundesministerium 
für Forschung und Technologie (BMFT)! Dennoch 
ist auch dieser Anhang durchaus brauchbar, da 
mehrere Adressen angegeben werden, die sich kriti¬ 
scher als das BMFT mit diesem Thema befassen." 
Bezug: Claudia Heid, Zähringerstr. 358, 7800 Frei¬ 
burg, Preis: 7.-DM + 1,50DM für Verpackung!Por¬ 
to. 

Franz-Josef Marx 



heft-Sommerheft-Sommerheft-Sommerheft-Sommerheft-Sornmerhe 

Graswurzel revolution 

Sf' SPANIEN 1936 

ANARCHIE AUF DEM PRÜFSTAND 

WEITERE 0 Anti-AKW-Bewegung 

THEMEN 0 Widerstand und Gewalt 

0 Marsch f. Entmilitarisierung 

BEILAGE Graswurzelcamp im Hunsrück 

Bezug: GWR, Nernstweg 32,2000 Hamburg 50 
40 S. / 3 + 0,80 DM in Briefmarken 

ft-Sommerheft-Sommerheft-Sommerheft-Sommerheft-Sommerheft 



Michel Foucault 
Freiheit und Selbstsorge 

Interview 1984 und Vorlesung 1982, 

84 Seiten, Pb, 14,80 DM. 

Foucaults Vorlesung entwirft sein 
zuletzt geschaffenes Theorieelement: 
die Subjektkonstitution. Mit ihr soll 
sich das Subjekt in die Lage versetzen, 
eine Freiheitspraxis zu entfalten. Sie soll 
es, wie Foucault im Interview erläutert, 
ermöglichen, die Diskurspraktiken 
und die Machtdispositive richtig zu 
benutzen, um den Herrschaftssitu- 
ationen widerständig und wirksam zu 
begegenen. 


Dieses kleine Buch zeigt die Per¬ 
spektiven und die Konsequen¬ 
zen auf, die sich uns aus Fou¬ 
caults neuer Theorie auftun. 


Eva-Maria (Hg.) 
deFloration - entBlütung 

Autobiografisches zu einem weiblichen 
Thema, 186 S. Pb, 24,80 DM. 

„Das Buch fordert die Diskussion neu 
heraus. Es enhält die deutlichsten, die 
direktesten und die ehrlichsten Aus¬ 
sagen diesem Thema, von dem wir so 
gerne hätten, daß es keines mehr sei... 
Kaum eine der 15 Erzählungen enthält 
nicht... dieses mit der Defloration ver¬ 
bundene Gefühl der Schuld. Meist den 
Eltern... gegenüber... Das schlechte 
Gewissen, die Angst vor ungewollter 
Schwangerschaft trotz Verhütung... 
aber das frappierendste: vollständiges 
N icht-Verstehen der Partner... mit 
denen keine Kommunikation... über 
Ängste und Sehnsüchte möglich 
scheint." Ingrid Feilhauer, in: 
Communale, Heidelberger Wochen¬ 
zeitung 20/86 

Axel Schulte, Monika Müller, 
Jan Vink u.a. 

Ausländer in der 
Bundesrpublik 

Integration, Marginalisierung, Identität 
168 S. PB mit 20 Fotos, 24,80 DM. 

Das Buch empfiehlt sich als ergän¬ 
zende Sachbuchlektüre zu „Ganz 
unten" von Wallraff. Dort, wo Wallraff 
schon den Boden bereitet hat, können 
die Beiträge dieses Buches zu einer 
umfassenden Information der verschie¬ 
denen Aspekte der Ausländerproble¬ 
matik genutzt werden. Die Themen, die 
aufgeblättert werden, sind: Ausländer¬ 
beschäftigung, Ausländerpolitik, Frem¬ 
denhaß und Fremdenliebe, Internatio¬ 
nale Solidarität im Betrieb, die Wohn- 
situation von'Ausländern, Rückkehr der 
Arbeitsemigrahten, die türkische Fami¬ 
lie in der Bundesrepublik. 

Materialis 

Rendeler Str. 9. 6000 Frankfurt 60, 

Tel. (069) 450882 + 655265 










Anarchismus und 


Stichpunkte einer Menschenrechtsbewegung 

1975 sorgte Ekkehard von Braunmühl mit sei¬ 
nem Buch »Antipädagogik - Studien zur Ab¬ 
schaffung der Erziehung« für Unruhe und 
Aufregung im Lager der Profi-Pädagogen und 
Eltern. Gegen Ende der 70er Jahre folgte im 
Anschluß daran eine breite Diskussion um die 
Kinderrcchtsbewegung in der Bundesrepu¬ 
blik, die stark mit Hubertus von Schoenebeck 
und dem von ihm mitgegründeten Förderkreis 
»Freundschaft mit Kindern c.V.« (gegr. 1978) 
verbunden ist. Dieser Bewegung geht es um 
ein neues Verständnis der Eltcrn-Kind-Bezic- 
hung und sic versucht unter dem Stichwort 
»unterstützen statt erziehen« das traditionelle 
erzieherische Denken zu überwinden, das sie 
als eine Vergewaltigung der kindlichen Per¬ 
sönlichkeit betrachtet. 


Antipädagogik 


von Ulrich Klemm 


Ausgangspunkt für diese Initiative sind für 
H.v. Schoenebeck vor allem das »Children’s 
Rights Movement« (- wie es in den 70er Jah¬ 
ren in Nordamerika entstand und mit Autoren 
wie John Holt, Richard Farson oder Allen 
Grauhard verbunden ist -), E.v. Braunmühls 
Ansatz der Antipädagogik sowie Car! Rogers 
personenbezogen-therapeutischer Ansatz auf 
der Grundlage der Humanistischen Psycholo- 

gie. t .. 

Diese Bürgerinitiative muß, wie die Öko-, 
Friedens- und Dritte-Welt-Bewegung, eben¬ 
falls zu den »neuen sozialen Bewegungen« ge¬ 
zählt werden. Es geht ihr primär um eine neue 
Sicht der Kindheit (Kind-sein), d.h. um die 
Befreiung der Kinder aus Zwang, Unterdrük- 
kung und Bevormundung durch Erwachsene. 
In diesem Sinne spielt denn auch der politi¬ 


sche Aspekt - die Verwirklichung von Kinder¬ 
rechten - eine dominante Rolle, wobei die 
Aussage der Kinderrechtsbewegung »jedoch 
nicht auf die Ausführungskompetenz, son¬ 
dern auf die Entscheidungskompetenz« der 
Kinderzielt (H.v. Schoenebeck, 1981, S. 4). 

Im engen Zusammenhang damit steht auch 
ein neues Menschenbild, welches der verän¬ 
derten Eltern-Kind-Beziehung zugrunde ge¬ 
legt werden muß, um den »pädagogischen Be¬ 
zug« als Axiom erzieherischen Handelns zu 
überwinden. Es gilt nicht mehr, daß der 
Mensch ein zu erziehendes Wesen ist (homo 
educandus), sondern daß das Kind fähig ist, 
von Geburt an »das eigene Beste selbst zu spü¬ 
ren« (H.v. Schoenebeck, 1985, S. 19). Der 
Erwachsene hat demnach nicht das Recht, 
qua Alter, Überlegenheit und Lebenserfah¬ 
rung, über das Kind zu bestimmen; »dem Er¬ 
wachsenen bleibt die Aufgabe, die vom Kind 
selbst wahrgenommen und mitgeteilten Wün¬ 
sche realisieren zu helfen - solange er kann 
und will, d.h. ohne sich ausnutzen zu lassen« 
(H.v. Schoenebeck, 1985, S. 20). 

Antipädagogisch Denken bedeutet für An¬ 
tipädagogen nicht erzieherisch zu denken, 
d.h. dem Kind das Recht auf Selbstbestim¬ 
mung anzuerkennen, es als autonom handeln¬ 
des Subjekt zu respektieren und es mit seinem 
Lebensausdruck dem Erwachsenen gleichzu¬ 
stellen: »Pädagogisches Handeln geschieht 
immer mit der Absicht, den anderen zu dessen 
Besten zu führen . . . Die Antipädagogik 
weist diese Anspruchshaltung zurück« (H.v. 
Schoenebeck, 1981, S. 5). Entsprechend die¬ 
ser Grundüberzeugung wurde am 3. Mai 1980 
das >Deutsche Kindermanifest< von H.v. 
Schoenebeck in Münster vorgestellt, das in 22 
Artikeln die Gleichberechtigung des Kindes 
fordert. In der Präambel steht hierzu pro¬ 
grammatisch: »Die Menschenrechte sind un¬ 
teilbar. Kinder, Männer und Frauen sind 


Modelle einer 
guten Gesellschaft,, 
die überraschend viel 
mit der Kritik 
an den heutigen 
Verhältnissen 
zu tun haben. 


Sendler 


DAS ALTE 
^ÄRECHT 
AUF DIE 
NEUE 

GESELLSCHAFT 



wascö'J.v.OLsaüatTt; 
■>£K KOMMIS 
SfTT l*M 
MJ rriit ALTER 


Auszug aus der Gesellschaft, herr¬ 
schaftsfreies Leben in überschau¬ 
baren Gruppen von Gleichen, 
selbstbestimmte Produktion — 
das sind Assoziationen, die Kom¬ 
mune-Gründungen heute hervor- 
rufen. Wo aber liegen die Ur¬ 
sprünge und Traditionen dieser 
Selbst Organisation, die es heute 
nur noch am Rande der Gesell¬ 
schaft gibt? 

Das Buch schildert zwei histori¬ 
sche Phasen, die mittelalterliche 
Dorfgemeinde und die nordameri¬ 


kanische Community und Kom¬ 
munebewegung, in denen gesell¬ 
schaftsgestaltendes Prinzip war, 
was heute von vielen der kritisier¬ 
ten Industriegesellschaft entgegen¬ 
gestellt wird: die Verfügungsge¬ 
walt über die eigenen Lebens- und 
Arbeitsformen und die Gestaltung 
der politischen und kulturellen 
Sphäre in überschaubaren Ge¬ 
meinschaften durch ihre Mitglie¬ 
der. 

282 Seiten, 32,00 DM, 50 Illustratio¬ 
nen, Leinen, ISBN 3-88048-075-3 















50 


gleichberechtigt. Jeder Mensch verfügt von 
Geburt an über die Fähigkeit der Selbstbe¬ 
stimmung. . . Jeder junge Mensch muß unge¬ 
achtet seines Alters, dieMöglichkeit erhalten, 
von den Rechten, Privilegien und Verant¬ 
wortlichkeiten erwachsener Menschen unein¬ 
geschränkt Gebrauch machen zu können« 
(H.v. Schoenebeck, 1981, S. 13). 

Mit diesen Bemerkungen sei eine Bewe¬ 
gung angedeutet, die in der Bundesrepublik - 
in relativ kurzer Zeit - nicht nur die etablierte 
Pädagogik und Erziehungswissenschaft zur 
Diskussion und Reaktion animierte (M. 
Winkler, 1982; A. Flitner, 1982; J. Oelkers/ 
Th. Lehmann, 1983), sondern gleichermaßen 
auch einen Prozeß der Selbstkritik bei päd¬ 
agogisch Handelnden anregte und auslöste, 
der bis heute anhält und dessen Entwicklung 
derzeit noch nicht abzusehen ist. Es muß je¬ 
doch deutlich gemacht werden, daß die Kin¬ 
derrechtsbewegung in der Bundesrepublik 
keineswegs als homogener Block in Erschei¬ 
nung tritt. So unterscheiden sich - um nur 
einige bekannte Gruppierungen zu nennen - 
der therapeutische Weg von »Freundschaft 
mit Kindern« 1 zur Wiederherstellung einer 


gleichberechtigten Eltem-Kind-Beziehung 
stark von dem auf konsequente Lösungen aus¬ 
gerichtete und mit massiven Sanktionen be¬ 
drohte »Kinderbefreiungskampf« der India¬ 
nerkommune in Nürnberg 2 , aber auch vom 
Komitee für Kinderrechte in der Demokratie 
(KID), dem u.a. E.v. Braunmühl und der 
Pädagogikprofessor Wolfgang Hinte angehö¬ 
ren und denen es um die Anprangerung des 
»elterlichen Züchtigungsrechts«, der Forde- 
• rung nach Recht auf Bildung statt Schulpflicht 
sowie um das Menschenrecht auf gesellschaft¬ 
liche Mitbestimmung für junge Menschen 
geht. 3 

Kennzeichnend für die gesamte Kinder¬ 
rechtsbewegung ist, daß sie die Demütigung 
und Knechtung von jungen Menschen als 
Ausdruck einer gesamtgesellschaftlich prä¬ 
senten Repression gegenüber Schwächeren 
und Minderheiten beobachtet und für eine 
kompromißlose Verfechtung der Autonomie 
und Entscheidungsfreiheit der Kinder eintritt. 

»Nur keine Pädagogik ist anarchistisch!« 

Entsprechend dem Kampf von Anarchisten 
und Libertären gegen jegliche Form von Herr¬ 
schaft und Gewalt über Menschen, sind Bil¬ 


dung und Erziehung, Lernen und Lehre, seit 
jeher Thema ihrer Theorie und Praxis (vgl. 
z.B. U. Linse, 197§; H. Baumann, 1982; H. 
Baumann/U. Klerhm/T. Rosenthal (Hg.)» 
1985; P. Avrich, 1980; H.-U. Gründer, 1986). 
Im letzten Jahrhundert und zu Beginn des 
unsrigen stand hierbei die Suche nach Alter¬ 
nativen zur Staatsschulpädagogik im Vorder¬ 
grund. Es ging um nicht-autoritäre und nicht¬ 
staatliche Formen von Bildung und Erzie¬ 
hung, um die Umsetzung einer libertären An¬ 
thropologie in die Pädagogik. Bildung sollte 
nicht- nur von Herrschaftsstrukturen befreit 
werden, sondern auch Bestandteil des revolu¬ 
tionären Kampfes werden; Lernen und Leben 
sollten eins werden: Ausdruck eines anarchi¬ 
stischen Befreiungskampfes. 

Mit dem Aufkommen der Kinderechtsbe- 
wegung und der Antipädagogik in den 70er 
Jahren hat das Thema Bildung und Erziehung 
auch bei bundesrepublikanischen Anarchi¬ 
sten eine neue Dimension, bzw. Anregungen 
erhalten. Erziehung und Pädagogik werden - 
in Anlehnung an die antipädagogische Dis¬ 
kussion - als Ausdruck von Herrschaft und 
Gewalt abgelehnt: »Jede Erziehung ist staat¬ 
serhaltend!« (E.v. Braunmühl, 1984, S. 31) 
oder »wo erzogen wird, kann keine Freiheit 
entstehen« (G. Wenzel, 1984, S. 22) stehen 
stellvertretend für Positionen in der libertären 
Auseinandersetzung mit Pädagogik der letz¬ 
ten Jahre, die dieVerbindung von pädagogi¬ 
schen Interessen und einem anarchistischen 
Anliegen ausschließen, bzw. als Unsinn erklä¬ 
ren: »Libertäre Pädagogik ist ein ähnlicher 
Unsinn, wie Freiheit verallgemeinert und oh¬ 
ne Kontext. Sie gibt es nämlich nicht. Jede 
Pädagogik hat schließlich Erziehungsziele 
und zwingt Menschen mehr oder weniger bru¬ 
tal in die Richtung des jeweiligen Menschen¬ 
bildes« (G. Kern, FLI-Rundbrief VII, März 
1985). 

Antipädagogik wird in diesem Zusammen¬ 
hang als eine genuin anarchistische Position 
und als Bestandteil anarchistischen Denkens 
verstanden: »Zusammenfassend möchte ich 
sagen, daß die antipädagogische und auch die 
kinderrechtliche Haltung in ihren Grundzü¬ 
gen eine durchaus libertäre, anarchistische ist. 
Dabei ist nicht bestritten, daß verschiedene 
Pädagogikmodelle freiheitliche Züge haben, 
wie dies ja auch von mir aufgezeigt wurde; nur 
sind sie im Sinne der Anarchie nie konsequent 
zu Ende gedacht. Pädagogik ist immer Herr¬ 
schaftsinstrument und Herrschaft die Polari¬ 
tät von Anarchie. Nur keine Pädagogik ist so¬ 
mit anarchistisch« (G. Kern in H. Baumann/ 
U. Klemm/Th. Rosenthal (Hg.), 1985, 

S. 124). 

Ein Streit um des Pädagogen Bart? 

Bei der jüngsten Diskussion hierzu zeigt sich 
jedoch ein Problem, das sich für eine fruchtba¬ 
re Perspektive und Utopie als hemmend er¬ 
weist: einer 'antipädagogischen Fraktion 
steht eine 'libertär-pädagogische’ gegenüber, 
wobei die antipädagogische Argumentation 
oftmals die Form eines dogmatischen Rund¬ 
umschlags annimmt, eine Annäherung an ei¬ 
ne libertäre Pädagogik zurückweist und Fron¬ 
ten aufgebaut werden, wo keine sind und 
Gegner gesucht werden, wo Verbündete ste¬ 
hen. 

Daß Erziehung und Bildung ein Mittel der 
Herrschaft waren und sind und seit Jahrhun¬ 
derten so erfahren werden, steht aus anarchi¬ 
stischer Sicht - sei sie antipädagogischer oder 
libertär-pädagogischer Art - ohne Zweifel 
fest, - daß beide aber auch Wege zur Freiheit 
sein können (wie die Geschichte libertärer 


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51 


Pädagogik zeigt), wird aus antipädagogischer 
Sicht bislang abgelehnt. 

1984 griff Heribert Baumann in einem Vor¬ 
trag auf dem ’Arthur Lehning Symposium 1 
dieses Problem auf und kam zu folgendem Er¬ 
gebnis: »Anarchie und Erziehung muß auf 
den ersten Blick wie der Gegensatz von Feuer 
und Wasser wirken. Beansprucht nicht Erzie¬ 
hung, in welchem ideologischen Gewand auch 
immer, zu wissen, wo cs lang geht? Und ist 
nicht die Aufgabe von Erzichcr(n)/inncn, je 
nach politischem Anspruch, Kinder für den 
jeweiligen Herrschaftsanspruch zu formen? 
Der Anarchie sagt man sogar nach, eine Leh¬ 
re von Gewalt und Ordnungslosigkcit zu sein, 
die, würde sic so stimmen, dem Erzichungsge- 
danken diametral entgegenstünde. 

Da der Anarchismus, ich zitiere Rudolf 
Rocker, >nicht ein festes in sich geschlossenes 
System darstcllt, sondern eher einen be¬ 
stimmten Trend in der Menschheitsgeschich¬ 
te, welcher in Gegnerschaft zu der intellektu¬ 
ellen Bevormundung durch kirchliche und ad¬ 
ministrative Einrichtungen nach freier und 
ungehinderter Entfaltung aller individuellen 
und gesellschaftlichen Kräfte im Dasein 
strebt«, ist ihm auch der Erzichungsgcdanke 
zuzuordnen, wenn auch in einer anderen als 
bürgerlichen oder marxistischen Bedeutung, 
nämlich als Inhalt und Form einer herrschafts¬ 
freien Vorbereitung von Kindern und Jugend¬ 
lichen durch herrschaftsfreie Erwachsene auf 
die Aufgaben der Zerstörung von Autorität 
und Eigentum« (H. Baumann, 1984, S. 99). 

Wenn (libertäre) Antipädagogen nicht nur 
in Altcrnativschulcn mögliche Ansätze sehen 
die bestehende Schulpflicht (und damit den 
Bildungs- und Erzichungszwang) zu unterlau¬ 
fen (vgl. Antipädagogik-Gruppe des FLI, 
Morbach-Merschied 1986), sondern auch zur 
Institutionen- und Schulvcrwcigerung aufru- 
fen, die Kindcrrcchtsbcwcgung als Mcn- 
schcnrcchtsbewegung verstehen und von der 
Erkenntnis ausgehen, »daß innere Autoritä¬ 
ten (Götter, Ideologen, Philosophen) und äu¬ 
ßere Autoritäten (Führer, Priester, Lehrer) 
den Menschen daran hindern mit sich und sei¬ 
ner Umwelt in Frieden zu leben« (G. Kern/ E. 
Taubcrt/ U. Wagner, FLI-Rundbrief X, März 
1986), dann stehen sic mit diesen Forderun¬ 
gen in der Tradition, die einst als eine anarchi¬ 
stische Pädagogik auftrat. 

L. N. Tolstoi, G. Dennison, E. Friedrich, 
W. Borgius oder P. Goodman stehen hier 
stellvertretend für eine (Schul-)Pädagogik, 
deren Ziel cs ist, bestehende Pädagogik als 
Mittel zur Knechtschaft zu entlarven und li¬ 
bertäre Alternativen zu cnmtwickcln. Sie 
kämpften in ihrer Zeit mit ihren Mitteln gegen 
Unrecht an Kindern und für einen umfassen¬ 
den Mcnschcnrcchtsbcgriff. 

Fazit 

Wenn Gerhard Kern von einem »Anarchisti¬ 
schen Lcrncn< als »ein grundsätzlich freiwilli¬ 
ges und in keiner Weise an ein Alter gebunde¬ 
nes« (G. Kern, FLI-Rundbrief VII, Marz 
1985) spricht und dies als Position einer liber¬ 
tären Antipädagogik sieht, dann drückt er da¬ 
mit in treffender Weise die Position einer an¬ 
archistisch verstandenen Pädagogik aus, wie 
wir sie in der Geschichte vielfach antrcflcn. L. 
Tolstoi - der von G. Kern auch als Voi denker 
c ines anarchistischen Lernens gesehen wird - 
schreibt in seinem programmatischen Aufsatz 
»Über Volksbildung« (1860); »Die Grundlage 
meiner Tätigkeit ist die Überzeugung, daß wir 
nicht nur nicht wissen und auch nicht wissen 
können, worin die Bildung des Volkes beste¬ 


hen muß, daß es nicht bloß keine Wissen¬ 
schaft der Bildung und Erziehungslehre - der 
Pädagogik gibt, sondern daß noch nicht ein¬ 
mal der Grund zu ihr gelegt ist, daß eine Def¬ 
inition der Pädagogik und ihres Zieles im phi¬ 
losophischen Sinne unmöglich, überflüssig 
und schädlich ist« (L. Tolstoi, 1986, S. 46). 

100 Jahre später nennt G. Dennison in sei¬ 
nem Bericht über die Tirst Street Schock, die 
er 1964-65 in New York leitete, drei Grundla¬ 
gen seiner Grundschulpraxis, die den Argu¬ 
menten Tolstois folgen und heute bei Anti¬ 
pädagogen wiederzufinden sind: 

1. »Daß das eigentliche Anliegen einer 
Grundschule nicht die Erziehung in einem en¬ 
geren Sinn ist, und erst recht nicht die Vorbe¬ 
reitung auf das spätere Leben, sondern das ge¬ 
genwärtige Leben der Kinder- ein Punkt, den 
John Dewey wiederholt anführt und der von 
vielen seiner Anhänger sehr mangelhaft ver¬ 
standen wurde. 

2. Daß man, wenn die herkömmliche Routi¬ 
ne einer Schule aufgegeben wird (die militäri¬ 
sche Disziplin, der Stundenplan, die Bestraf¬ 
ungen und Belohnungen, die Vereinheitli¬ 
chung), weder mit einem Vakuum, noch mit 
einem Chaos konfrontiert wird, sondern viel¬ 
mehr mit einer eneuen Ordnung, die sich in 
erster Linie auf Beziehungen zwischen Er¬ 
wachsenen und Kindern gründet, und zwi¬ 
schen Kindern und den ihnen Gleichgestell¬ 
ten, . . . 

3. Daß sich eine Grundschule - vorausge¬ 
setzt, sie ist klein - auf äußerst einfache Weise 
leiten läßt . . . Wenn das Erziehungswesen 
heute in der Klemme steckt, so ist das aus¬ 
schließlich auf die undurchführbare Zentrali¬ 
sierung und die Gier nach Kontrolle zurück¬ 
zuführen, die jede bürokratische Institution 
durchdringt« (G. Dennison, 1971, S. 10/11). 

Der antipädagogische Rundumschlag in 
Sachen Pädagogik erscheint mitunter kurz¬ 
sichtig, verkennt Tatsachen und Traditionen, 
und deren Vertreter sehen sich oftmals als 
Gralshüter von Menschenrechten. Der Ge¬ 
danke, die Menschenrechte konsequent zu 
Ende zu denken, sie also auf Kinder anzuwen¬ 
den ist - so faszinierend er heute auftritt - 
nicht neu oder Erkenntnis einer Antipädago¬ 
gik. Eine freiheitlich verstandene Pädagogik, 
wie sie von Anarchisten vertreten wurde und 
wird, befindet sich in diesem Zusammenhang 
jedoch in einem Dilemma, nämlich: wie kann 
eine institutionalisierte Pädagogik überflüssig 
gemacht werden, wie kann Leben und Lernen 
verbunden werden angesichts der Forderung 
nach Freiheit und Gleichheit auf der einen 
Seite und dem Bedürfnis des Menschen nach 
Wissen andererseits. 

Anders ausgedrückt: Antipädagogik als 
Ausdruck und Lösungsversuch des Dilemmas 
zwischen dem Verlangen nach Wissen und 
Wollen, nach Sicherheit und Freiheit, greift 
ein für die Pädagogik altes Problem auf (Au¬ 
tonomie contra Abhängigkeit) und bietet ei¬ 
nen Weg an, der, so radikal anti-pädagogisch 
er auch ist, ein genuin pädagogischer ist. 


Anmerkungen 

J >Frcundschaft mit Kindern - Förderkreis c.V.<, 
Bundcsgcschäftsstcllc: Lütke Gasse 21, 4400 
Münster. 

2 In einem Flugblatt, erschienen Anfang 1986, 
schreibt die Indiandcrkommunc über sich: »Die 
Indiancrkommune ist die bundesweit bekannteste 
autonome Gruppe ohne Pädagogen und Staats- 
knctc, die für Kindcrrcchtc cintritt«; Adresse: In¬ 
dianerkommune, Mittlere Kanalstr. 34, 8500 
Nürnberg. 



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3 >Komitcc für Kindcrrcchtc in der Demokratien 
KID c/o Karlo Heppner, Kleiststr. 10, 6200 Wies¬ 
baden. , 

Literatur 

Antipädagogik-Gruppc des FLI: A-ziehung - anar¬ 
chistische Thesen. Morbach-Mcrschcid 1986 (be¬ 
ziehbar: FLI-Rundbricfstcllc: Dörrwicsc 4, 5552 
Morbach-Mcrschcid). 

Avrich, P.: The Modern School Movement. Anar- 
chism and Education in the United States. Princctön 
1980. 

Baumann, H.: Libertäre Erziehung von 1919-1933. 
Dissertation, Oldenburg 1982. 

Baumann, H.: Anarchie und Erziehungen: H. Bau- 
mann/F. Bulhof/G. Mergner (Hg.): Anarchismus in 
Kunst und Politik. Univ. Oldenburg 1984, S. 99- 
106; für den Buchhandel:. Trotzdcm-Vcrlag, PF, 
7031 Grafcnau-1 (16.-DM). 

Baumann, H./Klcmm, U./Roscnthal, Th. (Hg.): 
Werkstattbcrieht Pädagogik, Band 1: Geschichte 
und Perspektiven anarchistischer Pädagogik; Grafe¬ 
nau 1985. 

BIBIBHBBIiailBlilii 


Braunmühl, E.v.; Antipädagogik. Studien zur Ab¬ 
schaffung der Erziehung. Weinheim 1975. 
Braunmühl, E.v.: Jede Erziehung ist staatserhal- 
tend! In: Schwarzer Faden Nr. 14 2/84, S. 31-35. 
Dennison, G.: Lernen und Freiheit. Aus der Praxis 
der First Street School. Frankfurt 1971. 

Farson, R.: Menschenrechte für Kinder, München 
1975. 

Flitner, R,: Konrad, sprach die Frau Mama . . .Ber¬ 
lin 1982. 

Gründer, H.-U.: Theorie und Praxis anarchistischer 
Erziehung. Grafenau 1986. 

•Holt, J.: Zum Teufel mit der Kindheit. Wetzlar 
1978. 

Kern, G.: Antipädagogik - ein Weg zur Anarchie? 
in FLI-RB VII, Berlin März 1985. 

Kern, G.: Entwicklung einer Anti-Pädagogik, in: 
Werkstattbericht Pädagogik (vgl. unter Baumann) 
Kern, G./Taubert, E./ Wagner, U.: Thesen des FLI 
AG Antipädagogik (cingcbrachl auf dem Bildungs¬ 
tag des SB); in: FLI-Rundbrief Nr.X, Morbach- 
Mcrschcid April 1986. 

Linse, U.: Die anarchistische und anarcho-syndika- 

IBIBBIlillBIBIBüiBII 


listischc Jugendbewegung 1918-1933. Frankfurt 
1976. 

Oclkcrs,J./Lchmann,Th.: Antipädagogik: Heraus¬ 
forderung und Kritik. Braunschweig 1983. 
Schocncbcck, H.v,: Kindcrrcchtsbcwcgung und 
deutsches Kindermanifcst. Hg. v. >Frcundschaft mit 
Kindcrn<. Münster 1981. 

Schocncbcck, H.v.: Unterstützen statt Erziehen. 
Die neue Ellcrn-Kind-Bczichung. München 1982. 
Schocncbcck, H.v.: Antipädagogik im Dialog. Eine 
Einführung in antipädagogisches Denken. Wein¬ 
heim 1985. 

Tolstoi, L.: Über Volksbildung. Mit einem Kom¬ 
mentar von Raphael Löwcnfcld, cingclcitct und neu 
hg. von Ulrich Klemm. Berlin 1986. 

Wenzel, G.: Leserbrief, in: Schwarzer Faden Nr. 15 
3/84, S. 21-23. 

Winkler, M.: Stichwortc zur Antipädagogik. Ele¬ 
mente einer historisch-systematischen Kritik. Stutt¬ 
gart 1982. 


ibiiii in mmmmmmmmmn® 


Bundestreffen der Freien Schulen in Bonn 
vom 16.-19. Oktober 
Aufruf zur Einmischung 


■ Oie Arbeitsgruppe Schulpflicht - Bildungs- 

■ recht sucht für das Bundestreffen der Freien 
M Schulen Materialien, Infos, Kontaktadressen 

■ und kompetente Leute, die etwas zum Thema 

• Schulrecht und Praxis und zur Möglichkeit der 

* Schulverwcigerung in europäischen Ländern 
^ berichten können. 

g In der letzten Zeit finden massenhaft Bil- 
H dungskongresse statt, die sich dadurch aus- 
I zeichnen, daß weder Schüler noch Eltern an 

■ der Diskussion beteiligt sind. Tm Gegenteil: 

■ diese Diskussionen finden immer mehr in aka- 

■ demischen Zirkeln statt. Aber gerade die Dis- 





Zum 5. Jahrestag des ZentraIappartes beim 
Verlagsstab des Herausgebers des SRKK 1987 
geloben wir vollständige und gewissenhaftc 
Erfüllung des nächsten Fünfjahresplanes 
bis 1992 - 1.000.000 SRKK zusätzlich ! 


Auch 1987 wird cs wieder den schwarz-roten 
Begleiter für jedermensen geben: Von uns, 
fUr uns - und fUr viele andere, die so zum 
ersten Mal von anarchistischen Ideen, Be¬ 
wegungen und Projekten hören. Es wird eine 
Menge Neues und einiges Vertraute dabei 
sein. Öber's gewitzte Layout und Cartoons 
hinaus werden wieder Tips, Adressen, In¬ 
formationen, Einschätzungen zur Verfügung 
stehen. Kain Alltagsprodukt, aber für den 
alltäglichen Gebrauch in gewohnter stabi¬ 
ler Arschtaschenqualität (Fadenbindung ♦ 
Platikeinband - hygienisch, strahIcnsicher 
CS-fest).256 Seiten, B.99 Dunm Mark. 

Jede Art von Beiträgen von Euch äußerst 
erwünscht. Wegen gestiegener Produktions¬ 
kosten nach 4 Jahren leider *ne Mark teu¬ 
rer (kompens ierbar durch Sarrmetbcstel lung 
ab 5 Stück 30 X Rabatt bei Vorauskasse an 
Gruppen und privat) Krankheitsbedingt ist 
mit Erscheinen des SRKK '87 später als 
sonst zu rechnen. DirektbestcI 1 ungen an: 

Verlag Klaus Guhl oder Ralf Landmesser 
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in Briefmarken die neuste A-dressenlistc. 


kussion darum, daß Kinder frei entscheiden 
können sollen, wie sic sich welche Bildung be¬ 
schaffen, kann nur von den Betroffenen und. 
mit den Betroffenen geführt werden. Neben 
den Diskussionen über die Schulpflicht sollen 
Kinder und Eltern über verschiedene Formen 
der Schulverweigerung (Krankheit, Trebe¬ 
gänger, Drogenkonsum oder gar Selbstmord) 
ihre Erfahrungen austauschen und in Kontakt 
treten. 

Das Thema »Schulvcrweigerung« ist für 
uns so wichtig, daß wir versuchen wollen, cs in 
den Volksunis cinzubringcn. 

Ausschnitt aus dem Programm des Bundes- 
treffens der Freien Schulen: 

Freitag, 17.10.86: 



Aus dem Inhalt: 


Manifest zur totalen 
Kriegsdienstverweigerung 

(Anti-)MiMtarismus und 
Patriarchat 

Wie überwinden wir 
männliche Unterdrückung 
in gemischten Gruppen? 

Die Staatssicherheits¬ 
gesetze 

Volkszählung ’87 

Selbstverwaltung 

Thesen über Staatlichkeit 
und Anarchie heute 

Für eine Ökologie der 
Freiheit! 

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Würzburg/Untertaunus) Jj 

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Bremen) B 

AG: Freie Schule - Nachbarschaftsschule (Ini g 
Hannover) @ 

AG: Was kommt nach der Freien Schule? ■ 
Übergang zur Regelschule/Beruf/Abschliis- 0 
se (Freie Schule Berlin UFA) ■ 

AG: Nicht-Aussonderung von Behinderten ® 
(Ini Dortmund bzw. Ini Vorderpfalz) ^ 

Kontaktgruppen für diesen Aufruf zur Eintni- Jj 
schling: Freie Schule Nürnberg , Königstr. 93, ^ 
8500 Nürnberg 1 und Antipädagogikgruppe ^ 
des FLI; c!o Lebensgemeinschaft im Drohntal , g 
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* personelle Auf. BW D-22 

- StrategiediskAY* ,, Y-17, 30 

- Tagungen 0-5, 17 ;j6 

- Tindemans-Bericht 

- Truppenstatu* 

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Kritisches zum Bildungstag ’86 

Die Arbeitsgruppe Antipädagogik des FU 
(Forum für Libertäre Information) schrieb m 
ihrem Thesenpapicr zum Bildungstag ’86, or¬ 
ganisiert vom SB (Sozialistischen Büro), »mit 
c incs der schwierigsten Unterfangen ist cs, auf 
c incm >Bildungstag< über Antipädagogik . . 
zu diskutieren«. Diese Vorahnung erfüllte 
rieh. 

In der Abschlußerklärung der Macher 
heißt es u.a. zwar: »Gemeinsame Diskussio- 
nen - und wo es möglich und sinnvoll ist auch 
gemeinsame Aktionen - können der Selbster¬ 
kenntnis des eigenen Standortes, derKorrck 
lUr eigener und anderer Positionen dienen 
' • •« aber: die Podiumsteilnchmcr (Vertreter 
Verschiedener Organisationen wie GEW, Die 
GRÜNEN, SB u.ä. ließen schon am Freitag¬ 


abend, dem Beginn, der von ca. 40Ü Teilneh¬ 
mern besuchten Veranstaltung erahnen, was 
dann in einer AG »Antipädagogik/Alternativ- 
pädagogik/Institutionelle Bildung« vollends 
deutlich wurde: Ein Teil der Linken, was auch 
immer die Teilnehmer darunter verstehen 
mochten, war weder bereit noch fähig über 
den institutionellen und pädagogischen Schat¬ 
ten zu springen. 

Wohlwollend ließen sich die Pädagogen 
auf Alternativschulen ein. Selbst Begriffe wie 
»selbstbestimmtes . . . Lernen« durchkreuz¬ 
ten den Raum und phantasievolle Projekte im 
Bereich der Alternativpädagogik schienen 
denkbar. In der Form der Zukunftswerkstatt 
(Robert Jungk) ließen sich die sozialistischen 
Bürokraten sogar auf Träumereien ein, die ei¬ 
nen utopischen Sozialisten beschämen wür¬ 
den. Die folgenden Träumereien entstammen 

der AG 1, einer Unterteilung der oben ge¬ 
nannten Gruppe. Diese Gruppe war stärker 


von libertär gesinnten Teilnehmern belegt, 
was sich bis in die Sprache hinein bemerkbar 
machte: 

»Es besteht kein Schul- und Ausbildungs¬ 
zwang mehr; statt Schule gibt es ein Lernzen¬ 
trum für alle als Interaktions- und Kommuni¬ 
kationszentrum. Alternative Lemangebote 
werden vernetzt. An einer Bildungsbörse 
können Bildungsgutscheine eingelöst werden. 
Die darin Arbeitenden sind über ein Minde¬ 
steinkommen existentiell abgesichert. Die 
Bildungssuchenden organisieren ihren Bil¬ 
dungsweg selbst. Sie erstellen ihre eigene Ler¬ 
nordnung und folgen eigenen Lernzielen. (Sie 
können als Bildungsziel »Generalist« wäh¬ 
len) . Das Lernzentrum soll bei der Suche nach 
dem Begreifen des eigenen Selbst der Um¬ 
welt, der größeren Zusammenhänge und dem 
als notwendig erkannten Eingreifen in diese 
Zusammenhänge helfen. Lernfeld ist das un¬ 
mittelbare Leben ünd seine Bedingungen. 
Der »Lehrer« reagiert auf Nachfrage; er hilft 
bei der Beschaffung von Informationen und 




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VsSfesSss^ 

^^^ctfSSigss 

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FraWion u ^f cWi gsWbungen t Wein und , 

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ss^-a-'fr-sss 

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S^ 3 S?.-sa* s 

v»‘£s«»ä»is«,—* 

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•^^Änüerumd 
ca« -.. beT unsere? u ^^on nach wen\ 
undisi* ^^eg erweisen 

genJabren^ ^ Grünen » &n el . 

«ÄSSsssÄr^trsr*. i 
sr»%a=f»s ; -r,s 

^ nS ^b CT ' ti ' chU Xubunns!° rderU " s 8 ere 

Ö durcb 

sein ' d SSÄ* W ?SS eSe Forde m 

^p/der ..kmP 6 m"4 0 der aber ersUtn 

Y " t '« die evenWeUme ^ann. 




in Lernorten außerhalb der Schule aufgespürt 
werden; unter den gegebenen gesellschaftli¬ 
chen Bedingungen ist nicht davon auszuge¬ 
hen, daß die Lernortc im Sinne einer cmanzi- 
patorischen Bildung unmittelbar wirken; man 
braucht einen Ort, an dem die Lernorterfah- 
rung ausgewertet werden kann - dies kann, 
muß aber nicht die Schule sein. 

Strittige Fragen: Soll man Lernorte aufsu¬ 
chen, die wir selber ablehncn: 

* Besuch bei der Bundeswehr? 

* Kernkraftwerke? 

Soll man nach normativen Kriterien Lernorte 
auswählen oder in welchem Umfang zur 
freien Disposition stellen? Soll man mögliche 
Erfahrungsbereiche vorstrukturieren (. . .), 
am Gegenerfahrungen zu ermöglichen (Pro¬ 
blem der Erfahrungsarmut des Alltagsle¬ 
bens)? 

Aus der Traum! 

Die Teilnehmer beschlossen am nächsten 
Morgen die Realität Bände sprechen zu las¬ 
sen, d.h. entsprechend dem Jungk’schen Zu- 
kunftswcrkstattmodell, welches mit drei Pha¬ 
sen arbeitet (1. Was bedrückt dich, 2. du 
darfst von einer besseren Welt träumen, 3. du 
überlegst, wie du es bei den gegebenen Ver¬ 
hältnissen umsetzen kannst), wurde nun dar¬ 
über diskutiert, was denn wie realisiert wer¬ 
den könne. 

Spätestens bei der Forderung nach einem 
Recht auf Schulverweigerung wurde dann 
auch die Beschränktheit des Denkraumes der 
meisten Linken schrill klar. Wie man nur so 
eine Forderung aufstellen könne, zutiefst bür¬ 
gerlich sei dies (. . .) usw. usf. Vergessen wa¬ 
ren plötzlich alle Begriffe wie »Selbstbestim¬ 
mung« oder »Entscheidungsfreiheit, zumin¬ 
dest natürlich nicht anwendbar auf jüngere 
Menschen. Horrorvisionen von verwahrlo¬ 
sten Kindern wurden konstruiert: »Stell die 
vor, ein Kind aus sozial schwierigen Verhält¬ 
nissen, Mutter debil, Vater säuft, Geschwister 
lernbehindert, usw., hätte die ach so segens¬ 
reiche Schulpflicht nicht!« Hier hatten sie soo 
viel Phantasie, sic wurden zur mehrstimmigen 
Kassandra. 

Nein, diese anarchistische Haltungc, die 
die Menschen dem Überlebenskampf preis¬ 
gibt (Beispiel: Statt Schwimmunterricht zu ge¬ 
ben, schubsen die Anarchisten glatt ihre hilf¬ 
losen Kinder ins Wasser), die wollte Mann 
nun doch nicht teilen: lieber »Brücken bau- 
en«, »Kurse für den Überlebenskampf«, »In¬ 
stitutionen nützen« (ganz verschämt und 
durch die Hintertür wurde deutlich, daß der 
Herr Lehrer sich einiges einfallen läßt, damit 
er nicht wirklich überflüssig wird) waren die 
Alternativen (die sich als hilfreiche Schranken 
gegen allzuviel Freiheit erwiesen). Nebelhaft 
stieg die Forderung nach Instituts- und Staat¬ 
shaltung auf. Wie in alten Zeiten wurde dis¬ 
kutiert, hier und heute, in dieser bösen kapita¬ 
listischen Welt sei Selbstbestimmung und 
Freiheit nicht möglich; man müsse erst andere 
Machtverhältnisse haben (vielleicht die Dik¬ 
tatur des Proletariats?). Dann sei ja alles Ge¬ 
träumte, auch die Freichit vom Schulzwang 
Sc lbstverständlich. Na, klingt das nicht alles 
Se hr bekannt? Der reale Sozialismus läßt grü¬ 
ßen! 

Erstes Resümee 

Eigentlich finde ich es schade, daß hier nun ei¬ 
ne Polemik steht, finde es noch mehr schade, 
daß durch diese, nicht von uns vorgenomme- 
Ilc Grenzziehung zum institutsverweigernden 


Anarchismus, eine gegenseitige Unterstüt¬ 
zung im Kampf gegen jede Herrschaft unmög¬ 
lich gemacht wird. Auch uns ist klar, daß ein 
allgemeines Schulverweigerungsrecht augen¬ 
blicklich nicht durchzusetzen ist. Nichtsdesto¬ 
weniger ist es notwendig darüber offen/öffent¬ 
lich zu diskutieren, damit nicht die gar nicht so 
geringe Zahl von »Beleidigten und Unter¬ 
drückten« im Regen stehen gelassen wird. Es 
scheint kein Thema von Bedeutung (für Lin¬ 
ke) zu sein, daß unzählbare Kinder in diese 
Schule nicht oder auch in gar keine Schule 
wollen. Sie werden seelisch und körperlich 
krank, wandern ab in Heime, Sonderschulen 
oder Psychiatrien. Mann sagt, die Gesell¬ 
schaft ist schuld. Mann übersieht, daß Schule 
an sich ein wesentlicher Ausdruck dieser herr¬ 
schaftlich orientierten Gesellschaft ist. 

Es mag sein, daß es »gute« oder »bessere« 
Schulen gibt. Es gibt auch Menschen, die die¬ 
se Schulen besuchen wollen. O.k. Sollen sie es 
tun. Was aber ist mit den darunter Leiden¬ 
den? Scheinbar bleibt einer Minderheit nur 
der Guerillakampf und die subversive Aktion 
(siehe Stadtindianer u.a.) um einen Rest von 
Freiheit zu verteidigen. Zumindest ist von der 
derzeitigen Linken nicht zu erwarten, daß sie 
kooperativ mit den gesellschaftlichen Kräften 
agiert, die mit der radikalen Forderung nach 
der Aufhebung aller Zwänge ernst machen. 

Ich jedenfalls war mit der Hoffnung nach 
Frankfurt gefahren, diese unsere Negation 
(Schulverweigerung) eingereiht zu sehen in 
eine Reihe von Maßnahmen, wie: Bildung 
Freier Schulen, Stadtteilarbeit, Kinderläden, 
Lernzentren/Dezentralen, usw. Doch diese 
Hoffnung erfüllte sich nicht. Es wurde eine 
Ent-Täuschung. 

Fraglich wird ein nächster Ansatz, da zu 
viele Ent-Täuschungen schließlich in die Resi¬ 
gnation oder aber zur Aggression führen. 

Vielleicht hat ja unsere Zeichensetzung in 
Frankfurt (die aus dem Sozialistischen, ein A- 
Sozial-istisches Büro machte) einen gewissen 
Realitätsgehalt und manchen Teilnehmer für 
eine Zeit nachdenklich gemacht. Vielleicht 

Auf jeden Fall tragen solche Ansätze wie 
sie auf dem Bildungstag erlebbar waren, nicht 
zu einem Abbau des Staates bei. Sie stärken 
ganz im Gegenteil die Positionen der Herr¬ 
schenden. Solcherlei »linke« Bildungspolitik 
wird zum Werkzeug einer Sozialtechnologie- 
(siehe auch Arbeitspapier von Martin, 
Treffen auf der Burg Waldeck im April 19öb, 
anforderbar bei der FLI-Rundbriefstelle, c/o 
LiD, Dörrwiese 4,5552 Morbach-Merscheid) 
die den Kapitalisten in die Hände spielt und 
ein tatsächliches Problembewußtsein gar 
nicht aufkommen läßt. »Linke« Lehrer, die so 
tun, als ob sie »die Anderen Lehrer sein las¬ 
sen«, dennoch aber die Fäden in der Hand 
halten, sind die Totengräber einer freien Ge¬ 
sellschaft, sind die »Hanseln« einer rechten 
Gesellschaft , da sie nicht bereit sind, das auto¬ 
ritätsorientierte Verhaltensmuster zu verlas¬ 
sen und allen Menschen ein autonomes Leben 
zuzugestehen. Autonome und selbstbestimm¬ 
te Wesen allerdings kann es nur geben, wenn 
von vornherein auf Machtvorsprünge verzich¬ 
tet wird und die Menschen, junge und alte, ih¬ 
re Gemeinschafts-/Gesellschaftsstrukturen 

durch permanente Auseinandersetzung ent¬ 
wickeln. . a 

Egalität als Weg und Ziel gleichermaßen 
müßte auch auf »Bildungstagen« gelebt wer¬ 
den, sonst wird der Begriff der egalitären Ge¬ 
sellschaft zur Phrase. 


immune 


Forum für Politik und Ökonomie_ 


HEFT 8/85: 


KOMMUNE-THEMA 

Fischer im Netz 

CHARTA 77 

CSSR- 

Laßf der Jugend Raum! 

MICHAEL JÄGER 

Frauenlisten — Ein weit 
ausholendes Plädoyer. 
Parteiensystem und 

Sexismus II. Teil 

HEIDE BERNDT 

Die Väter der 68er- 
Generation. Eine politische 
Psychologie des Protests 

CHRISTOPH WINDER 

Zeitgeistimport aus Wien — 
Anzeige als Nabel der Welt 

HEFT 7/86 

KOMMUNE-THEMA 

Ausstiegschancen 

FRIEDER OTTO WOLF 

Abschied vom Millennium. 
Rückblick auf eine Metapher 
radikaler Politik 

MICHAEL JÄGER 

Parteiensystem und 

Sexismus 1. Teil 

CAROLA DONNER-REICHLE 
Ernährungsprobleme und 
Bäuerinnen in Afrika 

JENSSCHEER 

Die gesundheitlichen 

Folgen von Tschernobyl 

80 Seiten * 6 DM ■ Jahresabo 66 DM 
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Ort ^ F" 







Bis zum September vergangenen Jahres war 
ich ganz normaler Ungläubiger, Atheist, Ket¬ 
zer. Doch seit sich die münstersche Staatsan¬ 
waltschaft rührend um mein unchristliches 
Engagement kümmert, bin ich die antikleri¬ 
kale Erfolgslcitcr hinaufgefallen. Amtsge¬ 
richt und Landgericht haben mir in zwei Pro¬ 
zessen bescheinigt, daß ich zur Ketzer-Creme 
der Republik gehöre: ich bin staatlich geprüf¬ 
ter Gotteslästerer. 

Einbilden muß ich mir auf diese zweifelhaf¬ 
te Ehre nichts, im Gegenteil. Sollte auch das 
Revisionsgericht in Hamm meine »rechtmäßi¬ 
ge« Verurteilung bestätigen und das Amtsge¬ 
richt der Meinung sein, meine Sitzblockadc 
vor dem 1. Bundeswehr-Korps sowie die Auf¬ 
forderung zu ähnlichen Aktionen erfüllten die 
Tatbestände der Nötigung (§ 240 StGB) und 
der Öffentlichen Aufforderung zu Straftaten 
(§ 111,StGB), dann kann ich mein Studium 
wohl in den Wind schreiben. Ein polizeiliches 
Führungszeugnis bekomme ich unter diesen 
Umständen nie und nimmer, die Arbeit über 
»Anarchistische Presse in der Bundesrepu¬ 
blik« muß jemand anders schreiben. 

Eingehandclt habe ich mir den Ärger 
durch einen längeren Artikel im 14-tägig er- 
scheincnen münsterischen »Stadtblatt«. Im 
August vergangenen Jahres verfaßte ich einen 
Aufsatz über die strafrechtliche Verfolgung 
von Kirchengegnern; - in Heidelberg und 
Freiburg, Berlin und Bochum, Köln und 
München hatte cs Anklagen und Prozesse, 
Verurteilungen und Freisprüche in Sachen 
»Beschimpfung einer Religionsgemeinschaft« 
(§ 166 StGB) gegeben. Ich dokumentierte all 
dies unter dem Titel »Die Gottespest« - Jo¬ 
hann Mosts anarchistische Agitationsschrift 
diente mir als Überschrift und Anschauungs¬ 
material. Der Staatsanwaltschaft gefiel mein 
Elaborat ganz und gar nicht. Knapp einen 
Monat nach Erscheinen des Artikles erhielt 
ich eine polizeiliche Vorladung, wenig später 
die Anklageschrift. Ich soll »durch Verbreiten 
von Schriften die Einrichtung einer im Inland 
bestehenden Kirche in einer Weise be¬ 
schimpft (...) haben, die geeignet ist, den öf¬ 
fentlichen Frieden zu stören.« 


Die abstruse Argumentation der Ankläger 
verwies dann das Amtsgericht in die Schran¬ 
ken. Der Vorsitzende Richter bescheinigte 
meinem Artikel eindeutigen Dokumentat¬ 
ionscharakter, mir selbst sauberes journalisti¬ 
sches Arbeiten und lehnte das Ansinnen der 
Staatsanwaltschaft ab, mich wegen der Zitate 
aus der Johann Most-Schrift sowie diverser 
dokumentierender Abbildungen zur Verant¬ 
wortung zu ziehen. Dennoch glaubte er, einen 
Grund zur Verurteilung erkannt zu haben, 
hatte ich doch das Titelbild einer alten TIT- 
ANIC-Ausgabc in eigenen Worten beschrie¬ 
ben: »Das Cover besagter Ausgabe zierte der 
»heilige Mann<, rammclndcrweisc mit einem 
Schaf beschäftigt, das entzückt ein >Dcr Papst 
kommt) jauchzt...« Der Spaß der Frankfurter 
Satiriker hörte bei mir auf. Die Formulierung 
beweise eine Identifikation meinerseits mit 
der Bildaussage, die vom Gericht als »grobe, 
geradezu verrohende Verächtlichmachung 
des Papstes« und damit als strafrechtlich rele¬ 
vant im Sinne des § 166 StGB verstanden wur¬ 
de. 15 Tagessätze a 10.- DM brachte mir der 
gezeichnete Sodomie-Akt Wojtylas ein. Die 
mitangcklagtc prcsscrcchtlich verantwortli¬ 
che »Stadtblatt«-Redakteurin Dagmar von 
Kathen wurde freigesprochen. 

Doch es sollte noch schlimmer kommen. Der 
sowohl von mir als auch von der Staatsanwalt¬ 
schaft initiierte Berufungsprozeß vor dem 
Landgericht bescherte mir einen Richter, der 
denTucholsky’schen Karikaturen zum Ver¬ 
wechseln ähnlich sah und sich im eaufe der 
beiden Verhandlungen als serviler Diener der 
katholischen Kirche entpuppte. Zuerst ein¬ 
mal schmetterte er sämtliche Beweisanträge 
ab, die mein Vertcidier und ich cingcbracht 
hatten: Religionssoziologcn und Kommuni¬ 
kationswissenschaftler, die TITANIC-Rc- 
daktion und Hans Magnus Enzensberger als 
Most-Kenner wollten wir als Sachverständige 
laden. Danach machte er deutlich, daß ihn der 
dokumentarische Charakter meines Artikels 
überhaupt nicht interessiere und er den ge¬ 
samten Text einschließlich aller Fremdpassa¬ 
gen, Zitate und Abbildungen strafrechtlich 
abklopfe, und schließlich verurteilte er mich 


und Dagmar zu jeweils 600 DM Geldstrafe. 
Mein Artikel, so das Urteil, sei »undifferen¬ 
ziert, bösartig und haßerfüllt« und störe den 
öffentlichen Frieden in erheblichem Maße. 
Beweisen mußte er nichts. 

Allmählich wird die Sache unangenehm 
und teuer. Jetzt wird sich erst einmal das 
Oberlandesgericht als Revisionsinslanz mit 
der vermeintlichen Gotteslästerung beschäfti¬ 
gen. Vielleicht ruft eine neuerliche Verurtei¬ 
lung und mein anschließendes Absitzen der 
Strafe auch STERN, SPIEGEL, ZEIT, 
KONKRET und Konsorten auf den Plan. Be¬ 
sagte Blätter haben bisher - obwohl umfas¬ 
send informiert - keine einzige Zeile abgeson¬ 
dert. 

Anmerkung der SF-Redaktion: Da kaum zu 
erwarten ist, daß der STERN etc. ein bezahltes 
Interview mit Holger durchführt und Ilolgei 
keinen Spendenaufruf macht, schließen w'h 
diesen hier an: wer Holger finanziell unterstütz 
zen will und kann, schicke das Geld mit dem 
Stichwort “Holger” an das SF-Konto: wir lei¬ 
ten es dann an ihn weiter und hoffen, daß er sei¬ 
ne Arbeit über die »Anarchistische Presse« 
fortsetzt, egal ob er damit einen späteren Job 
erkämpft oder nicht; wir haben an einer sol¬ 
chen Arbeit logischerweise verschärftes Intet - 
esse. 








Anstatt eines Nachrufs 


Auch Henry Jacoby, Freund Ernst Friedrichs 
und Schüler Otto Rühles, ist in Genf verstor¬ 
ben. Tn den letzten Jahren war es in Sachen 
»Franz Pfemfert, Oskar Kanchl und Otto 
Rühle« zu einem Briefwechsel mit dem SF 
gekommen, in dem Henry Jacoby verdeut¬ 
schte, daß er anarchistische Positionen nicht 
mehr teile. Seinen Lebensweg hat er in »Von 
des Kaisers Schule zu Hitlers Zuchthaus« 
(Dipa-Vcrlag Frankfurt 1980) und »Davon¬ 
gekommen« (Scndler-Vcrlag 1985, vgl. Rcz. 
im SF-20 1/86) beschrieben; wir wollen ihn 
deshalb selbst sprechen lassen und zitieren ei¬ 
ne, wie wir meinen für ihn zentrale Begeg¬ 
nung seines Lebens und seiner späteren Ab¬ 
fassungen (aus: Von des Kaisers . . S.89): 




»Im Jaluc 1923 gab Otto Rühle in der Schule Weinmeisterstraße in Berlin einen Kursus über 

das Thema »Von dcrbürgcrlichcn zur proletarischen Revolution«. Der^LT/sftzwal eine 
Schon nach wenigen Siitzcn waren die Hörer im Banne des Vortragenden. Jeder Satz war eine 
prägnante Formuhcrun«. (. . .) In großen Zügen wurde eine Phaseolog.e geschichtlichen Ab- 
LfcZwickel?- Aufstieg des Bürgertums von der kapitalistischen Frühblüte in Portuga und 
Spanicn'bis zur firanzösischen Revolution. Mit Hilfe von Partei 

das Proletariat politische und wirtschaftliche Vorteile m der kap.tahst chen O dnung. Ube^ 
winden kann sic diese nicht mit Hilfe von Organ.sat.onsformen, d.e d> e Sfaab Klasse 
Seilschaft sind. In die Spätphase tritt diese in eine Krise und nun muß das Proletariat als Klasse 
auftreten und das kann es nur als Produzent in den Betrieben. Hier findet es seine ureige 
ganisationsform. Deshalb sind hochentwickelte Produktionsverhältnisse die Vorauf 
eine proletarische Revolution. Doch bedarf diese auch eines "mit 

als Vollstrecker der Revolution. Der Staatsapparat aber verhindert Revolutionin cht nu 
seinem Gewaltapparat, sondern auch durch seinen Einfluß auf Denken undVerh _ J 
der Grammophonplattc, von jedem Film, von jeder Zeitung, vor allem ab 

wird autoritäts-submissives Verhalten geschaffen. Parteien und e r 5rn ,is dialektisch auf 

diesem. In der neuen Phase löst sich der Gegensatz Föderalismus-^ 

Föderalismus war die typische Grundform der feudalen Gesellschaft, Zent [ al , 

der bürgerlichen Gesellschaft. Das Rätesystem mit Machtbest.mmung von unten her und 
tf alcr Planung stellt eine neue Organisationsform dar. . 

Ein Jahr später sprach Rühle über den autoritären Menschen und dieRevolution. 

Der gegenwärtige Mensch ist nicht nur im politischen Bereich autontar-submiss 
allen Lcbensbcziclningcn. Abbau des autoritären Charakters .st unabdingbar für den^Uber 
gang zum Sozialismus. In den Händen des autoritär denkenden Menschen wird die his^r sehe 
Rolle des Proletariats in Protesten und Revolten fruchtlos bleiben. Die nwrx.s sche Ana yse de 
Gesellschaft müsse durch Einsicht in die Charakterstruktur ergänzt werden, für die die ln 

dualpsychologie Alfred Adlers die Grundlage geschaffen hat. «/i«„„c<M>hiet einee- 

Wir hatten den Eindruck, daß wir in ein neues, noch zu erforschendes Wissensg 
führt worden waren. Die Attacke, die Franz Pfemfert, James Bro un wieder 

Versammlung gegen Rühle ritten, verstärkten diesen Eindruck nur; hier schienen u 

Gn Mal die Bewahrer gegen neue Erkenntnisse zu stehen. cthilduns von 

Für uns, die wir aus der Jugendbewegung kamen, hatte Erziehung un nt j eI 4iar- 

Anfang an einen Platz in unserer Vorstcllungswclt gehabt. Das Machtproblem 
chistischen Idee eine so prominente Rolle spielte, hatte eine offensichtliche Affinität 
Begriff des Machtstrebens in der Adlcrschcn Psychologie.« 


Nachruf auf Hans Popper 

Am 3.1.1985 ist Hans Popper, Pazifist und 
Anarchist, im Alter von 74 Jahren gestorben. 
1910 in Wien geboren, lebte er während des 
ersten Weltkriegs in der Tschechoslowakei. 
Zu seinem 8. Geburtstag bekam er die tsche¬ 
chische Staatsbürgerschaft, die er bereits kri¬ 
tisch über sich ergehen ließ, wußte er doch 
bereits, daß alle Staaten Kriege machen und 
z.B. den Vater für 4 Jahre wegnehmen konn¬ 
ten. 

In Prag studierte Hans Popper Jura und Phi¬ 
lologie; zum Schluß sprach er 19 Sprachen. 
Als Sudetendeutscher hätte er in der Tsche¬ 
choslowakei dienen sollen; aufgrund seiner 
bekanntgewordenen pazifistischen Agitation 
erklärten ihn die Behörden jedoch für un¬ 
tauglich. 

1938 emigrierte er nach Palästina. Dort be¬ 
obachtete er, wie die Menschen ohne Staat 
und ohne Regierung (bereits seit 1918) bis 

1948 lebten; wie sie alles alleine aufbauten, 
gar gegen den Widerstand der britischen 
Mandatsmacht.. Er beschrieb diese Erfahrun¬ 
gen in seinem Buch »Die freie organisierte 
Gemeinschaft des jüdischen Yishuv in Palä¬ 
stina - soziologische Analyse«, das im Juni 

1949 in Tel-Aviv erschien und vom Verlag 
Klaus Guhl, Berlin auf deutsch herausge¬ 
bracht wird. (Yishuv ist der hebräische Name 
für die jüdische Einwohnerschaft Palästinas 
1918-1948). 

Als Hans Popper kurz nach der Staatsgrün¬ 
dung in Israel Soldat werden sollte, verwei¬ 
gerte er den Dienst und wurde in einem Mili¬ 
tärlager arretiert. 

1961 ist er nach Deutschland zurückgekehrt 
und lebte in München. Im Jahre 1967 gründe¬ 
te er die »Sammlung anti-zionistischer Ju¬ 
den«, die ungefähr bis 1980 existierte. Häufig 
traf er sich mit dem ebenfalls nach München 
zurückgekehrten Augustin Souchy zur Dis¬ 
kussion über “natürlichen Anarchismus”, 
während Souchys Krankheit unterrichtete er 
dessen Freunde und Genossen. Im Münchner 
BLATT veröffentlichte er einen Nachruf auf 
den am 1.1.84 verstorbenen Souchy; im sel¬ 
ben Jahr schrieb er sein humorvolles »Anar¬ 
chistisches Lesebuch«, das sich mit verschie¬ 
densten Themen des Anarchismus auseinan- 
detaetzt und auch Briefe an Regierungsmit¬ 
glieder und deren Antworten enthält. Das 
Buch wurde im Juli 1986 vom Verlag Klaus 
Guhl, Knobelsdorffstr.8, 1000 Berlin-19 her¬ 
ausgegeben. 

sf } nach Angaben von Syma Popper 






Zwei konkrete Planungen zum Aufbau anar¬ 
chistischer Siedlungen bzw. zur pragmati¬ 
schen Anarchie in bestehenden Dörfern. Wer 
sich in die Diskussionsprozesse einbringen 
will, wer Lust hat mit sich selbst einen ande¬ 
ren Weg cinzuschlagen und dennoch nicht in 
eine fadenscheinige Idylle abzutriften, kon¬ 
taktiere, allerdings kritisch: 

Horst Sto wasser (Projekt A), Turmstr.2, 6330 

Wetzlar 

oder 

Informationsdienst Ökodorf, PF 103 007 , 
6900 Heidelberg. 

Da das Projekt A in Anarchokreisen be¬ 
reits besser bekannt sein dürfte, verwiesen sei 
auf die unregelmäßig erscheinenden Hefte 
AHA, die den jeweiligen Diskussionsstand 
wiedergeben; soll hier kurz die Ökodorf Idee 
vorgestellt werden, wir folgen dabei einer Zu¬ 
schrift von Jörg Sommer , Heidelberg. 

»In einem Ökodorf sollen die Grenzen durch¬ 
brochen werden, an die selbstvcrwaltete Be¬ 
triebe immer wieder stossen. Diese sind näm- 


Probleme 

Die Gründung von Ökodörfern ist bisher nur 
im europäischen Ausland, in Israel (Kibbu¬ 
zim) und den USA gelungen. Versuche in der 
BRD sind seit 10-15 Jahren immer wieder ge¬ 
scheitert. Die Probleme sind auch ungleich 
größer als bei selbstverwalteten Betrieben.« 
(SF-Zwischenbemerkung: Was jetzt kommt, 
nämlich, daß es nur daran liegt, daß die Öko¬ 
dorf-Initiative jeden nehmen muß, um groß 
genug zu werden und um die nötige Kapital¬ 
kraft für Landkauf zu erhalten, scheint uns - 
was das erstere an betrifft - nicht das wahre 
Problem sein zu können, denn bislang wurde 
uns kein Ökodorf bekannt, das an den unter¬ 
schiedlichen Interessen der Beteiligten ge¬ 
scheitert wäre; vielmehr: es gab noch keines! 
Was das zweite anbetrifft, können wir uns die 
Probleme lebhaft genug vorstellen, nur: wir 
würden dann nicht sagen, daß »wir den 
Zwängen der kapitalistischen Wirtschaft ent¬ 
kommen«, wie die Öko-Dorfinitiavlcr dies 
eingangs meinen. Denn auch die Mehrzahl 
der selbstverwalteten Betriebe hängt weniger 
vom Verkauf ihrer Ware auf dem freien kapi¬ 
talistischen Markt ab, als vielmehr von den 
zum Teil hohen Krediten, die bei Land- oder 
Hauskauf, Maschinenerwerb, etc. aufgenom¬ 
men werden mußten und die Kollektivsten 
zwingen, rationell zu arbeiten, um eben mehr 
als ihren eigenen Bedarf zu erwirtschaften. 
Aus diesem Systemzwang scheint uns das 
Ökodorf ebenfalls nicht ausbrechen zu kön¬ 
nen. 

Trotzdem:) »Auch die Ökodorf-Initiativ¬ 
gruppen müßten also in die Lage versett wer¬ 
den, ihre Mitglieder auswählen zu können; 
umgekehrt sollte jeder Interessent die Mög¬ 
lichkeit der Wahl zwischen verschiedenen 
Gruppen haben. Das will der vor kurzem ge¬ 
gründete Informationsdienst Ökodorf errei¬ 
chen. Er informiert regelmäßig über die 
neuesten Entwicklungen, bietet Raum z ur 
Diskussion und kündigt die jährlich veran¬ 
stalteten Kongresse der Initiativgruppen zum 
persönlichen Kennenlernen an. 


Abrackern wie die Bauern? 

Bauern sind kaum noch Selbstversorger, 
sondern produzieren hauptsächlich für den 
Markt. Dort aber sind die Erzeugerpreise zu 
niedrig; diese von den Bauern immer wieder 
erhobene Klage ist durchaus berechtigt. Um 
mit der übrigen Einkommensentwicklung 
Schritt halten zu können, sind sie nicht nur zu 
überdurchschnittlichen Arbeitszeiten, son¬ 
dern auch zu fortschreitender Massenproduk¬ 
tion, Rationalisierung und Industrialisierung 
der Landwirtschaft gezwungen - mit den be¬ 
kannten negativen ökologischen Folgen. 

Während in der EG nur noch 3% der Be¬ 
völkerung als Bauern den Rest der Bevölke¬ 
rung ernährt, ist dieser Anteil im Ökodorf 
vielleicht bei 30-40% (dann blieben immer 
noch genug Leute übrig für Handwerk, 
Dienstlcistungs- und künstlerische Berufe)! 
Und dieser Anteil versorgt nur das Ökodorf 
(mit sanften Techniken, Biogas, Wind etc. 
wie im folgenden ausgeführt wird, Anm.SF). 


lieh in zweifacher Hinsicht vom kapitalisti¬ 
schen System abhängig: Erstens müssen ihre 
Produkte dort konkurrenzfähig sein, was zur 
Rationalisierung zwingt, oder, wenn das 
nicht gelingt (z.B. aus Kapitalmangel), zur 
Selbstausbeutung führt. Zweitens müssen die 
Mitarbeiter die Waren und Dienstleistungen 
zu ihrem Lebensunterhalt auf dem kapitalisti¬ 
schen Markt kaufen, brauchen also ein regel¬ 
mäßiges Einkommen. 

Diesen Zwängen ist nur zu entkommen, 
wenn in beiden Bereichen Unabhängigkeit 
vom kapitalistischen Markt erreicht wird. 
Das könnte in einem Ökodorf durch weitge¬ 
hende Selbstversorgung gelingen. Dort wer¬ 
den die Waren und Dienstleistungen in erster 
Linie für die Bewohner selbst hergestellt und 
nicht für den Markt. Konkurrenzfähigkeit ist 
nicht mehr notwendig. Der Wert der Waren 
bemißt sich nicht in Geld (Tauschwert), son¬ 
dern nach dem praktischen Nutzen (Ge¬ 
brauchswert). Gleichzeitig sind die Öko- 
Dörfler nicht mehr auf das Geldverdienen an¬ 
gewiesen (außer vielleicht für ausgefallene 
Sonderwünsche), weil sie fast alles, was sie 
zum Leben brauchen kostenlos im Dorf er¬ 
halten (Subsistenzwirtschaft). 









59 



fr Wer mehr über die Hintergründe des faschisti¬ 
schen Brandanschlages vom 879. Mai 1986 auf das 
autonome Zentrum Alhambra in Oldenburg erfah¬ 
ren will, kann sich die Nr. 17 (Juli 86) der Alhambra¬ 
zeitung kommen lassen. Kontakt: T. Hatiel, clo Her - 
Mannst r. 83, 2900 Oldenburg. 

fr Infos zum Fortgang des Prozesses gegen Otelo de 
Carvalho (Nclkcnrcvolution, 25.4.1974) in Portugal 
können jetzt bestellt werden: Kontakt: Maitre C. 
Gillmann, 11 bis rue Lunain , F-75014 Paris. 

fr Französisch-Sprechende gesucht. Während der 
Sare-Demo 1985 in Berlin wurde der französische 
Genosse Roger Szatkowski verhaftet. Da er sehr 
schlecht deutsch spricht, ist seine Isolation nahezu 
Perfekt. Schreibt ihm nach Alt-Moabit 12 A, 1000 
ßcrlin-21. 


fr Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg - Ein Ver¬ 
such Geschichte lebendig zu machen. Diese Klcin- 
hroschiirc kann man gegen l.-DM vom AK Karl 
Liebknecht Frankfurt erhalten. Postscheckkonto 
Nr. 51 52 26 - 605, Karin Puck, PschA Frankfurt. 



fr Geschädigte Einzahler an das WISK (Westdeut¬ 
sches Irlandssolidaritütskomitcc) fordern zum Boy¬ 
kott auf, da sic nie die bezahlten Bücher und Bro- 
sehüren bekommen haben, Mahnungen arrogant 
°der überhaupt nicht beantwortet werden, nicht Be¬ 
eiltes schließlich als Ersatz geliefert wurde, Bro¬ 
schüren statt bezahlter Bücher kamen etc. 

Aus diesen schlechten Erfahrungen läßt sich schlie¬ 
ßen, daß der WISK-Vclricb mit maßloser Schlud¬ 
rigkeit betrieben oder daß systematisch Geld aus 
^ Cr Szene abgezogen und der Irland-Solidarität 
uichr geschadet als geholfen wird. Die Initiativgrup¬ 
pe sucht Menschen, die WISK-Lcutc kennen, um 
Cn dlich die notwendige Diskussion zu führen. Kon- 
Klaus Heinemann, Auf dem Brinke 12, 3000 
Hannover 91. 


☆ Spendet für die Arbeit des Ermittlungsausschus- 
scs Freies Wackerland (P. Späth, Sparkasse Schwan¬ 
dorf, BLZ 750 510 40; Kontonr. 380 561 068). Der 
Ermittlungsausschuß stellt die Kontakte her zwi¬ 
schen Fcstgcnommcncn und Rechtsanwälten, koor¬ 
diniert die Termine für RA-Bcsuchc im Knast bei 
der Vorführung vordem Haftrichtcr; gibt Rcchtshil- 
feauskünfte; ist Kontaktstelle für die Presseagentu¬ 
ren; leitet Erklärungen an die Presse weiter; sam¬ 
melt Dokumentationsmaterial, Fotos, Gedächtni- 
sprotokollc zur Vorgehenswcisc der Polizei; leitet 
Infos über Gerichtsverhandlungen gegen WAA- 
Gegner weiter etc. 

Über das Büro läuft zudem die Koordination von 
Aktionen (Ostercamp, Pfingstcamp etc.). 

Kontakt und Infostelle: Büro »Freies Wackerland«, 
Altenschwand 91, 8465 Bodenwöhr. 



☆ Was die Sandinisten von den Anarchisten halten - 
nämlich gar nichts bzw. das, was schon immer im 
marxistisch-leninistischen Wörterbuch stand (Klein¬ 
bürger, Konterrevolutionäre etc.), kann mcnsch 
ausführlicher in der neuen schweizer Anarchozeit- 
schrift BANAL nachlcscn (4.-DM). Bezug: Anares- 
Vertrieb, PF 229, CH-3000 Bern-8. 

☆ Ein Photoband zum Kongreß in Venedig ist er¬ 
schienen ; er enthält 270 Aufnahmen. Bezug: Edtzio- 
ni Antistato, Via Guido Reni 9616,1-10136 Torino. 


☆ Gesucht werden Infos zum Thema »Umgehung 
des Kriegs-, Zivil- und Ersatzdienstes« für ein Hand¬ 
buch für Kriegs- und Zivildienstfeinde. Wer hat Er¬ 
fahrungen mit Gesetzeslücken etc. Kontakt: Freie 
Journalisten, PF 10 28 01, 4630 Bochum-L 


☆ Die Initiative gegen Wehrpflicht gibt ein Diskus- 
sionspapicr zur Arbeit gegen die Wehrpflicht her¬ 
aus. 85 S., 4,50DM. Die Broschüre enthält u.a. die 
Geschichte der Wehrpflicht, Kriminalisierung, Ver¬ 
weigerung, Desertation, Zivildienst-Überwa 
chungsvcrwcigcrung, Knastbewegung, Kricgsstcu- 
erboykott, Zusammenhang mit Sichcrhcitsgcsctzcn, 
VOBO usw., Infos zur Kampagne gegen Wehr¬ 
pflicht. . 

Kontakt: C. Rosenthal, PF 3201, 3400 Gottmgen; 
Stadtsparkasse Göttingen (BLZ 260 500 01), Ktonr. 
1800 4069. 


Betrifft Emma Goldman-Forschung. Die amcri- 
nischc Universität Berkeley versucht alles von und 
er Enima Goldman zusammenzutragen; dabei 
id die Buchhinwcisc weitgehend erfaßt und cs geh 
r allem um Erwähnungen in alten anarchistischen 
litschriftcn. Wer solche Stellen kennt, möge sic 
ttcilcn; wer in Archiven auf Polizciaktcn etc. stoßt 
mma Goldman war z.B. 1932 auf einer Dcutsch- 
ld-Rundreisc) möge sie kopieren und zuschicken. 
; Kosten werden selbstverständlich jeweils erstat- 
• wer gar Briefe von oder an Emma Goldman 
nnt oder weiß, wo welche zu finden sind soll sich 
Unfalls melden. Diese Suche bezieht sich nur auf 
n deutschsprachigen Raum, in anderen Landern, 
„ z.B. den Niederlanden (IISG Amsterdam) wird 
rcits von anderen Genossen dieses Projekt untcr- 
itzt. Kontakt: Wolf gang Hau g, Pf, 7031 Grafe■ 




☆ Platten: »Generalstreik ein Leben lang« - Zitat 
Gregor Gogs auf dem Stuttgarter Vagabundenkon¬ 
greß 1929. Vagabundcnlicdcr, nicht nur romanti¬ 
scher Art. Bezug: Peter Pandula, Grabenstr. 28, 
7410 Reutlingen-2. 

»The Ex« - Anarcho-Doppclsinglc zum Spanischen 
Bürgerkrieg. Diese holländische PUNK-Band hat 
sich einen (sehr lohnenden!) Photokatalog zu Spa¬ 
nien 36-39 einfallcn lassen, in dessen Titelumschlag 
die beiden Singles stecken. 

Kontakt: The Ex, Galgenstraat 4a, NL-1013 LT Am¬ 
sterdam; Vertrieb: u.a. De Konkurrent, Postbus 
14598, NL-1001 LB Amsterdam. 



( 

1 


☆ Die anarchosyndikalistischc Bewegung Argenti¬ 
niens, FORA, früher nach der spanischen Sektion 
die größte der IAA, reorganisiert sich wieder. Infos 
bei: Jesus Gil, C. Salvadores 1200, Buenos Aires 
C.P. 1167, Argentinien. 

☆ Das Libertäre Forum Berlin vertreibt ein Flug¬ 
blatt »Anarcho-Syndikalistcn: Gewerkschafter ge¬ 
gen Atomstrom«. Kontakt: Libertäres Forum, Gnei- 
senaustr . 2,1000 Berlin-61. 

















so 


* Großdemonstration am 8.1L in Hanau für 
die sofortige Stillegung aller Atom-Anlagen. 
Mit fast 20 Atomanlagen und -firmen in und 
um Hanau befindet sich dort die größte Zu¬ 
sammenballung der Atomindustrie in Euro¬ 
pa. Von dort aus droht eine Plutoniumverseu¬ 
chung ganz Europas; dort werden u.a. Uran¬ 
vorkommen verarbeitet, die in Indianerreser¬ 
vaten und aus Namibia unter repressiven Be¬ 
dingungen gewonnen werden. Kontakt: In¬ 
itiativgruppe Umweltschutz Hanau (IUH), 
Nähefahrtsweg 5, 6450 Hanau-Steinheim 
(Tel.06181/61339, Mo 20-24, Mi 16-20 Uhr). 



* Demonstration gegen die WAA und die Plu- 
toniumswirtschaftspolitik in München am 
4.10.86 - und wenn die GRÜNEN aus wahl- 
taktischen Gründen nicht mehr mitmachen 
wollen, muß es erst recht eine Massendemon¬ 
stration werden, damit sic endlich merken, 
daß sie nicht die eigentliche Bewegungen re¬ 
präsentieren, sondern nichts weiter sind, als 
was sie scheinen: Stellvertreter, j 


* Vom 20.-21. September wird in Bremen ein 
Seminar Ungehorsam werden - Widerstand 
leisten - Unfreiheit spüren veranstaltet. Re- 
ferentin und Kontakt: Katja Tempel , Tel. 
04294-1247. 

Daran schließt sich ein Seminar in Wustrow 
an Der wahre Ort für einen gerechten Men¬ 
schen: das Gefängnis? 


* Vom 19.-21. September findet in der Bil¬ 
dungsstätte Wustrow ein Seminar über Ge¬ 
waltfreiheit und Basisdemokratie statt. Refe¬ 
renten: Karen Hinrichs und Christoph Bese¬ 
mer (GA Freiburg); Leitung: Wolfgang Hert- 
le. Kontakt: Bildungs-and Begegnungsstätte 
für gewaltfreie Aktion e.V., Kirchstr.14, 3135 
Wustrow. 

* Vom 24.-26. Oktober findet in Hannover ei¬ 
ne Tagung zum Thema Die Friedensbewe¬ 
gung vor der Bundestgaswahl statt. Fragen 
u.a.: Wie weit wird sich die außerparlamenta¬ 
rische Friedensbewegung in den Wahlkampf 
cinmischen, um ihn für ihre Ziele zu nutzen? 
Wie könnten eigene Widerstandsperspekti¬ 
ven ausschen? Bildet die Friedensbewegung 
einen Gegenpol gegen die sich verbreitenden 
Hoffnungen auf ein rot-grünes Bündnis? In¬ 
wieweit könnte sie Druck auf ein solches 
Bündnis ausüben? Leitung: Dieter Schöff- 
mann (Bremen), Gerhard Stamer (Wustrow). 
Kontakt: Tel. 05843 507 . 



AUS DEM INHALT : 

Der Supergau von Tschernobyl 

Chronologie des Unfalls und der Folgen 
Gesundbeten contra Horrormeldungen 
Ein Reaktor geht durch 
Der Unfallreaktor von Tschernobyl 
Katastrophenschutzplan Stade 

Die Folgen von Tschernobyl 

Die Zusammensetzung der Wolke 
Gibt es Strahlenschutzmaßnahmen? 

Was passiert in unserem Körper? 
Zwischen Panik und Verdrängung 

Atompolitik nach Tschernobyl 

Strahlenschutzkommission 
Staatliche Informationspolitik 
SPD und Grüne 
Sofortiger Ausstieg ist möglich 
Kippt das Atomprogramm? 

Europa unter der Wolke 

Widerstand nach Tschernobyl 

Schlaglichter des Widerstandes 

Endlager-Spektakel 

Herzschläge 

Wackersdorf einschl. 07.06. 

Brokdorf, Kleve, Hamburg 
Aufschwung der Anti-AKW-Bewegung? 

Diese Dokumentation der Anti- 
AKW-Bewegung kann bestellt wer¬ 
den (für 5,- DM, ab 10 Ex. 3,50 DM) 
bei: a t o m , Postfach 1945 in 3400 
Göttingen (Tel.: 0551/7700158) u. o. 
radi - aktiv, c/o. A. Aschenbrenner, 
Keßlerplatz 15 in 8500 Nürnberg! 

Atom 

berichtet von den Standorten von 
Atomanlagen 

setzt sich kritisch mit der Friedens¬ 
bewegung und den Grünen auseinand. 

Atom 

erscheint zweimonatlich u. kann über 
die Göttinger Adresse für 4,- DM abo- 
niert werden.. 


Termine 

* Für Späturlauber! Im September und Okto¬ 
ber täglich zwischen 15-18 Uhr hat das Musee 
Paul Reclus (Place de la Halle , F-24500 Dom- 
me (Dept. Dordogne; östlich von Bordeaux) 
geöffnet. In diesem Haus werden neben tradi¬ 
tioneller Volkskunst auch Erinnerungsstücke 
des bekannten Geographen und Anarchisten 
des 19. Jahrhunderts Elysee Reclus ausge¬ 
stellt. Eintritt frei! 

Ganzjährig (außer Dienstags) von 14-17.30 
Uhr geöffnet hat das Musee Maximilien Luce 
(Hotel de Ville, F-78200 Mantes-la-Jolie (Re¬ 
gion Paris). Das Museum enthält 130 Werke 
von Luce, einem Freund der Impressionisten 
und Anarchisten Serrat und Pissarro , zum 
Thema »Arbeit und lokale Landschaft«. Da¬ 
neben weitere Werke u.a. von Van Dongen. 
Luce (jun.) und Van Dongen haben zudem ei¬ 
ne beträchtliche Menge Material zur Illustra¬ 
tion anarchistischer Bücher zusammengetra¬ 
gen. Eintritt frei. 

Ebenfalls ganzjährig (außer Dienstag) von 
10.30-18 Uhr und Sonntags von 14-18.30Uhr 
öffnet das Musee d’art et d’histoire (22bis ruc 
Gabriel-Peri, F-97400 Saint-Denis (Vorort 
von Paris). Die zweite Etage ist der »Pariser 
Kommune« gewidmet: mehr als 10000 Werke 
(Gemälde, Zeichnungen, Plakate, Stiche, Fo¬ 
tos, Zeitschriften, Dokumente u.ä. Als Bei¬ 
spiele seien erwähnt: La Liberatrice von 
Steinlen; 2 Porträts von Louise Michel von 
Girardct, La Barricade - ein Stich von Manet 
usw. Freier Eintritt nur sonntags! 



Nach der Aufstellung des ultramodernen Ba- 
kunin-Dcnkmals von Boris Koroljoff wagten 
es die verantwortlichen Männer, im Bewußt' 
sein der Unpopularität derartiger Experimen¬ 
te, lange Zeit nicht, die Statue überhaupt zu 
enthüllen und hielten sie andauernd hinter ei¬ 
nem Bretterverschlag verborgen; als aber 
dann in den kalten Wintertagen arme Leute 
die Bretter davontrugen, um sie als Brenn¬ 
holz zu verwenden, da wurde eines Tages zur 
allgemeinen Bestürzung das unverhülltc Mo¬ 
nument sichtbar, ein Anblick, der sogleich ei¬ 
ne wahre Revoolte der Massen hervorrieb 
Die allgemeine Entrüstung ging so weit, daß 
die politischen Behörden es vorzogen, das 
Denkmal sofort demolieren zu lassen. 

(aus: Rene Fülöp-Miller: Geist und Gesicht 
des Bolschewismus; Zürich/Leipzig/Wicn 

1926) 
















btr. SF-21: Franz Jung (Art. v. Hcrby Sachs) 

-.mit Interesse habe ich den FRANZ JUNG Arti¬ 
kel gelesen. Vor etlichen Jahren wurde ich schon 
auf Jung hingewiesen. So habe ich seinerzeit zu den 
ersten Interessenten der Subskriptionsausgabe des 
JUNG-Werkes in der Edition Nautilus gehört. Bis 
jetzt habe ich diesen Schritt nicht bereut. Mich faszi¬ 
niert dieser Jung trotz - oder gerade wegen - seiner 
Widersprüchlichkeiten. 


MARXISTISCHE KRITIK Nr. 1 erschienen 

Wozu eine neue marxistische Zeitschrift? 

❖ Um jene scheinbar sattsam bekannte Theo¬ 
rie mittels einer kritischen Bedinungsana- 
lysc der alten untergehenden Arbeiterbe¬ 
wegung gegen den Strich ihrer historischen 
Entwicklung und Interpretation zu bür¬ 
sten. 

* Um die marxistischen Fundamentalkatego¬ 
rien in der theoretischen Auseinanderset¬ 
zung mit den neuen gesellschaftlichen Er¬ 
scheinungen neu zu erarbeiten. 


larxistiscne 


I. Jahrgang 
Mür: /WM 
Prcicfi.- OM 
ISSSOI7S-7(>9t 


iischrift für revolutionäre Theorie und Politik 



- „Die Krise des Tauschwerts“: Neubestim¬ 
mung des Begriffs der produktiven Arbeit; 
Vergesellschaftung der Arbeit durch Verwis¬ 
senschaftlichung der Produktion; der Zusam¬ 
menbruch der (Mehr)Wertproduktion. 


~ „Das Abstraklwerden der Arbeit“: die histo¬ 
rische Entfaltung einer wesentlichen kapitali¬ 
stischen Realkategorie und die Entfaltung ih¬ 
res inneren Widerspruchs durch Anwendung 
der Mikroelektronik. 


~ „Wissenschaft, Rationalisierung und Quali¬ 
fikation im Kapitalismus“: Überblick über die 
wissenschaftliche Debatte vom Rationalitäts- 
begriff Max Webers bis zu den heutigen Fra¬ 
gen der Automation. 


MARXISTISCHE KRITIK erscheint unregel¬ 
mäßig, mindestens aber zweimal jährlich und 
wird herausgegeben von der INITIATIVE 

Marxistische kritik (imk) 

Einzelpreis DM 6,-. Für Buchhändler und 
Wiederverkäufer DM 4,-. Abonnement (vier 
Ausgaben) DM 24,-. 

Verlag Marxistische Kritik, Postfach 2111, 
8520 Erlangen. 

Bestellungen und Abonnements an die Adresse: 
^orbert Irion, Postfach 2441, 7900 Ulm_ j 


Im Zusammenhang mit der Nautilus-Piusguoc 
möchte ich darauf hinweisen, daß die Abonnenten 
der Werkausgabe in 10 Bänden den »Weg nach un¬ 
ten« nicht als Bestandteil dieser Ausgabe und auch 
nicht zum Subskriptionspreis bekommen. Der 
»Weg nach unten« ist laut Vcrlagsauskunft nicht 
Band 4, er erschien als »Sonderausgabe«. 

Im Artikel ist ein kleiner Widerspruch. Auf Seite 50 
heißt cs »Der Weg nach unten« wird 1961 veröffent¬ 
licht. Auf Seite 47 heißt es hingegen: »Unter dem 
Titel Der Torpedokäfer war auch dieses Buch schon 
Anfang der 60er Jahre erschienen. Das Buch hieß 
bei Erscheinen »Der Weg nach unten«. Dann kam 
1972! nicht Anfang oder Ende der 60er Jahre »Der 
Torpedokäfer« als Taschenbuchausgabc auf den 
Markt. Auch die anderen erwähnten Ausgaben in 
der Sammlung Luchterhand sind erst Anfang der 
70er Jahre erschienen... 

P.S. Laut »Wcltrevolution« muß der im Anhang er¬ 
wähnte Jan Appel vor nicht allzu langer Zeit ver¬ 
storben sein. 

Bernd Sigel, Tübingen 

[Weil wir’s jetzt doch genau wissen wollen: Unter 
dem Sammcltitel Die roten Jahre / bzw. II, 1972 
bzw. 1973; Anm. der SF-Rcd.] 



btr. SF-21: Libertarians 

...ich kann die norwegische Variante ergänzen: die 
Volksabstimmung 1973 über die Mitgliedschaft in 
der EG führte zu einer Reihe von Absplitterungen 
aus dem etablierten Parteiensystem und zu zwei 
Neugründungen: einmal den Marxistcn-Lcninisten 
»Kommunisten - Partei der Arbeiter (AKP, m-1)«, 
ein links-schizophrcncs Gebilde und zum anderen 
rechts, zu der nach ihrem Gründer so genannten 
»Anders Lange Partei«. Nach seinem Tod 1976 
übernahm ein Typ namens Carl J. Hagen die Füh¬ 
rung und seitdem heißt die Gruppierung »Fort¬ 
schrittspartei«. Es gab in etwa zcitglcichc Gründun¬ 
gen parallel in Dänemark (Glistrup) und Finnland 
(Vcikko Vcnnamo). Ähnlich den Amerikanern sind 
die skandinavischen Ableger rcchts-populistischc 
Bewegungen. Der allgemeine, verschwommene Ap¬ 
pell an eine Unzufriedenheit soll Inhalte ersetzen; 
dabei sind sic öffcntlichkcitsgcil ohne Grenzen; ein 
Beispiel: Kabelt der Norweger Carl J. Hagen an eine 
Bürgcrmcistcrvcrsammlung in der Finnmark: »Wir 
sind für den totalen Stop aller Entwicklungshilfe und 
wollen die freiwerdenden Mittel an die Finnmark 

überführen.« 

Jürgen Wierzoch, Oslo 



■WAUirin; . . 

Durch Zufall entdeckten wir auf dem Flohmarkt ei¬ 
nen Aquarcllblock mit 22 Aquarellen aus den ersten 
Tagen des Spanischen Bürgerkriegs. Nach unserer 
Meinung sind nur wenige Exemplare nach Deutsch¬ 
land gekommen und hier nie veröffentlicht gewe¬ 
sen. Gerade zum 50. Jahrestag kommt ein Flut von 
Literatur auf den Markt, doch fast nichts m Ric 
tung Kunst im Spanischen Bürgerkrieg. Wir halten 
das Dokument für veröffentlichtungswurdig. Das 
Problem dabei ist, daß die FarMithographien zu teu¬ 
er sind, um cs in Eigeninitiative zu veröffentlichen, 
zumal die Auflage gering wäre. Auch für die angc- 


sprochencn kleinen A-Vcrlage ist cs zu teuer. Des¬ 
halb suchen wir auf diesem Weg Leute, vielleicht 
auch Verlage, die Interesse hätten die Bilder mitzu¬ 
veröffentlichen. Dabei wäre finanzielle Unterstüt¬ 
zung notwendig. Hiermit rufen wir alle solventen 
Liebhaber auf sich mit uns über den SF in Verbin¬ 
dung zu setzen. Friedhelm und Roland aus Frank¬ 
furt. 



btr. Bookchins Philosophieansatz 
vgI.Rookchin-SF/19,20 

Die revolutionäre Bewegung spiegelt 
den Zustand, den sie angreift, negativ wider. 

(Max Horkhetmer) 

Es geht mir um den Nachweis, daß die Anarchisten 
(der Aufsatz ist länger, wir zitieren ihn am Beispiel 
Bookchins, SF-Red.) zum Nachteil ihrer Theorie 
von den bürgerlichen Theoretikern abhängig blei¬ 
ben: während cs diesen nicht gelingt, eine Gesell¬ 
schaft ohne Gewalt zu denken, verflüchtigt sich die 
Freiheit der Anarchisten zur bloßen Abstraktion. 

Für Bookchin ist die wahre menschliche Gesell¬ 
schaft, die wie verschüttet unter der wirklichen liegt 
und nur wicdcrcntdeckt zu werden braucht, die »or¬ 
ganische« Gemeinschaft, das soziale »Zellgewebe«: 
»Nach etwa 10.000 Jahren zutiefst ambivalenter so¬ 
zialer Evolution müssen wie wieder in die biologi¬ 
sche Evolution eintreten. . . Nur unser spontanster 
Wunsch, natürlich zu s ein - fruchtbar, kreativ und 
bis ins innerste menschlich verleiht uns überhaupt 
erst wieder das Recht, in die biologische Evolution 
als bewußte soziale Wesen einzutreten. . . . Denn 
was ist die »menschliche Natur«, oder was ist natür¬ 
lich am menschlichen Wesen? An diesem Punkt ist 
es, wie vorher schon, hilfreich, an die Wiege des so¬ 
zialen Lebens zurückzukehren - zu der verlängerten 
Entwicklung des jungen Menschen und der Mutter- 
Kind-Beziehung-, von der wir unsere Bilder einer li¬ 
bertären Rationalität gewonnen haben.« 1 
Dieses Programm einer universalen Regression pa¬ 
rodiert den Gedanken der Versöhnung (von Indivi¬ 
duum und Gesellschaft im Gcscllschaftsvertrag 
nach Rousseau, SF): an die Stelle der Selbstbestim¬ 
mung tritt die rationale Unterwerfung unter das Ge¬ 
gebene. Die bürgerliche Herrschaft über Natur, die 
umgeschlagcn ist in Herrschaft über den Menschen, 
wird ersetzt durch die Herrschaft der Natur, ein an¬ 
deres Wort nur für die Herrschaft des Menschen 
über den Menschen. Bookchin schließt jedoch 
nichts von dem aus, was wir als Errungenschaften 
der bürgerlichen Welt kennen und schätzen: 

»Eine ökologische Gesellschaft geht davon aus, daß 
der Begriff einer universalen humanitas, den uns die 
»Zivilisation« der letzten drei Jahrtausende vermittelt 
hat, nicht verloren ist. Sie geht auch davon aus, daß 
die starke Betonung individueller Autonomie, die 
zeitgenössische Denker so leichthin der Renaissance 
zuschreiben, eine unübertroffene Realität gewinnen 
wird - aber ohne den Verlust der starken gemein¬ 
schaftlichen Bindungen der organischen Gesell¬ 
schaft. An die Stelle der Hierarchie träte ein gegensei¬ 
tiges Auf einander-Verwiesensein, und Vergesell¬ 
schaftung würde von einer organischen Mitte aus ge¬ 
hen, in der die tiefempfundenen biologischen Be¬ 
dürfnisse nach Fürsorge, Kooperation, Sicherheit 
und Liebe aufgehoben wären, Freiheit würde nicht 
mehr in Gegensatz zu Natur gebracht werden, Indi¬ 
vidualität zu Gesellschaft, Wahl zu Notwendigkeit 
oder Persönlichkeit zu den Erfordernissen sozialer 
Kohärenz. « 2 

Bookchin ist sich dessen bewußt, daß er hier die Se¬ 
gnungen des Kapitalismus mit seinen der »organi- 














6S 


sehen Gesellschaft« kombiniert, 3 und daß der einzi¬ 
ge vermittelnde Begriff der der Wünschbarkcit ist, 
aber die einfache Wirklichkeit kann nicht alsEin- 
wand gegen die »Wirklichkeit einer Möglichkeit« 
geltend gemacht werden: 

»Die Ethik, die Werte und mit ihnen die sozialen Be¬ 
ziehungen, die Technik und die Selbstverwirklichung 
können jetzt selbstbesiimmt werden, geleitet von In¬ 
tellekt, Sympathie und Liebe. In aller Regel hat die 
»Zivilisation« dieses Versprechen von ideengeleiteter 
Selbstverwirklichung betrogen, aber das ändert 
nichts an der Wirklichkeit dieser Möglichkeiten und 
den vielen Situationen, in denen sie realisiert wur¬ 
den.« 4 

Die Synthese dieser Widersprüche fällt, man ahnt cs 
bereits, ins »verantwortliche Individuum«, eine un¬ 
auflösbare Einheit von Sclbstcntfaltung und Sclbst- 
bcschränkung, über dessen Entstchungsbcdingun- 
gen nichts zu erfahren ist. Nachdem so das »in eige¬ 
ner Verantwortung handelnde Individuum«, das an 


anderer Stelle kurz als »Bürger« bezeichnet wird, 5 
aus dem Geiste des Mythos gezeugt wurde, stellt 
sich, der Theorie des Gcscllschaftsvcrtrags (Rous¬ 
seau) entsprechend, die Frage seiner Vergesell¬ 
schaftung. Die aufbrcchendcn Widersprüche lassen 
sich am ehesten dann beschwichtigen, wenn das Ich 
seine Verwirklichung in der Phantasie, der Krcalivi- 
täät, der Utopie und der Sinnlichkeit sucht/ Ande¬ 
rerseits hat dieses aufgeklärte Ich Teil an einer all¬ 
gemeinen Vernunft, die cs über die persönlichen 
und klassenbestimmten Interessen hinaushebt: 7 
■»Der Arbeiter beginnt, seinen Status des Arbeiter¬ 
seins abzuschütteln, seine Existenz als bloßes Klas¬ 
senwesen, als eines Objekts von ökonomischen Kräf¬ 
ten, . . . und wird immer mehr zugänglich für die 
Entwicklung einer »erweiterten Denkungsart«. « R 
Eine Befreiung rein aus dem Kopfe - sic allein ist 
des »Bürgers« würdig, war cs doch ein Kardinalfeh¬ 
ler der »Sozialisten und Anarchisten des 19. Jahr¬ 
hunderts«, daß sic den Menschen nur ökonomisch 



und nicht ethisch sahen/ Die also befreiten schlie¬ 
ßen sich in den kleinen, privaten Kreisen unmittel¬ 
barer Nachbarschaft zusammen, in denen cs vor 
lauter Nähe große Probleme gar nicht geben kann: 
»Ich spreche hier von einer Welt, die einst, selbst in 
den größten Städten, Gemeinschaft in Form kulturell 
unterschiedlicher Nachbarschaften kannte, in der 
Kommunikation von Person zu Person staufand, in 
Vorgärten, an Straßenecken und in Parks; eine Welt, 
in der man seine Lebensmittel und Kleidung in klei¬ 
nen, persönlichen Läden kaufte, mit dem Händler 
dabei plauderte, sich beraten ließ, Klatsch austausch¬ 
te und dabei doch genau auf die Preise achtete (. . .)■ 
Vor allem herrschte in-dieser Welt einst in persönli¬ 
chen wie in sozialen Fragen ein höheres Maß an 
Selbstbestimmung, sie war menschlicher in ihrem 
Maß und in ihrem Anstand, stärker in ihrer Charak¬ 
terstruktur geformt und ihrer Bürgerschaft als soziale 
Einheit verständlicher. « >0 

Etwas grundsätzlicher betrachtet, ergibt sich aus 
dieser ländlichen Idylle (aus der die Betroffenen 
meist in die nächstgelegene Großstadt fliehen) die 
»direkte Demokratie«. , , Die Vorbilder für diese 
Utopie hat man in der Vergangenheit zu suchen; in 
den »uraltcrtümüchen kleinen indischen Gemein¬ 
wesen«, die Marx", in der frühen mittelalterlichen 
Stadt, die Kropotkin beschreibt 12 ; schließlich in der 
wicdcrentdccktert »athenischen Polis« 13 und in der 
amerikanischen Tradition 14 . Damit ist die »Vision 
von Bürgerschaft und Sclbstheit« 15 so ununter¬ 
scheidbar nahe an die Wirklichkeit hcrangcführl 
worden, daß nur noch eine ökologische Gesellschaft 
und eine »ökologischeEthik« 16 zu wünschen übrig 
bleiben, die sich wohl von selbst ergeben aus der 
Einsicht, daß »die industrielle Produktionsweise als 
Beleidigung des physiologischen Rhythmus des 
Menschen betrachtet« werden muß 16 und daß eine 
»formale Struktur weder besser noch schlechter (ist) 
als die ethischen Werte der Menschen, die ihr Reali¬ 
tät verleihen.« 17 

Die bürgerliche Theorie, die das Wesen des Ein¬ 
zelnen wie des Staates in der Gewalt sieht, mit der 
sic sich gegen ihre Konkurrenten durchsetzen, ist in 
dem Maße aufklärerisch, als sic die Wirklichkeit auf 
den Begriff bringt. ... die faktische Gewalt wird 
mit der Utopie der Versöhnung zusammen gedacht. 
Prcisgcgcbcn wird die Utopie erst dort, wo die leer 
und ortlos gewordenen Begriffe des bürgerlichen 
Denkens - autonomes Individuum und Gesell- 
schaftsvertrag, Vernunft und Freiheit - sich beliebig 
kombinieren lassen, weil die ganze Last von Wirk¬ 
lichkeit, die ihnen anhängt, vergessen wurde. Die 
Leichtigkeit, mit der dieses epigonale Denken sich 
die eigenen Wünsche erfüllt, ist nur die andere Seite 
seiner realen Ohnmacht. - Die Gesellschaft, die so 
totalitär geworden ist, daß sic sich die inszenierte 
Demokratie leisten kann, kann dem einzelnen ge¬ 
genüber als unbegreifliche und gleichwohl als objek¬ 
tive Ordnung auftreten. Das hilflos gewordene Sub¬ 
jekt, das seine Erniedrigung zum Objekt hinnimmt, 
reagiert darauf, indem es dem brutalen Faktum ge¬ 
genüber auf den Gedanken überhaupt verzichtet; 
indem cs dem unverbindlich Gedachten, dem bloß 
Privaten verfallt, das cs - fälschlich - für das Näch¬ 
ste, Unmittelbarste, damit Sicherste hält. 

Gilbert Reis, Echternach (Luxemburg) 

Anm.: 

1 Murray Bookchin: Die Ökologie der Freiheit. 
Übersetzt von Karl-Ludwig Schibcl. Bcltz-Verlag 
Weinheim und Basel 1985. S. 325,327,328 

2 S. 368 

3 Murray Bookchin: Jenseits des Neomarxis¬ 
mus, in: Hierarchie und Herrschaft. (Hg.) Bernd 
Leineweber und Karl-Ludwig Schibcl,Karin Kra¬ 
mer Verlag Berlin 1981 

4 Bookchin 1985, S. 337 
3 Bookchin 1981, S. 101 

6 Bookchin 1981, S. 112-115; Bookchin 1985. 

S. 363 

8 Bookchin 1981, S. 115 

9 Bookchin 1985, S. 340f. 

10 Bookchin 1985, S. 356 

“ Karl Marx: Das Kapital. Bd.l S. 378f. 

12 Bookchin 1981, S. 101/2 
15 Bookchin 1981, S. 111 

14 Bookchin 1981, S. 118. Vgl. dazu die kritische 
Diskussion in SF-21, 2/86, S. 56f. 

15 Bookchin 1985, S. 363 

16 Bookchin 1985, S. 374 

17 Bookchin 1985, S. 372 
















I 

• II 



' 





Nr.14: (64 Seilen) 

★ Arbeit, Entropie, Apokalypse und 35-Stunden 
wochc ★ Geheimer NATO-Stülzpunkt auf den Fä 
rörn ★ Cruise auf U-Boote - NATO-Pliinc ★ Euro 
pawahlboykotl ★ Antipüdagogik contra Libertäre 
Pädagogik ★ Gesell-Diskussion * Das letzte Inter 
view mit Augustin Souehy; + Filmbesprechung Die 
lange Hoffnung ★ Aufruf an Anarcha-Fcministin 
nen ★ Kritik an den Ökolibertären u.v.a.m. 


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"ALTE AUSGABEN DES SF: 

Ab und zu hält sieh hartnäckig das Gerücht, eine bc- 
s, immtc Nummer des SF - etwa die Kulturnummcr - 
s ei vergriffen. Ursache geben linke Buchhandlun¬ 
gen, die den SF nicht nachbcstcllcn, wenn das abon¬ 
nierte Kontingent ausverkauft ist. Fordert die La- 
dcnmacher/inncn deshalb auf, den SF nachzuor- 


^ Cr n; falls cs aus welchen Gründen auch immer 
nicht gelingt, wendet euch direkt an uns; gültig ist in 
Jedem Fall die unten wicdcrgcgcbcnc Liste: alle 
^° r t inhaltlich wicdcrgcgcbcnen Nummern sind 
"nch lieferbar. 


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, m neuen Abonnenten oder Interessierten die Ge- 
lc genheit zu geben, einen besseren Einblick in unsc- 
re bisherige Arbeit zu bekommen, machen wir fol- 


■ »ouenge Aroeil ZU ncKOinnivii, .. 

lindes Angebot: Fiir 4 alle Ausgaben schickt ihr 


Nr. 19: (64 Seiten) 

★ Unruhen in Griechenland ★ Entstehungsge¬ 
schichte der PASOK ★ Raus aus der NATO? * 
Thesen für einen libertären Kommunalismus ★ Kri¬ 
tik der Tofflcr-Thcscn ★ BTX ★ Reise in irisehc 
Knaste, Teil 2 ★ Einstellung der Zeitschrift »An¬ 
schläge« ★ Kritik der Subkultur (Punk und Ökob¬ 
ank) ★ Anarchismus und Mystik ★ Urachcr Kom¬ 
mune 1919 ★ Frauen in der FAUD 1919-1933 ★ An- 
archafcminismus ★ »Liebe und Anarchie« 

Nr.20: (64 Seiten) , 

★ Anti-NATO-Kongreß ★ Militarisierung der USA 
und UdSSR ★ Bruch mit den GRÜNEN ★ Sarc/taz 
hh ★ Unruhen in Spanien ★ Interview mit Clara 
Thal mann (I) ★ Deutscher Kolonialismus ★ Bar 
clays Anthropologicansatz ★ Postmoderne ★ Dis 
kussionsteil etc. 


nns c »nen 10.-DM Schein, Überweisung oder Brief- 
marken). WcIchcNummcrn ihr haben wollt, 
s ehreibt ihr dabei. Zur besseren Orientierung hier 
U * c Inhaltsangaben, zusätzlich haben wir eine mit 


'“»imiNanganen, zusiu/aicn u**'^** 

'nmorkunnon, Resistor, Vorwort. Rezension und 


-•“•llJjVIl, * 'Z. .. 

■ni Lay Out versehene NOSTALGIEhUM- 


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' (ebenfalls 10.-) zusammengeslelli, die Texte 
'en vergriffenen ersten 13 Nummern (0 - K) 


Nr. 21: ☆ Anarcho-Szcnc ☆ Kritik an den GRU 
NEN und Selbstkritik ☆ Glotz’ Hcgcmonicmodell 
☆ VOBO wieder neu ☆ Staatskrilik ☆ Interview 
mit Clara Thalmann (II) ☆ Mujcrcs Libres 
Slammhciin - das Buch ☆ Stammheim - der Film # 
Franz Jung tfrLibertarians? * Antisemitismus in der 
Linken ☆ Bookehins Kommunalismus * Diskus 
sionsteil etc. 


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Nr. 15: (64 Seiten) 

★ Kulturnummer? ★ FLI-Treffen (Lutter) ★ Auto 
matisicrungsdcbattc ★ Interview mit A. Gorz ★ 
Frau-Mann-Maschinc ★ Hacker ★ Pädagogik-Dis 
kussion ★ F. Ferrer ★ Anti-Kricgs-Muscum, ein In 
terview ★ Europawahlnachschlag ★ Migros-Oppo 
sition ★ Projcktcmcssc ★ Souehy: Mexiko ★ Rci 
mers: Oskar Kanchl ★ Faschismus-Antifaschismus 

★ S.GcseÜ-Diskussion ★ Omori ★ Libertäre Co 
mies ★ Venedig Veranslaltungsplan ★ u.v.a. 

Nr. 16: (64 Seiten) 

★ Venedig-Berichte (5 Teile) ★ Feminismus u 
Anarchismus (Vortrag aus Venedig) ★ 1984 = 
Ware (J. Clark-Vortrag aus Venedig) ★ Zur Wende 

★ IWF-Kritik ★ Kolumbicn/Scibstverwaltung ★ 
»Atomnuillpricstcr« ★ Buko-Bcricht ★ Oskar M 
Graf ★ »Bakuninhüttc« - Erinnerungen von Fritz 
Scherer ★ Nachruf auf Otto Reimers ★ Stowasscr 
Prozeß ★ u.v.a. 

Nr. 17: (64 Seiten) 

★ A-Szene ★ Industrialismus-Kritik, Teil 1 (Ansatz 
von AlvinToffler) ★ Sozialstaat oder Marktanarchic 

★ Bookehins Natur- und Evolutionsverständnis ★ 
Menschenrechte ★ Chile-Widerstandstage ★ Puerto 
Rico Landbesetzungen ★ Angst des Bürgers vor 
dem Anarchismus (Casas Viejas) ★ »Nährbodenfor 
schung« Nconazis ★ Spuren der Besiegten (Rcz.) ★ 
Zeitschriftcnschau ★ u.v.a.m. 

Nr. 18: (64 Seiten) (Kulturnummcr) 

★ Theater im Zeitalter totaler Medicnwclt ★ Vidc- 
ofront ★ Kultur oder wat? ★ Wider die Vereinnah- 
mung ★ Über Carl Einstein; mit seiner Rede über 
Durruti ★ Das andere Amerika (Filme) ★ Jean Vigo 
(Filmemacher) ★ Streit um den CNT-Nachlaß ★ 
Tschernyschcwski: Verwertung von Politik und Kul¬ 
tur ★ Herrschaftskultur: Reise in irische Knaste ★ 
A-Szene (FLI, AFN, »Volksfront«), u.v.a.m. 


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